Meinung
Schumachers Woche

Mein Fenster zum Hof – mein Ohr zur Welt

Autor Hajo Schumacher

Autor Hajo Schumacher

Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ

Hamburg. Die Weltreise beginnt um kurz vor sechs, wenn ein früher Vogel sein Radschloss angenehm vorsichtig öffnet, nur ein leises „Bing“ am metallenen Ständer. Gäbe es „Wetten, dass ...?“ noch, ich würde mich bewerben, weil ich zwei Dutzend Räder am Klang ihrer Schlösser erkennen kann. Ich schlafe bei offenem Fenster, von dem aus weder Pferdekoppel noch Bergsee zu erspähen ist, aber drei fensterreiche Wände, blickgeschützt vom hohen Ahorn. Hier bekomme ich eine Sinfonie des prallen Lebens.

Mein Fenster zum Hof ist mein Ohr zur Welt, live und unzensiert. Um sieben kommen die Müllwerker, mit klingendem Schlüsselbundspiel. Volle Tonnen klingen dumpfer. Die Massage-Praxis öffnet. Schwer zu sagen, ob ein Radio läuft oder der Masseur beim Kneten die Nachrichten des Tages deklamiert. Die Teilzeitbewohner der Airbnb-Wohnung reißen ihre Rollkoffer übers Pflaster. Klingt fast wie Mülltonnen. Vorher haben sie rasch und leise leere Flaschen neben die Container gestellt. Menschen aus anderen Ländern fürchten Mülltrennungsfehler. Ein Paar aus den oberen Stockwerken zelebriert seinen täglichen Zoff, der sich wunderbar mit den Klaviertönen mischt, die ein tapfer übendes Menschenkind, nun ja, zaubert. Dem Himmel sei Dank, dass niemand ein Saiten- oder Blasinstrument lernt.

Der Bote steht mit Kartons im Hof und ruft hilflos die Wände empor. Ein Beweis für die menschliche Wärme unseres Hinterhofes ist, dass sich immer jemand findet, der Pakete annimmt. Im italienischen Restaurant klappert es verheißungsvoll. Der Küchenhelfer telefoniert mit zu Hause, mal aufgeregt, mal traurig, manchmal euphorisch. Die Baden-Württemberger im Erdgeschoss gucken „Tatort“ in Endlosschleife. Beim frisch verliebten Paar hinten rechts oben bleibt der Fernseher seit Wochen kalt; fröhlicher Radau ist trotzdem. Schlafen? Geht gerade nicht. Immer findet sich ein Spätheimkehrer, der das Schloss etwas lauter anbringt. Ruhe ist wichtig. Aber Vertrautheit ist noch wichtiger.