Meinung
In eigener Sache

Wie die Wirtschaftsredaktion in Coronazeiten arbeitet

| Lesedauer: 5 Minuten
Oliver Schade
Oliver Schade leitet das Wirtschaftsressort beim Hamburger Abendblatt.

Oliver Schade leitet das Wirtschaftsressort beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Andreas Laible / HA

Immer montags gehen wir an dieser Stelle auf Kritik an der Berichterstattung, auf Wünsche, Fragen und Debatten ein.

Hamburg. Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde des Hamburger Abendblatts, immer montags wollen wir uns mit Ihren Wünschen oder Ihrer Kritik beschäftigen. Wir wollen über die großen Leser(brief)-Debatten sprechen und Einblicke in unsere Arbeit geben, sowohl in die Art, wie wir recherchieren, als auch, wie das Abendblatt gemacht wird. Wenn Sie dazu Anregungen haben, immer her damit: chefredaktion@abendblatt.de.

Einblick in die Arbeit in der Coronakrise

Heute und in den kommenden Wochen wollen wir Ihnen einen Einblick in unsere Arbeit in der Coronakrise geben – denn in der Redaktion des Hamburger Abendblatts ist derzeit wenig so, wie es in den vergangenen Jahren war. Das gilt auch für die Wirtschaftsredaktion. Die Zeit, in der wir uns unbeschwert in der Redaktion am Großen Burstah getroffen, uns persönlich über Themen ausgetauscht, über unterschiedliche Meinungen gestritten haben und mittags gemeinsam essen gegangen sind, sie liegt lange zurück. Sieben Wochen!

Und es kommt uns allen noch viel länger vor. Der Kontakt zwischen den Redakteuren beschränkt sich seitdem auf E-Mails, WhatsApp-Nachrichten und Telefonate. Viele Telefonate! Sehr viele Telefonate!! Egal, ob es um konkrete Themenabsprachen geht, eine Nachfrage zu einem Text, einen kurzen privaten Plausch oder nur ein „Sorry, verdrückt!“ ertönt.

Der Tag beginnt mit einer Telefonkonferenz

Jeden Morgen beginnen wir mit einer gemeinsamen Telefonkonferenz. Bereits am Abend des Vortages haben wir die aus unserer Sicht wichtigsten Themen besprochen. Morgens geht es darum, ob noch eine Idee dazugekommen oder über Nacht ein neuer wirtschaftlicher Brandherd aufgetaucht ist – und das passiert derzeit nicht selten. Dann heißt es: Termine verschieben und die neuen Entwicklungen recherchieren, analysieren, oft zudem kommentieren.

Und auch bei dieser Arbeit spielt das Smartphone eine viel größere Rolle als früher. Das kurzfristige Treffen mit Informanten in der Innenstadt ist nun deutlich schwieriger und seltener als vor Covid-19. Denn alle Kollegen der Wirtschaftsredaktion wohnen außerhalb des Zentrums, haben zum Teil lange Anfahrtswege aus dem Alstertal, aus Marms­torf oder Heimfeld in die City.

„Wir treffen uns gleich auf einen Kaffee“, das bedeutete früher, als wir noch täglich am Großen Burstah gearbeitet haben, einen Fußweg von fünf Minuten. Nun wären einige von uns für ein persönliches Hintergrundgespräch mit einem Informanten, das ohnehin nur auf 1,5 Meter Distanz stattfinden könnte, eine Stunde unterwegs. Dann doch lieber telefonisch.

Homeoffice und die Recherche vor Ort

So wägen wir sehr genau ab, wann ein Kollege sich aus dem Homeoffice begibt. Klar, für die Recherche über die Öffnung der Friseure in Hamburg wird sich meine Kollegin Hanna-Lotte Mikuteit am heutigen Montag vor Ort begeben, selbstverständlich unter Einhaltung der Sicherheitsvorgaben und Hygieneregeln. Denn einen solchen Report kann man nicht vom Schreibtisch aus schreiben.

Da wollen und müssen wir live dabei sein, mit den Kunden und Friseuren von Angesicht zu Angesicht reden. So ist es auch bei vielen anderen Reportagen – ob auf dem Spargelfeld oder am ersten Tag, als die kleineren Geschäfte in Hamburg wieder öffnen durften.

Stilles Übereinkommen zwischen Unternehmen und Redaktion

Doch was ist mit Interviews? Bilanzvorlagen? Hauptversammlungen? Hier gibt es aktuell – nennen wir es – ein stilles Übereinkommen zwischen den Unternehmen und uns, dass wir uns auf Telefonate oder Videoschaltungen beschränken. Für uns in dieser schwierigen Phase akzeptabel.

Auch wenn vor allem bei Bilanzvorlagen Nachfragen komplizierter geworden sind und die Gespräche am Rande der Veranstaltung mit den Entscheidern, in denen es früher oft Zusatzinformationen gab, wegfallen. Aber wir halten uns hier an die aktuell richtige Vorgabe aus Politik und Medizin: So
wenige direkte Kontakte wie möglich außerhalb des eigenen Zuhauses.

Nervige An- und Abfahrten zur Arbeit

Die neue Arbeitsweise in der Coronakrise ist anders, herausfordernd und sicherlich kein Dauerzustand. Das liegt vor allem daran, dass wir Menschen soziale Wesen sind, direkte Kontakte auch abseits des engsten Familienkreises brauchen, weil wir sonst anders werden – und zwar nicht im positiven Sinne. Zudem ist unser Team in der Wirtschaftsredaktion in den vergangenen Jahren eng zusammengewachsen.

Wir freuen uns eben auch, wenn wir uns persönlich sehen. Dennoch bietet das Homeoffice auch Chancen, fallen doch lange, oft nervige An- und Abfahrten zur Arbeit weg.

Viel Einsatz während der Krise

Das Wichtigste zum Schluss: Der Journalismus! Im kurzen Zeittakt erreichen uns in dieser Krise Informationen über Kurzarbeit, Insolvenzen, den Abbau von Stellen, aber auch Mut machende Geschichten über kreative Unternehmer. Beinahe täglich schrumpfen wegen der Vielfalt an aktuellen Themen Nachrichten zu kleinen Meldungen, die wir vor Corona auf 150 Zeilen oder mehr erzählt hätten.

Das Virus verlangt von uns viel Einsatz, höchste Konzentration, Flexibilität und Tempo. Für uns als Wirtschaftsredaktion ist diese Krise vor allem: eine Hochzeit des Journalismus.

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