Meinung
In eigener Sache

Gute Nachrichten sind für Zeitungen nicht schlecht ...

Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider

Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider

Foto: Andreas Laible

Immer montags gehen wir auf Kritik an der Berichterstattung, auf Wünsche, Fragen und Debatten ein. Und blicken hinter die Kulissen.

Hamburg. Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde des Hamburger Abendblatts,

immer montags beschäftigen wir uns an dieser Stelle mit Ihren Wünschen oder Ihrer Kritik. Wir wollen auch über die großen Leser(brief)-Debatten sprechen und unseren Leserinnen und Lesern Einblicke­ in unsere Arbeit geben, sowohl in die Art, wie wir recherchieren, als auch, wie das Hamburger Abendblatt gemacht wird. Wenn Sie Anregungen haben, her damit, eine E-Mail reicht. Die Adresse lautet: chefredaktion­@abendblatt.de.

Heute geht es um eine Frage, die uns Leserin Christiane Thies geschickt hat. Sie lautet: „Gibt es Aussichten für ,Die gute Seite‘, am liebsten zum Zeitungsabschluss?“ Und weiter: „Wen interessieren diese unsäglichen Mini-Starberichte, oft von Stars aus den USA, auf der letzten Seite? Schade um den prominenten Platz in meiner Hamburger Zeitung.“

Kuriose Geschichten gehören zum Leben dazu

Frau Thies spricht damit zwei Themen an, die viele unserer Leserinnen und Leser immer wieder beschäftigen. Fangen wir mit der letzten Seite an, der Seite „Aus aller Welt“. Sie ist für das Hamburger Abendblatt sicher eine ungewöhnliche Seite, wenn man so will, ein bisschen Boulevard in einer Abo- und Qualitätszeitung. Aber erstens glauben wir, dass Stars und Sternchen, absurde Nachrichten und kuriose Geschichten aus allen Teilen der Welt zum Leben dazu- und damit in eine Zeitung gehören. Und zweitens wissen wir aus vielen Marktforschungen und anderen Befragungen, dass die sogenannte vermischte Seite mit zu den meistgelesenen Seiten im Hamburger Abendblatt gehört. Oft ist sie in der Nutzung gleichauf mit der Titelseite, was sicher nicht nur daran liegt, dass sie wie diese auf einer äußeren Seite platziert ist. Oder, um einen Satz zu zitieren, den ich von nicht wenigen Lesern höre: „Ich fange das Hamburger Abendblatt immer von hinten an.“

Deshalb ist die Redaktion wahrscheinlich gut beraten, die Seite „Aus aller Welt“ eben dort zu belassen, wo sie ist – am Ende der Zeitung. Womit ich beim zweiten Punkt bin, den Christiane Thies anspricht: die gute Nachrichten. Sie schreibt: „Am zufriedensten schließe ich meine tägliche Zeitungslektüre, wenn sie in irgendeiner Art anregend war. Eine Person, ein Trend, ein Satz, der haften bleibt. In diesem Sinne würde ich eine (Abschluss-)Seite begrüßen, die gute Nachrichten konsequent sammelt. Egal, ob Überlebensgeschichte, Nachbarschaftshilfe, Neuentdeckung, zukunftsweisende Forschung.“

Mischung aus "guten" und "schlechten" Nachrichten

Tatsächlich sind uns als Redaktion solche Geschichten auch extrem wichtig – wir haben uns aber entschieden, sie nicht „nur“ auf einer Seite zu sammeln, sondern sie in der ganzen Zeitung zu verteilen. Wir versuchen überall, eine Mischung aus „guten“ und „schlechten“ Nachrichten zusammenzubekommen, und werden deshalb übrigens ab und an, besonders von Journalistenkollegen, getadelt. Das Abendblatt gehe zu unkritisch mit der Stadt um, heißt es, das Abendblatt würde Hamburg viel zu oft hochleben lassen und feiern.

Ich sage dazu: Genauso, wie wir auf alles aufmerksam machen, was in dieser Stadt nicht funktioniert, freuen wir uns über das Gegenteil. Wäre ja auch noch schöner. Ich habe Journalisten nie verstanden, die glauben, ihre Leserinnen und Leser würden sich darüber freuen, wenn sie jeden Tag aus der Zeitung erfahren, in was für einem schlimmen Umfeld sie leben, dass alles ganz furchtbar ist und bestimmt noch furchtbarer wird. Was für ein Unsinn!

Sportredaktion wiederlegt (Schein-)Weisheit

Genauso wie die immer wieder bemühte (Schein-)Weisheit, dass für Zeitungen nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind, dass sich nur damit Geld verdienen lässt. Auch falsch, wie sich an einem einfachen Beispiel belegen lässt: Was würde unsere Sportredaktion, was würden viele Fußballfans dafür geben, wenn das Abendblatt am Ende der laufenden Saison verkünden könnte, dass der HSV wieder in die Erste Liga aufgestiegen ist. Eine Ausgabe mit einer entsprechenden Schlagzeile würde sich deutlich besser verkaufen als etwa „HSV verpasst den Aufstieg erneut“.

Sie sehen: Gute Nachrichten funktionieren, gute Nachrichten sind uns beim Hamburger Abendblatt sehr wichtig. Und es gibt, zum Glück, jede Menge davon in Hamburg. Insofern ist es sicher leichter, in einer Stadt wie der unsrigen eine optimistische, konstruktive Zeitung zu machen als anderswo. Das ist ein (Standort-)Vorteil, für den das Hamburger Abendblatt nichts kann, der unsere Arbeit aber natürlich seit mehr als 71 Jahren prägt.

Oder, um es zum Schluss noch einmal mit den Worten von Christiane Thies zu sagen, bei der ich mich an dieser Stelle für ihren Brief bedanken möchte: „Vielen Dank für Ihre engagierte Arbeit für die Stadt, so oder so. Für mich ist das Hamburger Abendblatt ein unverzichtbarer Bestandteil und ein Korrektiv, auf das ich mich jeden Morgen wieder freue.“

So soll es sein.