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Deutschstunde

Als der Steinmetz den Bindestrich entfernte

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Peter Schmachthagen
Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Robert-Koch-Institut oder Theodor-Mommsen-Schule: Bitte durchkoppeln! Es handelt sich um eine einfache Rechtschreibregel.

Hamburg. Heißt es eigentlich „Robert Koch-Institut“ oder „Robert-Koch-Institut“? Anders gefragt: Schreibt man den Namen dieser in das Zentrum jeder Nachrichtensendung gerückten Bundesoberbehörde mit einem oder mit zwei Bindestrichen?

„Man“ schreibt den Namen sprachlich korrekt mit zwei Bindestrichen, und das bereits seit 1901. Oder besser ausgedrückt: Man müsste ihn so schreiben. Nur selbst die Behörde tut das nicht. Während jeder „Tagesschau“ ärgere ich mich über die amputierte Fassadenaufschrift oder die fehlerhaften Schrifteinblendungen so sehr, dass ich auch den Rest der Nachrichten nicht mehr glaube.

Gründung des Instituts unter anderen Voraussetzungen

Allerdings hat der spätere Nobelpreisträger Robert Koch das Institut bereits 1891 gegründet – damals unter anderen orthografischen Voraussetzungen. Bei der Anwendung des Bindestrichs handelt es sich um eine der einfachsten Rechtschreibregeln: Wenn mehrere Wörter, Buchstaben oder Zahlen vor dem Bezugswort stehen, dann wird die ganze Fügung ohne Ausnahme durch­gekoppelt: Gerhart-Hauptmann-Platz, Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität, E.-T.-A.-Hoffmann-Gesamtausgabe, Mitte-links-Regierung, K.-o.-Sieg, Frage-und-Antwort-Spiel und eben Robert-Koch-Institut.

Auch die Abkürzung „St.“ für „Sankt“ ist ein Bestandteil der Aneinanderreihung und bekommt ebenfalls einen Bindestrich: St.-Nikolaus-Kostüm, St.-Pauli-Pastor oder St.-Katharinen-Kirche. Diese Regel habe ich als Sextaner nicht nur gelernt, sondern auch erlebt. Da der Name Horst Wessel nach dem Krieg für das Gymnasium in Bad Oldesloe mit Recht nicht mehr haltbar war, schlug unser Oberstudiendirektor, ein gemütlicher Althistoriker, dessen Geschichtsunterricht im ersten Halbjahr nur aus Cäsar und im zweiten Halbjahr nur aus Bismarck bestand, den Namen Theodor-Mommsen-Schule vor.

Deutschlehrer mussten sich Direktor beugen

Mommsen hatte als Pastorensohn zeitweise in Oldesloe gelebt und war ein mit dem Literaturnobelpreis geehrter Wissenschaftler mit einem Forschungsgebiet, das 2000 Jahre vom Faschismus entfernt lag. Der Verein ehemaliger Schüler ließ den Namen „Theodor-Mommsen-Schule“ in goldfarbenen Metalllettern über dem neuromanischen Torbogen anbringen. Als der Direktor das sah, rief er nach dem Steinmetz, der den ersten Bindestrich wieder entfernen musste.

Die Deutschlehrer wanden sich jahrelang im Unterricht, wenn sie die Kopplungsregel erklärten und hinzufügten: „Der Herr Direktor ist allerdings der Meinung, dass …“ Der Direktor wurde pensioniert, und sein forscher Nachfolger marschierte am ersten Arbeitstag auf den Torbogen zu, las die Inschrift und ließ sofort den Steinmetz kommen. Der erste Bindestrich wurde wieder montiert, wo er noch heute sitzt und nichts mehr von der orthografischen Panne vor 70 Jahren ahnen lässt.

Vorsicht im Hamburger Nahverkehr

Einfache Komposita mit nur zwei Bestandteilen schreibt man besser zusammen: Mommsenstraße, Springerhaus, Heussplatz, Koreakrieg, Nildelta, Rheinwein, das Motorradfahren oder das Infragestellen. Soll der Name besonders hervorgehoben werden, kann man koppeln: die Folgen des Jalta-Abkommens. Vorsicht jedoch im Hamburger Nahverkehr!

Es heißt zwar der S-Bahn-Wagen, aber der S-Bahnhof. Stehen mehrere Wörter als Bestimmung vor einem sub­stantivierten Infinitiv, dann wird konsequent durchgekoppelt: das Auf-die-lange-Bank-Schieben, das In-den-April-Schicken, das Ins-Blaue-Fahren oder das Den-Duden-in-die-Ecke-Werfen. Das erste und das letzte Glied werden immer großgeschrieben, die anderen Teile so, wie sie als Einzelwörter geschrieben worden wären.

Bezirke und Stadtteile erhalten Bindestrich

Die „SPD Hamburg“ bekommt übrigens keinen Bindestrich. Hier steht das Bezugswort vorn und nicht hinten. Wir meinen ja „die SPD“ und nicht „die Hamburg“. Bezirke und Stadtteile wie Hamburg-Mitte oder Hamburg-Langenhorn werden wiederum angekoppelt, denn es handelt sich bei ihnen nur um einen Teil des Ganzen. Einen Bindestrich finden wir in Komposita mit Ziffern und einzelnen Buchstaben: i-Punkt, n-fach, V-Ausschnitt, x-beliebig, Fugen-s, 17-jährig. Ein DIN-A4-Blatt begnügt sich mit zwei Bindestrichen, weil in „A4“ Buchstabe und Ziffer eine Einheit bilden.

deutschstunde@t-online.de

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