Meinung
In eigener Sache

Wie entsteht eine Kolumne, Herr Schumacher?

Hajo Schumacher ist Kolumnist des Hamburger Abendblatts. Seine Texte erscheinen regelmäßig mittwochs und sonnabends.

Hajo Schumacher ist Kolumnist des Hamburger Abendblatts. Seine Texte erscheinen regelmäßig mittwochs und sonnabends.

Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz

Immer montags gehen wir an dieser Stelle auf Kritik an der Berichterstattung, auf Wünsche, Fragen und Debatten ein.

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde des Hamburger Abendblatts, immer montags beschäftigen wir uns an dieser Stelle mit Ihren Wünschen und Ihrer Kritik. Wir wollen auch über die großen Leser(brief)-Debatten sprechen und Ihnen Einblicke in unsere Arbeit geben, sowohl in die Art, wie wir recherchieren, als auch, wie das Hamburger Abendblatt gemacht wird. Wenn Sie Anregungen haben, her damit! Eine E-Mail reicht. Die Adresse lautet:
chefredaktion@abendblatt.de.

Heute schreibt Hajo Schumacher über seine Kolumnen für das Hamburger Abendblatt und die Reaktionen der Leserinnen und Leser.

Ich arbeite für das Hamburger Abendblatt wie ein Blauwal. So wie das große Säugetier Hektoliter von Wasser durch seine Barten fließen lässt, damit etwas Krill hängen bleibt, so filtere ich aus der Umwelt ständig Anregungen, Sprüche, Ticks, Muster. Vieles fließt einfach durch mich durch oder an mir vorbei, aber manchmal bleibt etwas Spannendes hängen, das mich aufregt, interessiert, glücklich macht oder fragend hinterlässt. Die schwerste Aufgabe: Ich muss herausschmecken, ob das, was hängen bleibt, wirklich frisch ist oder bereits mehrfach verdaut und ausgeschieden wurde.

Leserzuschriften sorgen stets für Überraschungen

An dieser Stelle möchte ich ein über Jahrzehnte gehütetes Berufsgeheimnis verraten: Am liebsten schreibe ich über Sachen, von denen ich wenig verstehe, weil ich hoffe, mit dem altmodischen, aber nach wie vor bewährten Mittel der Recherche eben diese Wissenslücken zu schließen. Oft geschieht es, dass mich nachher vor allem pensionierte Ingenieure wissen lassen, dass ich Ahnungsloser vorher unbedingt ihre 80-seitigen Ausarbeitungen hätte durchlesen sollen, die sie netterweise gleich mitmailen.

Ja, die Leserzuschriften, die überraschen mich jede Woche wieder. Ginge es nach Zahl und Empörungstiefe der Mails und Briefe, wäre Wolfgang Bosbach der wichtigste Politiker der Welt. Kein Beitrag über Trump, Merkel, Obama, Scholz hatte so viel Resonanz wie meine nassforsche Einschätzung, dass das Verlassen eines Fernsehstudios entweder unhöflich sei oder unsouverän, auf keinen Fall aber ein Vorbild für unsere Kinder. Einige Wäschekörbe voller Zuschriften später war ich kurz davor, die „Bewegung Bosbach“ zu gründen und anzuführen, geplanter Slogan: „Wir wollen Wolle!“

Einen ähnlichen Entrüstungssturm löste mein lieb gemeinter Hinweis aus, dass diese nette junge Frau aus Schweden ... wie hieß sie noch gleich? Sie wissen schon, die die Welt retten wollte und deren Zukunft ich geklaut habe ... als ich also darauf aufmerksam machte, dass so ein mit viel Klebe zusammengehaltener Karbonrumpf die Ökobilanz einer Atlantiküberquerung ein wenig ungünstiger gestalte. Weiter kam ich kaum. „Wie kannst du es wagen?“, schallte es mir aus Hunderten von Mails entgegen.

Kolumnisten werden immer falsch verstanden

Kaum weniger giftig fielen die Reaktionen aus, als ich das gedanklich entschleunigte Sowohl-als-auch eines Altbundespräsidenten verspottete. Mit bescheidenem Stolz möchte ich zugleich darauf hinweisen, dass ich bereits über Flugscham schrieb, als wir alle noch mit dem Privatflugzeug unser Schwarzgeld nach Liechtenstein transportierten.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich um Entschuldigung bitten, weil ich nicht alle Leserbriefe beantworte, auch wenn ich mich stets darum bemühe. Meine Frau, die fast immer recht hat, hält mich zurück, die wenn auch seltenen Beschimpfungen im selben derben Ton zu kontern, vor allem dann, wenn die Drohung mitschwingt, dass meiner Schreiberei wegen nun endgültig der Punkt erreicht sei, an dem das Abonnement gekündigt werde.

Es gehört halt zum Schicksal des Kolumnisten, fast immer falsch verstanden zu werden. Nur bei Tieren nicht; die gehen immer, vor allem Eichhörnchen. Oder Wale. Am liebsten würde ich jede Woche über Tiere schreiben, aber da wäre ich schnell am Ende. Ein Jahr hat gut 50 Wochen, und ich kenne maximal 50 verschiedene Tiere. 2021 wäre ich also im unfreiwilligen Vorruhestand. Insofern müssen Sie damit leben, dass ich auch weiterhin blauwalartig über alles schreiben werde, was mir vor die Barten kommt.

Manchmal bekomme ich Weihnachtskekse

Nicht alles wird dem Publikum gefallen, aber darum geht es in unserem speziellen Fall ja auch gar nicht. Normalerweise ist der Autor zuständig dafür, die Lesenden zu unterhalten.

Aber in unserem speziellen Fall ist es genau umgekehrt: Sie werden nur manchmal, ich aber immer unterhalten und zwar bestens, weil ich jede Woche so viel überraschende Reaktionen bekomme – und manchmal sogar Weihnachtskekse.

Meinen herzlichen Dank dafür.