Meinung
Nachspiel

Lasst mich noch einmal lallen, ihr Derbysieger!

Mirko Schneider ist freier Mitarbeiter des Hamburger Abendblatts.

Mirko Schneider ist freier Mitarbeiter des Hamburger Abendblatts.

Foto: Malte Grandt / www.headshots-hamburg.de

Schlimmer als 3. Liga: Wie ich durch St. Paulis Erfolg gegen den HSV in der Hinrunde einmal total die Kontrolle verlor.

Mein unvergessener Derbymoment ist scheinbar unscheinbar. Am Morgen nach dem epischen 2:0-Triumph in der Hinrunde lief ich, kurvenreich und lallend, über das Heiligengeistfeld. Ein paar Leute lächelten, eine junge Mutter zog ihre Tochter an sich, ein altes Ehepaar betrachtete mich kopfschüttelnd.

Nahe dem Ausgang Feldstraße passiert es: Ein Fremder erkundigte sich, wo die U-Bahn St. Pauli sei. „Saa…nn…ddd Pauuuliiii“, wiederholte ich glucksend und strahlte ihn an wie ein Honigkuchenpferd. Ob er mich für irre hielt? In (beziehungsweise auf) den Arm nehmen lassen wollte er sich jedenfalls nicht.

Gut, könnten Sie einwenden, da hatte wohl jemand eine Nacht lang auf die Stadtmeisterschaft angestoßen und war daher voll durch den Wind. Tja, falsch gedacht. Kein Alkohol, kein Nikotin, keine Drogen – seit ich denken kann, ist das für mich eisernes Gesetz. Den totalen Kontrollverlust fürchte ich noch viel mehr als die 3. Liga (und das will nach meinen Fan-Erfahrungen etwas heißen!).

St. Paulis Derbysieg gegen den HSV ließ mich die Kontrolle verlieren

Am Millerntor war ich an jenem Morgen, um mir eine Karte für das DFB-Pokal-Spiel gegen Frankfurt zu besorgen. Es war für mich als Dauerkartenbesitzer die letzte Möglichkeit. Ich musste also hin, obwohl ich in der Nacht kein Auge zugetan hatte. Mein Körper zersprang fast vor lauter Glückshormonen.

Dieser Derbysieg hatte, völlig unerwartet, einen gefühlt ewig gehegten Wunsch in mir befriedigt: den Ex-Dino HSV in der Zweiten Liga zu schlagen! Frei nach Nick Hornby: Es gibt nichts, was ich je so lange und so intensiv begehrt habe.

Als ich nach durchwachter Nacht zum Millerntor aufbrach, hatte ich tatsächlich vor lauter Übermüdung Sprache und Standfestigkeit verloren. Der totale Kontrollverlust war eingetreten. Und, liebe Spieler, er war unvergesslich und wunderschön. In diesem Sinne: Lasst mich noch einmal lallen, Jungs. Come on you boys in brown!