Meinung
Schumachers Woche

Meine Sonnenbrille den Archäologen!

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Hajo Schumacher
Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher.

Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher.

Foto: Reto Klar

Hamburg. Diese Woche habe ich etwas für die Forschung getan. Es geschah während eines Ausflugs am dafür vorgesehenen Männerfeiertag: Ich lehnte mich gewohnt schwungvoll über den Rand eines Paddelboots, stocknüchtern, ich schwöre. Leider sind meine Ohren infolge des Maskengebrauchs erschöpft, Schlappohren sozusagen. Meine Sonnenbrille hielt jedenfalls nicht und fiel ins dunkle, kalte, tiefe Wasser. Der Seegrund soll schlammig sein, außerdem wohnen dort gefräßige Welse oder Schlimmeres. Sonnenbrillen stehen mir ohnehin nicht, außerdem handelte es sich um ein billiges Stück. Denn ich verliere Sonnenbrillen sehr oft, jedenfalls die, auf die ich mich nicht vorher gesetzt habe.

Wenn ich was kann, dann verlieren. Gäbe es bei Olympia diese Disziplin, ich hätte Goldchancen. Ich kann Schlüssel, Ladegeräte und ganze Smartphones verlieren. Einmal trug mir ein netter Straßenverkäufer meine EC-Karte hinterher, die ich im Automaten hatte stecken lassen. Und neulich dachte ich, ich hätte unser Auto verloren. Dabei war mir nur entfallen, wo ich es abgestellt hatte.

Auch die Wikinger waren schusselig

Nun stellt sich heraus, dass Verlierer ein Segen für die Wissenschaft sind. Archäologen stoßen spitze Schreie aus, wenn sie verlorene Pfeilspitzen, Wanderstöcke oder Schlittenkufen finden. 200 Kilometer von Oslo entfernt befreite der Klimawandel den Lendbreen-Pass vom Eis und damit eine alte Handelsstraße der Wikinger. Dort fanden Forscher Berge von Verlorenem. Tröstlich zu wissen, dass auch die Wikinger etwas schusselig waren und intakte Pfeile verloren, Schneeschuhe für Pferde und sogar eine Tunika, 1700 Jahre alt. Warum wurde sie in eisigen Höhen abgelegt? Erregung, Met, Irresein? Man weiß es nicht.

Verlieren kann man nicht erklären. Kenn ich. Wenn der Klimawandel einst unsere Gewässer trockenlegt, werden die Archäologen der Zukunft neben meiner Sonnenbrille bestimmt einen Elek­troroller finden und jede Menge Leergut. Sie werden daraus ein treffendes Bild unserer Zeit entwerfen.

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