Meinung
Meine wilden Zwanziger

Hilfe, ich kann meine Freundin nicht erreichen ...

| Lesedauer: 4 Minuten
Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

… und das schon seit 24 Stunden! Soll ich die Polizei rufen? Oder ist ihr Handy kaputt? Über das Dilemma, immer greifbar zu sein.

Swanny meldet sich nicht. Seit 24 Stunden habe ich nichts von meiner Freundin gehört. Das beunruhigt mich. Normalerweise texten wir ständig hin und her. Doch weder meine WhatsApp-Nachrichten erreichen sie, noch klingelt ihr Handy, wenn ich sie anrufe. Die Mailbox springt sofort an. Bei Facebook ist sie auch nicht online. Seltsam. Langsam mache ich mir Sorgen. Zumal wir abends verabredet sind und noch keine Uhrzeit festgelegt haben. Swanny ist ein zuverlässiger Mensch. Sie würde niemals ein Treffen sausen lassen, ohne vorher abzusagen. Ihr muss etwas zugestoßen sein!

Autounfall? Krankenhaus? Entführt?

Hatte sie womöglich einen Autounfall? Liegt sie verletzt im Krankenhaus und kann sich deshalb nicht melden? Oder noch schlimmer: Ist sie Opfer eines Verbrechens geworden? Wurde sie überfallen? Entführt? Sollte ich die Polizei alarmieren? Während ich für den Bruchteil einer Sekunde in Betracht ziehe, dass der Grund für die sozial-mediale Abstinenz meiner Freundin ein kaputtes Handy sein könnte, habe ich bereits Kontakte aus ihrem Umfeld angeschrieben.

Sie ahnen es: Natürlich lag Swanny nicht als Geisel gefesselt in einer abgelegenen, dunklen Lagerhalle, sondern ihr Handy funktionierte schlicht nicht mehr. Doch in unserer digitalen Welt sind wir es nicht mehr gewohnt, jemanden nicht zu erreichen.

„Von überall auf der Welt arbeiten“

„Von überall auf der Welt arbeiten“ – mit diesem verlockenden Angebot werben diverse Lebenscoaches und Influencer in den sozialen Netzwerken. Sie posten Instagram-Fotos, auf denen sie im Bikini am Pool liegen. In der einen Hand halten sie den Cocktail, mit der anderen tippen sie auf der Computertastatur. So sieht angeblich ihre Arbeitsrealität aus. Und so könnte auch unser Alltag bald aussehen. Vorausgesetzt wir kaufen ihr Online-Coaching-Programm ...

Ganz gewiss ist solch ein Lebensmodell möglich – zur Regel gehört es aber (noch) nicht. Doch die Coaches und Influencer haben recht: Wir können wirklich von überall E-Mails beantworten und Telefonate führen. Viele von uns machen das bereits. Egal ob sie gerade in Afrika auf Safari sind oder zum Wandern in Südtirol. Das Pro­blem daran: Sie haben sich nicht den Traum vom unabhängigen Arbeitsplatz erfüllt, sondern befinden sich gerade im Urlaub.

Grenzen haben sich verschoben

Dank des technischen Fortschritts sind wir permanent ansprechbar. Die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben verschwimmen. Viele Unternehmen gehen mit Diensthandys sparsam um. Das führt dazu, dass am Freitagabend um 22 Uhr zwischen den Nachrichten der betrunkenen Freundin („Ich bin so voll, habe aus Versehen mit Tobias rumgemacht“) und des Vaters („Hallo Mäuschen, wann kommst du morgen zum Mittagessen?“) ein beruflicher Kontakt auf dem privaten Handy aufploppt. Wir alle haben unsere Grenzen verschoben.

Dabei sind wir selbst schuld an dem Dilemma. Schließlich sorgen wir dafür, erreichbar zu sein. Besonders häufig beobachte ich ein Phänomen in Restaurants und Cafés: Das Handy liegt wie selbstverständlich auf dem Tisch. Wenn es mit dem Display nach unten zeigt, gilt es als höflich, dann wird man nicht von den aufblinkenden Nachrichten abgelenkt. Doch das Handy bleibt griffbereit – allein diese Tatsache löst bei vielen ein nervöses Zucken aus. Nur ein schneller Blick. Kurz antworten. Dann bin ich gleich wieder für dich da.

Diese Marotte signalisiert, dass wir mit den Gedanken nie richtig bei dem Menschen sind, mit dem wir uns gerade treffen. Eine richtig nette Verabredung zeichnet sich dadurch aus, dass das Handy drei Stunden in der Tasche bleibt.

Private Nachrichten abarbeiten – nach Wichtigkeit

Wovor haben wir Angst, wenn wir mal nicht erreichbar sind? Etwas zu verpassen? Den Kontakt zu Freunden zu verlieren? Oder dass unsere Unerreichbarkeit dazu führt, dass uns keiner mehr erreichen möchte? Nach Feierabend habe ich manchmal das Gefühl weiterzuarbeiten. Weil ich meine privaten Nachrichten abarbeite wie meine Dienstmails. Ich sortiere sogar nach Wichtigkeit. Eine Freundin mit Liebeskummer braucht sofort eine Antwort, erst danach höre ich mir die Sprachnachricht des Kumpels über sein letztes Fußballspiel an.

Doch es liegt an uns. Wir sind selten gezwungen, immer greifbar zu sein. Es muss wieder möglich sein, dass Freunde nicht sofort die Polizei verständigen wollen, nur weil das Handy kaputt ist.

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