Meinung
Deutschstunde

Wie kann ein Virus die Krönung sein?

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Ganz ohne Lateingeht es auch bei der Pandemie nicht. Nur mit Wörtern und Genera werden wir die Krise nicht lösen.

Ich hatte vor Kurzem meine Kolumne etwas keck und unter Umständen dem Ernst der Situation nicht ganz angemessen mit folgendem Satz begonnen: „Das Coronavirus hat das gesamte gesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle und sportliche Leben in Deutschland lahmgelegt, aber nicht die Deklination der Adjektive.“

Die Ermahnung aus der Leserschaft blieb wider Erwarten aus, nur eine Dame griff zum Kugelschreiber und DIN-A5-Block, um sich über ein einziges Wort zu beschweren, nämlich über das erste im Text – über das „Das“. Sie schrieb: „Im Lateinunterricht habe ich gelernt, daß die Endung -us bei einem Substantiv männlich ist, die sächliche Endung wäre -um. Warum sagen fast alle ‚das‘ Virus? Sie auch!“ Fast alle und auch ich sagen „das“ Virus, weil das Virus medizinisch und fachsprachlich ein Neutrum (sächlich) ist, und zwar bereits seit den Zeiten der Römer. Die kannten noch nicht die Bedeutung „kleines krankheitserregendes Partikel, das sich nur in lebendem Gewebe entwickelt“ und erst recht nicht die Definition „Computerprogramm, das falsche oder zerstörerische Befehle in anderen Programmen auslöst“, aber sie kannten das lat. Wort virus, -i n. (Schleim, Saft, Gift), das trotz der us-Endung ein reines Neutrum ist.

Unzählige Male musste ich in den Briefen an mich schon die Formulierung lesen: „Im Deutschunterricht habe ich früher gelernt“, was immer so ein bisschen wie die Referenz eines orthografischen Führungszeugnisses klingt. In neun von zehn Fällen war das angeblich Gelernte jedoch falsch und wäre auch seinerzeit falsch gewesen. Es sind ja meist die Tücken, Fallen und Ausnahmen der deutschen Sprache, die ich zum Thema nehme. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Deutschlehrer seinerzeit ihr Pensum nicht beherrscht haben, selbst wenn sie mit Weste, goldener Uhrkette und Resten des Frühstückseigelbs im Rauschebart in den Unterricht kamen. Neu ist aber, dass nun auch der Lateinunterricht in die Deutschstunde geholt wird. Man kann davon ausgehen, dass selbst ein deutschsprachiger Autor das große Latinum besitzt und sofort merkt, dass die us- und um-Hinweise sich nur auf die o-Deklination beziehen, die dabei von vielen nicht maskulinen (männlichen) Ausnahmen umgeben ist – etwa humus, -i f. („die“ Erde), vulgus, -i n. („das“ Volk) und eben virus, -i n. („das“ Gift). Wir haben seit Beginn der Krise millionenfach „das“ Virus gehört und gesagt, selbst wenn sich im Eifer des Gefechts – wie am Sonntag bei Anne Will – mit „der“ Virus ein Maskulinum einschleichen sollte, was wir umgangssprachlich tolerieren wollen.

Eine andere Dame verlangt nichts Geringeres, als den weltweit gebrauchten Begriff „Coronakrise“ in „Covid-19-Krise“ umzubenennen. Sie führt den Vornamen „Corona“ und wird nun allerorts als lebende Krise gehänselt. Ihre launigen Worte im Brief deuten allerdings darauf hin, dass sie weiß, wie unmöglich die Erfüllung ihres Wunsches ist. An dieser Stelle müssen wir erneut das lateinische Wörterbuch aufschlagen: corona, -ae f. heißt nämlich „Kranz“ oder „Krone“. Die Eltern der Einsenderin betrachteten die Geburt der Tochter als Krönung ihres Wunsches und wählten den Vornamen „Corona“, der jetzt so stört, dass die Trägerin beschlossen hat, den Zweitnamen „Johanna“ zum Ruf­namen zu machen. Weil das Virus im Elektronenmikroskop wie eine Krone (lat. corona) viele Zacken hat, haben die Forscher ihm den Namen „Coronavirus“ gegeben, und sein epidemisches Auftreten in aller Welt ist die „Coronakrise“. „Coronaviren“ bezeichnen quasi die Gattung, während „Covid-19“ ein bestimmtes Virus dieser Gattung ist.

Ein Leser fragt, warum so viele Blogger und Wichtigtuer im Netz grippekrank sind. Er dürfte „Influenza“ (Grippe) und „Influencer“ (Vorreiter, Trendsetter) verwechselt haben. Sie klingen ja ziemlich gleich. Eine Klage aus der Hansestadt: „Ein besonders schlimmes Beispiel für einen völlig unangebrachten Satz las ich heute auf dem Bildschirm in einem Wagen der Hamburger Hochbahn: We flatten the curve, und das ohne jeglichen deutschen Zusatztext. Wer soll das verstehen?“ Ein Kommentar aus Berlin: „Sic transit gloria grammaticae“ (So vergeht die Herrlichkeit der Sprache).

deutschstunde@t-online.de

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