Meinung
In eigener Sache

Warum Journalismus auch im Internet etwas kosten muss

Berndt Röttger ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Berndt Röttger ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Foto: Andreas Laible / HA / A.Laible

Immer montags gehen wir auf Kritik an der Berichterstattung des Abendblatts, auf Wünsche, Fragen und Debatten ein.

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde des Hamburger Abendblatts,
immer montags beschäftigen wir uns an dieser Stelle mit Ihren Wünschen oder Ihrer Kritik. Wir wollen aber auch über die großen Leser(brief)-Debatten sprechen und unseren Leserinnen und Lesern Einblicke in unsere Arbeit geben, sowohl in die Art, wie wir recherchieren, als auch, wie das Abendblatt gemacht wird. Wenn Sie Anregungen haben, her damit, eine E-Mail reicht. Die Adresse lautet: chefredaktion@abendblatt.de.

Heute geht es um die Frage, warum Leserinnen und Leser etwas dafür bezahlen müssen, um viele Berichte auf abendblatt.de lesen zu können. „Am vergangenen Montag brach in Hohenfelde ein Großbrand in einer Druckerei aus. Ich gehöre zu den Anwohnern und wohne quasi gegenüber. Als ich nach Infos im Internet suchte, waren Sie mit dem Brand ganz oben bei Google zu finden. Nur leider musste ich feststellen, dass ich darüber keine weiteren Informationen erhielt, weil ich kein Abo habe“, schreibt Justine Piper.

Und weiter heißt es in ihrer Beschwerde: „Wie können Sie bei so einer Situation solche Informationen unter Verschluss halten? Das ist eine absolute Frechheit. Anwohner hatten Angst, weil sich das Feuer so schnell ausbreitete, und bei Ihnen konnte man keinerlei Informationen erhalten. Sie sind Journalisten und müssen doch die Bewohner in so einer Notlage informieren, das ist doch Ihre journalistische Pflicht.“

Journalismus muss etwas wert sein

Frau Piper spricht damit eine Frage an, die das Hamburger Abendblatt seit vielen Jahren bewegt: Als vor mehr als 20 Jahren die deutschen Zeitungen – und als eine der ersten auch das Abendblatt – begannen, Nachrichten im Internet zu veröffentlichen, haben sie einen großen Fehler gemacht. Die Verlage haben fasziniert von den neuen Möglichkeiten des World Wide Web und weil ihr Kerngeschäft – der Verkauf von Nachrichten und Werbung in gedruckter Form – noch sehr erfolgreich war, ihr wertvollstes Gut im Web einfach so verschenkt. Als wäre es nichts wert …

Aber Journalismus muss etwas wert sein. Denn Journalismus ist harte Arbeit. Beim Hamburger Abendblatt 365 Tage im Jahr, sieben Tage die Woche, täglich von 6 Uhr morgens bis Mitternacht. In der Abendblatt-Redaktion arbeiten mehr als 100 Redakteure, um aktuelle Nachrichten, fundierte Hintergrundberichte und investigative Reportagen für abendblatt­.de­ und für die Zeitung zu recherchieren, zu schreiben oder zu fotografieren und für die Veröffentlichung zu produzieren. Beim von Frau Piper angesprochenen Druckereibrand war es 23.30 Uhr, als unser Redaktionsspätdienst als Erster darüber berichtete.

Das Abendblatt verschenkt seine Arbeit nicht

Qualitätsjournalismus ist nicht kostenlos, sondern kostenintensiv. Recherche kostet Zeit und Geld. Deshalb hat sich das Abendblatt bereits vor zehn Jahren dazu entschlossen, die Arbeit seiner Redaktion nicht mehr einfach kostenlos im Netz zu verschenken, sondern auch im Netz zu verkaufen. Wer die zumeist aufwendig recherchierten Nachrichten aus Hamburg und der Region lesen möchte, braucht ein Abo. Entweder eines nur fürs Web oder ein Zeitungsabo mit Ergänzung für den Digitalzugang.

Denn: Wie soll man allen Ernstes den treuen Abonnentinnen und Abonnenten oder den Käuferinnen und Käufern am Zeitungskiosk erklären, dass sie für die Nachrichten und Berichte bezahlen müssen – der User im digitalen Netz aber alles kostenlos erhält? Das wäre, als würde eine Kneipe von den Gästen, die durch die eine Tür hereinkommen, eine Zeche verlangen, während denjenigen, die durch die andere Türe hereintreten, munter Freibier ausgeschenkt wird.

Als das Abendblatt vor nunmehr zehn Jahren damit startete, für seine Inhalte im Netz von Leserinnen und Lesern Geld zu verlangen, war das Unverständnis noch groß. Zu sehr waren alle an die Kostenlosmentalität im Netz gewöhnt. Doch jeder Kritiker, dem wir erklärten, warum das absolut notwendig ist, verstand es sofort. Und mittlerweile ist das Hamburger Abendblatt längst nicht mehr allein. Fast alle Qualitätsmedien haben Bezahlmechanismen für ihre Inhalte eingeführt.

Wir sind überzeugt vom Wert unseres Produkts

Das Abendblatt macht es sich seit mehr als 70 Jahren zur Aufgabe, das Leben in Hamburg und der Metropolregion jeden Tag ein wenig lebenswerter zu machen – mit wichtigen Nachrichten, nützlichen Informationen, hilfreichen Tipps und mit konstruktiv kritischer Berichterstattung. Von der Kontrolle der Politik, vom Aufdecken von Missständen möchte ich hier noch nicht einmal sprechen.

Wir sind überzeugt davon: Es ist nicht zu viel verlangt, in Zeiten, in denen aufgeschäumter Kaffee im Pappbecher 3 Euro kostet oder die Benutzung eines sinnlosen E-Scooters mindestens 20 Cent pro Minute kostet, für das Produkt Qualitätsjournalismus nicht einmal 30 Cent am Tag beim reinen Onlinezugang oder knapp 1,50 Euro bei der Lieferung der Zeitung zu bezahlen.

Ihr Berndt Röttger