Meinung
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Wie entsteht eigentlich das "Menschlich gesehen"?

| Lesedauer: 5 Minuten
Berndt Röttger
Berndt Röttger ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Berndt Röttger ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA / A.Laible

Immer montags gehen wir auf Kritik an der Berichterstattung, auf Wünsche, Fragen und aktuelle Debatten ein.

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde des Hamburger Abendblatts,

immer montags beschäftigen wir uns an dieser Stelle mit Ihren Wünschen und Ihrer Kritik. Wir wollen auch über die großen Leser(brief)-Debatten sprechen und Ihnen Einblicke in unsere Arbeit geben, sowohl in die Art, wie wir recherchieren, als auch, wie das Hamburger Abendblatt gemacht wird. Wenn sie Anregungen haben, her damit! Eine E-Mail reicht. Die Adresse lautet: chefredaktion@abendblatt.de

Heute geht es um die kleine Kolumne „Menschlich gesehen“ auf der Titelseite des Hamburger Abendblatts – und wie sie entsteht. Sie ist einzigartig in der deutschen Zeitungslandschaft, ein unverwechselbares Markenzeichen. Sie ist kurz, hat aber eine lange Geschichte. Das „Menschlich gesehen“ ist die älteste Kolumne dieser Zeitung. Die kleine Porträtskizze erscheint seit der ersten Ausgabe täglich unten links auf der Titelseite. Und in diesem Jahr haben wir uns damit etwas Besonderes vorgenommen. Aber davon später …

Die Frage nach dem "Menschlich gesehen" stellt sich jeden Tag

„Eine Zeitung mit Herz, eine Zeitung, die den Menschen in den Mittelpunkt ihrer ganzen Betrachtungen stellt.“ Mit diesen Worten charakterisierte Axel Springer am 14. Oktober 1948 seine frisch gegründete erste Tageszeitung. Menschlichkeit war und ist Programm des Hamburger Abendblatts.

Daher steht neben der Frage der Schlagzeile und der Seitenoptik für den Titel auch jeden Tag die Frage „Wen sehen wir menschlich?“ in der Redaktionskonferenz auf der Tagesordnung. Dann sind aus allen Ressorts, ganz gleich, ob Hamburg, Politik, Wirtschaft, Kultur oder Sport, Ideen und Vorschläge gefragt: Welche Nachricht des Tages könnte mit einem interessanten Porträt abgerundet werden?

Es geht nicht um Prominente, sondern um Hamburger Mitmenschen

Es ist kein langer Text, nur etwa 30 bis 40 Zeilen hat das „Menschlich gesehen“. Und es ist kein nüchterner Lebenslauf. Das „Menschlich gesehen“ hat die Aufgabe, Mitmenschen zu beschreiben. Was denkt die Person? Welche Leidenschaften hat sie? Hat sie Familie? Welche Hobbys hat sie?

Dabei geht es der Redaktion nicht darum, die großen und bekannten Namen dieser Stadt vorzustellen, sondern vor allem auch ganz normale Menschen, die in den oder am Rand der Nachrichten des Tages eine Rolle spielen – oder davon betroffen sind. Charakteristisch ist auch das kleine strichhafte Porträtbild. Früher wurde es täglich von Hand gezeichnet, heute wird es modern am Computer aus einem Foto bearbeitet.

Ein Geburtstag ist kein Grund für ein "Menschlich gesehen"

Oft ist es einfach ein Mensch mit einer interessanten Aufgabe. Eine Krankenschwester zur Debatte über bessere Bezahlung in der Pflege oder ein Lastwagenfahrer bei einer Geschichte über Staus im Hafen. Die Tagesaktualität hebt Menschen für einen Augenblick auf die Bühne des Öffentlichen.

Es gibt übrigens ein paar Grundsätze, an denen die Redaktion sich bei der Auswahl orientiert: Ist der Text im Innenteil der Zeitung bereits porträthaft, schließt sich ein „Menschlich“ aus. Die Kandidaten für das „Menschlich“ sollten erwachsen sein. Ein Geburtstag ist kein Grund für ein „Menschlich gesehen“. Und: Die Porträtierten kommen am besten aus Hamburg oder dem Norden.

Mehr als 20.000 "Menschlich gesehen" in 71 Jahren

Mehr als 20.000 der von Verleger Axel Springer und dem ersten Abendblatt-Politikchef, Wolfgang Köhler, gemeinsam entworfenen Kolumne, sind in den vergangenen 71 Jahren erschienen. Die Tage, an denen es (meist wegen besonders großer Nachrichtenlagen) nicht erschien, kann man an wenigen Händen abzählen.

Übrigens: Die Kolumne begeistert mich persönlich, seit ich als Jungredakteur beim Abendblatt angefangen habe. Und so bin ich 1998 zum 50. Geburtstag wochenlang in die Kellergewölbe des Archives hinuntergestiegen und habe ein Buch mit 250 ausgewählten Porträts zusammengestellt – ergänzt jeweils um ein paar Zeilen darüber, was aus diesen Menschen geworden ist. Das Buch ist natürlich längst vergriffen – aber manchmal begegnet es einem im Antiquariat. Zum 70. Geburtstag 2018 gab es übrigens eine andere kleine Premiere: 70 Leserinnen und Leser wurden auf der Seite eins „Menschlich gesehen“.

So können Sie dabei sein

Für 2020 hat sich die Redaktion wieder etwas Besonderes vorgenommen: Wir möchten im Laufe des Jahres möglichst viele Leserinnen und Leser in der Kolumne vorstellen. Wir möchten unseren Lesern in der Zeitung ein Gesicht geben. Und so einmal Danke sagen, dafür, dass sie uns jeden Morgen an ihrem Frühstückstisch willkommen heißen.

Und so können Sie dabei sein: Senden Sie eine E-Mail mit Betreff „Menschlich“ an die Adresse chefredaktion@abendblatt.de – wir brauchen nur zwei Sätze über Sie und Ihre besondere Beziehung zum Abendblatt, ein Foto von Ihnen und zu guter Letzt Ihre Telefonnummer, damit die Redaktion Sie für ein kurzes Interview erreichen kann. Das Abendblatt wählt unter den Bewerbungen die interessantesten aus.

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