Meinung
Hamburger KritIken

Danke, Greta, dass es dich gibt!

Natürlich kann man die Radikalität der jungen Umweltschützerin infrage stellen. Aber als Vorbild taugt sie wunderbar.

An Greta Thunberg scheiden sich die Geister. Während einige die schwedische Umweltschützerin zu einer Heiligen erklären oder sie gleich mit Jesus vergleichen, arbeiten sich andere geradezu an der 17-Jährigen ab: Oliver Pocher findet es lustig, eine Nackte auf dem „Playboy“-Titel mit der Klimaschützerin zu vergleichen. Rocksänger Meat Loaf glaubt, Greta sei einer Hirnwäsche unterzogen worden – und hält den Klimawandel für erfunden; allüberall im Internet wird gehetzt und gespottet.

Natürlich ist jede faire und inhaltliche Kritik an den Auswüchsen der ins Hysterische changierenden Klimareligion richtig. Aber eines kommt dabei stets zu kurz: Als Vorbild ist Greta ein Gottesgeschenk. Wann gab es das letzte Mal eine Figur, die Jugendliche für politische Zusammenhänge sensibilisiert hat, die das eigene Verhalten hinterfragen lässt und die zum Mittun motiviert? Der letzte Politheld war Che Guevara, der von einer besseren Welt träumte, aber diese mit einem MG herbeimorden wollte. Greta ist eine Ikone der Gewaltfreiheit und der Veränderung.

Welche Vorbilder werden sonst so durch die Kinderzimmer gereicht? Die kickenden Multimillionäre in kurzen Hosen taugen vielleicht als Modell für Leibesübungen, aber kaum als Modell für die Lebensführung. Oder sind Kindsköpfe in tiefergelegten Sportwagen an der Playstation die passenden Vorbilder? Gibt es sie in der Musik? Früher schockte man Eltern mit den Rolling Stones, später mit Heavy Metal oder Grunge. Heute ist es der Rap. Oft mit Texten, die so unterirdisch sind, als erlebten wir einen Rückfall ins 15. Jahrhundert. Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie, obszöner Materialismus sind eher die Regel als die Ausnahme.

Auf Instagram und TikTok wird ein rückständiges Menschenbild geformt

Ein paar Beispiele gefällig: Capital Bra degradiert die Frau zum Sexspielzeug. Sido schüttelreimt: „Alle Frauen sind Schlampen: Deine Mutter, deine Oma, deine Freundin, deine Tanten.“ Bushido rappte: „Ich schieß’ auf Claudia Roth und sie kriegt Löcher wie ein Golfplatz.“ Und Gzuz, gefeierter Gangsterrapper von 187 Strassenbande aus Hamburg, rappt: „Bring deine Alte mit, sie wird im Backstage zerfetzt; ganz normal, danach landet dann das Sextape im Netz.“ Von ihm, der selbst Polizeieinsätze zur PR missbraucht, kommt auch die homophobe Zeile: „Auf der Straße gelernt, die Schule geschmissen/ Um Schwule zu dissen und Groupies zu ficken.“ Kollegah und Farid Bang sollten gar den Musikpreis Echo bekommen, bevor irgendjemandem mit Restverstand aufging, was die beiden da so singen: „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ oder „Mache mal wieder ’nen Holocaust“, heißt es da. Danach entblödete sich Kollegah nicht zu sagen, er stehe „für Toleranz und gegen alle Vorurteile rassistischer oder religiöser Art“. Na, klar. Björn Höcke sicher auch.

Die Musikindustrie macht mit – trotz wohlfeiler Weltverbesserungsattitüde kennt sie nur einen Wert: den auf den Kontoauszügen. Und viele Feuilletonisten, die jeden Ausfallschritt nach rechts gern als Marsch in das Vierte Reich bewerten, halten sich zurück. Unvergessen, dass Bushido einst den „Integrations-Bambi“ bekam. Da ging es wohl weniger um die Integration von Mi­granten in die Gesellschaft als vielmehr um die Integration der Veranstalter in die Klatschspalten.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Emanzipation, die in harten Jahren und Kämpfen erstritten wurde, zurückgedrängt wird. Welche Modelle und Vorbilder werden sonst herumgereicht? Die 18-jährige Laura Sophie ist ein Star auf TikTok, einer Plattform für Jugendliche. Dort hat sie 2,2 Millionen Follower; Verstand hat sie leider keinen. Jetzt erzählte sie ihren Fans vom dritten Weltkrieg: „Iran verfügt über extrem viele Atombomben und gefährliche Waffen. Wenn da eine hochgeht, sind wir alle futsch.“

Nicht immer geht es dort politisch zu. Aber das macht es nicht gleich besser: Auf Instagram und TikTok wird ein rückständiges Menschenbild geformt. Mädchen sollen, sobald sie ein Smartphone halten können, sich optimieren: gut aussehen, sich darstellen, in Szene setzen für ein paar Likes. Das kann man für einen drolligen Zeitvertreib halten, es wirkt nur leider mitunter wie digitale Prostitution. Und Jungs folgen Vorbildern, die sich besonders effektiv durch Videospiele ballern. Mädchen sollen schön sein und Jungs gut schießen? Das hatten wir doch schon mal. Ganz im Ernst: Danke, Greta, dass es dich gibt.