Meinung
Deutschstunde

Der Shutdown der deutschen Sprache

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Autor schreibt über die Tücken der deutschen Sprache. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Autor schreibt über die Tücken der deutschen Sprache. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Nach der Pandemie wird sich manches geändert haben, auch unser Wortschatz. Jede Stunde null ist ein neuer Anfang.

Es ist erst ein paar Monate her, da setzte ich die Überschrift „Es war ein ganz normales Wochenende“ über meine damalige „Deutschstunde“. Ein ganz normales Wochenende mit einem üblichen Osterfest haben wir diesmal nicht erlebt. Ich will nun keine Corona-Aufarbeitung liefern. Die finden Sie an anderer Stelle im Blatt.

Doch als fast 80 Jahre alter Witwer, der ganz allein mit Hund auf dem Dorf wohnt, erlebe ich dieses Pandemie-Osterfest doch als etwas tief Beunruhigendes. Ich fürchte mich vor einer Ansteckung, traue mich zwar nach draußen, aber nicht mehr zum Supermarkt in die Kreisstadt. Ich hoffe, die Nachbarin wird anrufen und fragen, ob sie mir etwas einkaufen soll. Nun gut, zur Not werde ich auch ohne frische Eier überleben.

Zwei-bis Neunjährige sammeln sich im Dorf

Schulen und Kitas sind geschlossen, um die Gruppen der Kinder aufzulösen, doch hier in der Siedlung sammeln sich die Zwei- bis Neunjährigen zu einem wimmelnden Schwarm, der mit Geschrei durch die Gegend tobt. Offenbar sind die Kleinen gegen Viren immun.

Ich sage mir, dass – was auch immer passieren wird – Deutschlands Nachwuchs und damit Deutschlands Zukunft augenscheinlich gesichert ist. Selbst aus der Stunde null erwächst neues Leben, wie wir Älteren es schon einmal erlebt haben, als wir nach dem Krieg selbst jung waren.

Veränderungen der deutschen Sprache

Ich werde also hoffnungsvoll auf den Impfstoff warten, der laut Bill Gates frühestens in 18 Monaten zur Verfügung stehen könnte. Ob die Zukunft der deutschen Sprache ebenso gesichert ist, dürfte hingegen zweifelhaft sein. Einschneidende historische Ereignisse oder sich wandelnde gesellschaftliche Verhältnisse haben schon immer die Änderung des Wortschatzes nach sich gezogen.

Allerdings geschah das selten so schlagartig, quasi innerhalb weniger Tage. Da eine Pandemie nicht an den Grenzen der Staaten oder des Sprachraums haltmacht, werden von internationalen Organisationen auch pandemische Ausdrücke in die Diskussion geworfen.

"Homeoffice" und "Social Distancing"

Über „Homeoffice“ und „Social Distancing“ habe ich mich bereits in der letzten Folge geäußert, stelle aber fest, dass alle Schlagwörter aus Genf in allen Medien weiterhin zur täglichen Nachrichtensprache gehören. „Social Distancing“ könnte von vielen Laien nicht verstanden werden, obwohl es überlebenswichtig ist, dass es verstanden wird.

Angela Merkel sagte es klar und auf Deutsch: „Im Moment ist nur Abstand Ausdruck von Fürsorge.“ Die Senioren, die in die Isolation verbannt worden sind, würden das deutsche Wort „Stillstand“ des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sportlichen Lebens ohne Weiteres verstehen, nicht zuletzt an ihrem eigenen Zustand.

"Shutdown" oder "Lockdown"?

Doch was bedeutet eigentlich der „Shutdown“? Schlägt man nach, bekommt man folgende Erklärung: the closing of a factory, shop, or other business, either for a short time or for ever. Versuchen wir einmal eine Übersetzung: die Schließung einer Fabrik, eines Geschäftes oder anderen Unternehmens, entweder für kurze Zeit oder für immer.

Aber kann ein ganzes Land einen Shutdown erleben? In Konkurrenz dazu werden wir mit der Entlehnung „Lockdown“ traktiert. Der Lockdown bedeutet – jetzt gleich auf Deutsch – einen Zustand der Isolation, der Eindämmung oder des eingeschränkten Zugangs, der normalerweise als Sicherheitsmaßnahme eingeführt wird.

Anglizismen haben dort ihre Berechtigung, wo ein bestimmter internationaler Vorgang nicht anders ausgedrückt werden kann, aber nicht in der Nachrichtensprache, um die Leserschaft im Ungewissen zu lassen.

Sprachliche Neuschöpfungen wegen Corona

Wer oder was ist eigentlich ein „Coronaer“? Dabei soll es sich um eine mit Covid-19 infizierte Person handeln. Diese grausame sprachliche Neuschöpfung geistert zunehmend durch die Medien. Allerdings dürfte dieses Unwort keine Zukunft haben und es kaum in das Korpus des Rechtschreibdudens schaffen.

Richtig heimelig klingt im Vergleich dazu der Ausdruck „Gabenzaun“. Das ist ein Zaun, an den Tüten mit Einkäufen und Lebensmittelspenden für Isolierte und Bedürftige gehängt werden. Eine „Infodemie“ bedeutet eine weltweite, rasche Ausbreitung von Fake News, von Falschnachrichten und Verschwörungstheorien, was nicht minder gefährlich sein kann als die Pandemie selbst.

deutschstunde@t-online.de

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