Meinung
In eigener Sache

Wie entsteht eigentlich das Hamburgisch?

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts.

Foto: Klaus Bodig / HA

An dieser Stelle geht es jeden Montag um Ihre Fragen, Ihre Wünsche, Ihre Kritik. Heute schreibt Sprachexperte Peter Schmachthagen.

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde des Hamburger Abendblatts,

immer montags beschäftigen wir uns an dieser Stelle mit Ihren Wünschen und Ihrer Kritik. Wir wollen auch über die großen Leser(brief)-Debatten sprechen und Ihnen Einblicke in unsere Arbeit geben, sowohl in die Art, wie wir recherchieren, als auch, wie das Hamburger Abendblatt gemacht wird. Wenn Sie Anregungen haben, her damit! Eine E-Mail reicht. Die Adresse lautet:
chefredaktion@abendblatt.de

Heute beschäftigt sich Peter Schmacht-hagen, den Sie wahrscheinlich als Sprachexperten für das Hochdeutsche aus seiner an jedem Dienstag erscheinenden Kolumne „Deutschstunde“ kennen, mit der überwiegend niederdeutschen Rubrik „Sprechen Sie Hamburgisch?“, für die er täglich das Manuskript liefert. Er schreibt:

Als Axel Springer im Jahr 1948 das Hamburger Abendblatt als seine erste Zeitung gründete, wählte er als Motto den Spruch „Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen“, den Sie immer noch im Kopf der Seite 1 finden. Es handelte sich um ein Zitat von Johann Kinau, besser bekannt unter dem Pseudonym Gorch Fock, und war damals Auftrag und Aufruf, das in Trümmern liegende Hamburg wieder zum Tor der Welt zu machen, dabei aber die Quelle nicht zu vergessen, aus der die Generationen unserer Eltern und Großeltern ihre Kraft schöpften, nämlich aus der Heimat Hamburg.

Rubrik Hamburgisch existiert seit 2008

Selbst wenn diese Heimat weniger im Herzen als in der Erinnerung existierte, so wirkt sie bis heute fort. Es gibt Wörter, Schnacks, Ereignisse und Bräuche aus der Vergangenheit, die die Älteren erzählen und die die Jüngeren hören, aber nicht zuordnen können. Die Erklärungen finden Sie in der Rubrik „Sprechen Sie Hamburgisch?“ auf der zweiten Lokalseite, täglich ein kleines Stück, ein typisches Stichwort – allerlei Begriffe, wie ein Untertitel eines meiner Bücher lautete, aus der Zeit, als Großmutter ‘n lütt Deern weer.

Die Rubrik existiert seit 2008 und geht auf den damaligen Chefredakteur Claus Strunz zurück. Er war frisch an der Spitze der Abendblatt-Redaktion, als er den Brief einer empörten Leserin bekam, die sich beklagte, im Abendblatt sei der sechste Wochentag als „Samstag“ und ein evangelischer Pastor als „Pfarrer“ bezeichnet worden.

Natürlich, das waren sprachliche Todsünden! Axel Springer hatte in der ersten Redaktionskonferenz des Abendblatts im Jahr 1948 die Direktive ausgegeben: „In Hamburg heißt der Samstag Sonnabend!“ Im Abendblatt hatte 2008 seit 60 Jahren stets „Sonnabend“ gestanden, und das Abendblatt hatte bis dahin bereits unzählige heimatliche und plattdeutsche Beiträge veröffentlicht. Ein einziger „Samstag“ konnte nur ein Ausrutscher gewesen sein. Chefredakteur Claus Strunz druckte eine Entschuldigung auf der „Dialog“-Seite und versprach, dass so etwas nie wieder vorkommen werde.

Als Leser 20.000 Mails schrieben

Dann stellte er die Frage an die Leserschaft: „Kennen Sie noch andere Hamburger Ausdrücke? Schicken Sie sie uns, damit wir sie in der Zeitung veröffentlichen und später auch als Buch herausgeben können.“

Als ich, damals schon seit zwei Jahren im Ruhestand, zu Hause diesen Aufruf las, ahnte ich, dass der Chefredakteur damit die Schleusen geöffnet hatte. Eine Flut, ja eine Sintflut von Einsendungen ergoss sich über die Redaktion. Bis heute werden es wohl 20.000 Mails und Briefe gewesen sein. Genau gezählt hat sie niemand. Das bedeutet nicht, dass 20.000 verschiedene Begriffe vorgeschlagen worden sind. Es waren viele Dubletten darunter.

An der Spitze stand „appeldwatsch“ (unsinnig), gefolgt von „fünsch“ (wütend) und „krüsch“ (wählerisch beim Essen). Aus diesem Fundus haben wir in den vergangenen elf Jahren rund 4000 Wörter, Redewendungen und Döntjes ausgesucht. Im Anfang umfasste eine Folge eine ganze Zeitungsseite, heute täglich ein einzelnes Stichwort.

Worauf ich bei Hamburgisch achte

Die damalige Leserbrief-Redakteurin stammte aus Eisenach, muttersprachlich also jenseits der niederdeutschen Sprachgrenze, und war mit den hamburgischen Details überfordert. Sie kam zu mir: „Kannst du nicht mal?“ Ich konnte und wollte. Seitdem ist es mit meiner Ruhe im Ruhestand vorbei, zumal im Jahr 2012 noch die „Deutschstunde“ hinzukam.

Hamburgisch ist nicht immer Platt, Platt ist nicht immer Hamburgisch (die Sprache) und auch nicht immer hamburgisch (die Art und Weise). Bei den Einsendungen, die ich redigiere, und bei den Beiträgen, die ich selbst schreibe, achte ich darauf, dass die Begriffe typisch für die Region sind, wenn sie auch nicht ausschließlich auf Barmbek oder St. Pauli beschränkt waren.

Ich kann zum Beispiel den Feudel (Bodenwischtuch) nicht weglassen, nur weil auch in Bremen oder Lübeck gefeudelt worden ist ...