Meinung
Meine wilden Zwanziger

Vier Stunden, die mein Weltbild erschütterten

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Obst, Eier und Konserven: Wie die Helfer der Tafel Lebensmittel vor dem Müll retten – und uns allen einen Spiegel vorhalten.

Vergangene Woche habe ich für eine Reportage zwei ehrenamtliche Helfer der Norderstedter Tafel begleitet – danach musste ich mein Weltbild neu ordnen. Vier Stunden lang habe ich mit den beiden Rentnern Wolfgang und Peter – bei der Tafel duzt man sich – Lebensmittel eingesammelt, die normalerweise allesamt in der Mülltonne gelandet wären. Noch nie bin ich mir der Verschwendung, für die wir Menschen verantwortlich sind, so bewusst geworden.

Im Zentrallager der Discounterkette Netto in Henstedt-Ulzburg standen hinter Tor Nummer 20, von weit mehr als 100, etliche Kisten mit aussortierter Ware für die Tafel bereit. Vor dem Einladen der Lebensmittel kontrollierten wir ihren Zustand. Von zehn Paletten mit in Plastik verpackten Himbeeren mussten wir zwei Drittel wegschmeißen, weil sie vergammelt waren. Es ist absurd: Die Früchte sind viele Wochen in Spanien gereift, wurden aufwendig nach Deutschland transportiert – damit wir sie hier in Massen in die Tonne werfen.

Noch häufiger ist mir auf der Tour allerdings ein anderes Extrem begegnet: Eier, Brötchen, Joghurts oder Konserven, deren Verpackungen minimal beschädigt waren, wurden von den Supermärkten als „Bruchstücke“ ausgemustert. Würden die Tafeln oder andere Foodsharing-Organisationen die Lebensmittel nicht retten, wären sie einfach im Müll gelandet. Obwohl sie einwandfrei und genießbar sind. Mindestens 50 Kartons mit frischen Eiern habe ich in das Tafelfahrzeug gepackt – ohne einen einzigen Makel an ihnen erkennen zu können.

Laut Dachverband der deutschen Tafeln bewahren jährlich 60.000 Ehrenamtliche rund 264.000 Tonnen Lebensmittel vor ihrem unrühmlichen Abgang im Schredder. Gegen 18 Millionen Tonnen, die pro Jahr verschwendet werden, kommen sie allerdings schwer an. Klar: Dass wir in einer Wegwerfgesellschaft leben, wusste ich schon vor meiner Fahrt mit der Tafel. Dass wir allerdings jeglichen Respekt vor dem Wert von Essen verloren haben, war erschreckend zu sehen.

Gerade junge Generationen sind in einer Welt mit prall gefüllten Supermarktregalen groß geworden –während meine Eltern so lange am Tisch sitzen mussten, bis sie aufgegessen hatten (auch nicht so prickelnd). Nudel-, Kaffee- und Müslisorten gibt es in zehnfacher Ausführung. Quantität zählt mehr als Qualität. Wir sind es gewohnt, dass wir durchgängig aus dem Vollen schöpfen können. Aber brauchen wir das alles wirklich?

Für zu Hause kaufe ich inzwischen tageweise ein. Der Kühlschrank ist nie voll – was nervig sein mag, wenn einen mal wieder der Heißhunger befällt und man enttäuscht feststellt, dass es bis auf eine angebrochene Tube Tomatenmark nichts zu essen gibt im Haushalt. Dafür muss ich nicht mehr so viel wegschmeißen – auch wenn es leider immer noch zu häufig vorkommt.

Doch es sind nicht nur Lebensmittel, die wir verschwenden. Seit Jahren ist bekannt, dass große Unternehmen ihre teils originalverpackte und fabrikneue Ware verbrennen, wenn sie vom Verbraucher zurückgesendet wird oder überschüssig ist. Nach neuesten Recherchen von „Welt“ und der Marktforschungsfirma Euromonitor werden jährlich 230 Millionen Kleider in Deutschland vernichtet. Ticken wir noch ganz richtig?

Natürlich geht es dabei ums liebe Geld. Worum auch sonst? Die Firmen müssen für Ware, die sie spenden, Mehrwertsteuer zahlen. Kleidungsstücke in die Flammen oder in den Schredder zu werfen ist dagegen steuerfrei. Was für einen Sinn macht ein System, in dem es günstiger ist, nagelneue Ware zu vernichten, anstatt sie weiterzuverkaufen oder zu spenden?

Natürlich müssen wir Verbraucher uns an die eigene Nase fassen, denn wir sind Teil des Systems. Wir genießen den Komfort, dass uns der Paketbote Kleidung bis an die Haustür bringt. Wir bestellen sie in verschiedenen Größen und Farben, damit wir im heimischen Wohnzimmer unsere eigene Zalando-Modenschau veranstalten können. Wir wissen von vornherein, dass wir Teile zurückschicken werden. Aber sind wir uns auch dessen bewusst, was anschließend mit der Retoure passiert? Ganz ehrlich, mir war das lange Zeit nicht klar. Aber ein Tag bei der Tafel kann heilsam sein.