Meinung
Gastbeitrag

Ein Autobahn-Zubringer mitten in der Stadt?

Kristina Sassenscheidt ist Geschäftsführerin des Denkmalvereins Hamburg.

Kristina Sassenscheidt ist Geschäftsführerin des Denkmalvereins Hamburg.

Kristina Sassenscheidt, Geschäftsführerin des Denkmalvereins Hamburg, schreibt im Hamburger Abendblatt über die Verkehrswende.

Hamburg. Kein Sportwagen wird mehr auf dem Jungfernstieg den Motor aufheulen lassen, und der Stop-and-go-Verkehr im Passagenviertel soll ein Ende haben. Grüne und SPD haben sich in den Koalitionsverhandlungen auf eine „autoarme“ Innenstadt geeinigt. Und es sollen weitere Radwege entstehen. Das sind die guten Nachrichten. Mobilität zukunftsfähig, Klima gerettet, alles gut?

Leider nein. Was als große Verkehrswende gefeiert wird, ist bislang nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Dort, wo zahlreiche, vor allem weniger wohlhabende Menschen wohnen, am Ring 2, an den Ausfallstraßen, werden regelmäßig die EU-Grenzwerte für die Luftreinhaltung gerissen. Lärm, Feinstaub und fehlende oder gefährliche Fahrradwege bestimmen den Alltag vieler Hamburgerinnen und Hamburger.

Seit Jahrzehnten ein Symbol für zu viel Verkehr in einem dicht bebauten Wohngebiet ist die Stresemannstraße in Altona, und insbesondere die Kreuzung an der Max-Brauer-Allee unter der denkmalgeschützten Sternbrücke. Täglich rollen unter dem 95 Jahre alten Bauwerk fast 50.000 Autos durch. Wie unter einem Brennglas verdichten sich hier alle Probleme der „autogerechten Stadt“, die jeden lebenswerten Raum zerstört. Nach einem tragischen Unfall 1991 wurde der Autoverkehr hier für elf Jahre auf zwei Spuren reduziert, sank von 43.000 auf 24.000 Autos, und die Bevölkerung konnte kurzzeitig aufatmen – bis die Schill-geführte Verkehrsbehörde gegen heftige Proteste wieder Vierspurigkeit einführte und die Anzahl der Fahrzeuge erneut in die Höhe schoss.

Im Zuge der notwendigen Sanierung der Sternbrücke wäre gerade hier der Weg frei für eine Neuordnung des Verkehrs an der Stresemannstraße und, mit einem vorausschauenden Gesamtkonzept, an Alternativrouten wie der Holstenstraße. Dann könnten Lärm- und Feinstaubbelastung dauerhaft gesenkt werden und sichere Fahrradwege entstehen, während man zugleich behutsam mit dem baulichen Erbe der Stadt umginge. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit mit einem neuen rot-grünen Senat, der sich die Mobilitätswende auf die Fahne geschrieben hat. Oder?

Die Realität sieht leider anders aus: Die Deutsche Bahn hat gerade einen Neubau für die Sternbrücke vorgestellt, der mit einer riesigen Stabbogen-Kon­struktion mit einer Scheitelhöhe von 21 Metern für diese Ecke völlig überdimensioniert ist – und das nur, weil die Verkehrsbehörde den Autoverkehr unter der Brücke vierspurig und stützenfrei ausbauen will. Mehr Platz für Fahrräder auch neben der Brücke gäbe es bei vier Autospuren nur, wenn man zusätzlich Dutzende Häuser entlang der Stresemannstraße abreißen würde – ein Szenario, das unfassbarerweise tatsächlich als Planspiel in der Verkehrsbehörde kursiert. Jetzt sollen aber erst mal die denkmalgeschützte Brücke, ihre expressionistischen Unterbauten und sieben an die Brücke grenzende Altbauten abgerissen und der Umgebungsschutz für die umliegenden Denkmäler massiv beeinträchtigt werden. Ein urbaner, charaktervoller Stadtraum soll noch mehr Autos weichen. Aus einer kleinen Kreuzung soll ein Autobahn-Zubringer werden. Mitten in der Stadt.

Dabei läge die Lösung auf der Hand, weil sie längst erprobt ist: Die Stresemannstraße müsste nur wieder für Autos in jede Richtung einspurig werden. Die äußeren Spuren würden zu gemischten Rad- und Busspuren, so wie es auch an der Feldstraße sehr gut funktioniert. Dann könnte die Brücke erhalten oder durch eine identische, stadtbildverträgliche Konstruktion mit Stützen ersetzt werden. Vorstudien liegen dazu in der Stadtentwicklungsbehörde bereit. Eine NDR-Umfrage hat gerade belegt, dass mehr als die Hälfte der Befragten einen Ausbau der Radwege zulasten von Kfz-Spuren befürwortet.

Vor einigen Monaten hat sich die Initiative Sternbrücke gegründet, die sich für eine nachhaltige Erneuerung der Brücke, eine fahrradfreundliche Verkehrsführung und eine Erhaltung des kulturellen Nukleus starkmacht. Die Verkehrswende entscheidet sich nicht am Jungfernstieg. Sie entscheidet sich in den Vierteln, wo die Menschen leben – in der Stresemannstraße, an der Sternbrücke. Der Senat, und insbesondere die Grünen, können jetzt zeigen, wie ernst es ihnen mit ihrem Wahlprogramm ist.