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Hamburgs Derby – was gibt es Schöneres?

Alexander Laux leitet das Sportressort des Hamburger Abendblatts.

Alexander Laux leitet das Sportressort des Hamburger Abendblatts.

Foto: Mark Sandten / HA

Viele HSV-Fans sehnen den Aufstieg herbei und sähen St. Pauli am liebsten in Liga drei. Aber der Zauber des Fußballs ist die Rivalität.

Derby ist nicht gleich Derby. Schon gar nicht Stadtderby. Man denke nur an das „Old Firm“, das stets religiös und politisch geprägte Duell in Glasgow zwischen dem katholischen Celtic FC und dem protestantischen Rangers FC. Auf der To-do-Liste vieler Fußball-„Stadionsammler“ ganz oben steht aber ein Trip zum „Superclásico“ in Buenos Aires zwischen Boca und River Plate.

Was vor den regelmäßig zum Klassenkampf hochstilisierten Partien alleine an Pyrotechnik abgefackelt wird, lässt die Choreografien auf deutschen Stehplatzrängen eher als Kindergeburtstag erscheinen. Die Rivalität besteht bereits seit den Anfängen. Weil beide Clubs die gleichen Vereinsfarben bevorzugten (Rot und Weiß), musste 1907 ein Entscheidungsspiel her.

Nach der Niederlage machten sich Bocas Verantwortliche auf die Suche nach einer neuen Farbkombination. Über die Entscheidungsfindung gibt es verschiedene Versionen. Eine besagt, dass man sich für die Farben der schwedischen Flagge entschied, weil man mit den skandinavischen Matrosen im Hafen besonders gut ein paar Gläser heben konnte.

Derbys gehen auch friedlich

Die Derbys in Schottland und Argentinien stehen aber auch für Gewaltexzesse und Tote. Ein mächtiger Boca-Fan soll 1994 nach einer 0:2-Niederlage die Ermordung von zwei River-Plate-Anhängern beauftragt haben. Die zynische Botschaft danach lautete: „Empatamos“, wir haben ausgeglichen.

Dass es auch friedlicher geht, haben in England die „Reds“ des FC Liverpool und die „Toffees“ des FC Everton bewiesen. Als „Merseyside Derby“ (benannt nach dem Landkreis) sind die Duelle der Stadtrivalen bekannt oder auch als „Friendly Derby“, weil es 1984 anlässlich des League-Cup-Finales zu Verbrüderungsszenen (und gleichzeitiger Abgrenzung zu Manchester) gekommen war.

In Deutschland sind Stadtderbys – zudem auf Augenhöhe – äußerst selten wie in den Anfängen der Bundesliga zwischen 1860 München und dem FC Bayern. Dass Aufsteiger Union Berlin derzeit (punktgleich) vor der mit Investoren-Millionen gepamperten Hertha liegt, dürfte nur eine Momentaufnahme sein.

Das Hamburger Derby – nicht normal

Und die Geschichte der Duelle zwischen dem HSV und dem FC St. Pauli? Diese ist traditionsreich, aber genauso von langen Pausen geprägt. Nur 16 Begegnungen seit Gründung der Bundesliga 1963 durften die Hamburger erleben. Während der HSV 102-mal Tabellenführer war, gelang es St. Pauli nur ein einziges Mal, 1995, ganz oben zu stehen.

Auch die bisher 135 Vergleiche (davon 103 Pflichtspiele) nehmen sich bescheiden aus im Vergleich zu den 420 Duellen zwischen Celtic und Rangers, den 352 zwischen Boca und River Plate und den 235 Merseyside-Derbys.

Dem Hamburger Derby fehlt es an Normalität, an Regelmäßigkeit, die eine Konzentration auf das sportliche Kräftemessen zulassen würde. Die Goliath-David-Konstellation gab es dabei eigentlich immer, was die bisher 90 HSV-Siege bei nur 25 Erfolgen St. Paulis (plus 20 Remis) unterstreichen.

Rivalität gehört zum Zauber des Fußballs

Vielen HSV-Fans ist es geradezu peinlich, dass sie mit dem FC St. Pauli in einer (zweitklassigen) Liga spielen müssen. Sie wünschen sich nichts sehnlicher als a) den schnellen Aufstieg ihres Clubs und b) den Abstieg der Braun-Weißen in die Dritte Liga. Unterm Strich also: möglichst lange keine weiteren Derbys.

Was für ein Irrtum. Schließlich gibt es doch nichts Schöneres als emotional maximal aufgeladene Duelle zwischen zwei Clubs, deren Stadien nur 5,9 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt liegen. Das Glücksgefühl, den großen Favoriten gestürzt zu haben oder umgekehrt dem Rivalen eine kräftige Packung versetzt zu haben.

Rivalität im Fußball treibt zu Höchstleistungen an und motiviert, besser zu sein als der andere. Es verbindet, sich über andere lustig zu machen, den Nachbarn oder Berufskollegen aus dem anderen Fanlager zu verspotten. Das alles gehört auch zum Zauber des Fußballs, genau wie die Zutaten Vorurteile und Klischees, um die eigene Identifikation zu stärken und sich vom Gegner abzugrenzen. Also, bitte noch viel mehr Hamburger Derbys in der Zukunft. Aber nach Möglichkeit eine Liga höher.

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