Meinung
Meine wilden Zwanziger

Warum ich einem sehr netten Mann untreu wurde

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Nein, nicht was sie jetzt denken. Aber damit ich zu ihm zurückkomme, müsste er nicht kleinere, sondern andere Brötchen backen.

Ich fühle mich hundsmiserabel. Seit zwei Wochen nun schon betrüge ich meinen Bäcker. Jeden Morgen schleiche ich mich auf der anderen Straßenseite mit aufgesetzter Kapuze an seinem Backshop vorbei. Ein paar Häuser weiter biege ich dann in die neu eröffnete Bäckerei ein. Erleichtert atme ich auf – als hätte ich es unerkannt zu meiner Affäre geschafft.

Im Café duftet es verführerisch nach frisch gebackenem Brot, Himbeerschnitten und Franzbrötchen am Stiel. Alles, was ich bisher probiert habe, schmeckte köstlich. Und leider besser als bei meinem alten Stammbäcker. Und, verdammt, das Personal ist auch noch freundlich. Die Damen hinter der Theke wünschen einem nicht nur einen guten, sondern einen „zauberhaften“ Tag. Wer kann da schon widerstehen ...

Ein Seitensprung? Oder doch das Ende der Bäckerbeziehung?

Auf dem Rückweg verstecke ich die Brötchentüte unter meinem Arm. Mit schnellen Schritten und einem schlechten Gewissen laufe ich an dem leeren Backshop vorbei, zurück in meine Wohnung. Manchmal überlege ich, dort aus Anstand zwei trockene Rundstücke zu kaufen. Vielleicht würde ich mich dann besser fühlen? Oder doch eher wie eine Verräterin, die nach einer wilden Nacht zu ihrem Ehemann zurückkehrt, obwohl sie ständig an ihren Seitensprung denkt?

Nein, ich muss einen klaren Cut machen. Das wäre fairer. Aber wie? Dankt man seinem Bäcker für den netten Small Talk und beichtet ihm dann, dass man etwas Neues kennengelernt hat und nie wiederkommt? Oder wäre Ghosting die bessere Variante? Sollte ich mich einfach ohne ein Wort aus dem Staub machen?

Der Stammgrieche geschlossen: ein tiefer Einschnitt im Leben

Liebe Leser, vielleicht kennen Sie so ein moralisches Dilemma. Möglicherweise kaufen Sie neben dem Abendblatt heimlich die „Bild“-Zeitung? Dann kann ich ihr Gewissen leider nicht erleichtern. Jedenfalls: Die meisten von uns haben einen Lieblingsitaliener, -asiaten oder -griechen, bei dem sie schon seit Jahren zum Essen gehen und als Stammgast einen extra Limoncello, Bambusschnaps oder Ouzo aufs Haus bekommen.

Ich kaufe auf dem Wochenmarkt gern bei demselben Gemüsestand mit demselben netten Verkäufer ein, der einen schon mit Namen anspricht. Nachdem unser Stammgrieche, zu dem mich meine Eltern schon als Baby mitgenommen haben und bei dem etliche Familienfeste gefeiert wurden, in diesem Sommer nach 30 Jahren geschlossen hatte, bedeutete das einen tiefen Einschnitt in unser Leben.

Jede Situation muss ich emotionalisieren

In einer Welt, in der man problemlos in der anonymen Masse untertauchen kann, liebe ich den persönlichen Kontakt. Ich mag es, wenn aus Fremden so etwas wie Weggefährten werden. Wenn man an der Supermarktkasse, an der man täglich in der Schlange steht, kein Unbekannter mehr ist. Und wenn sich mehrmals in dasselbe Hotel zu reisen anfühlt wie nach Hause kommen. Gerade durch diese Vertrautheit, die man mühevoll und oft über Jahre aufgebaut hat, fühlt es sich falsch an, meine zwei Brötchen morgens woanders zu kaufen.

Okay, objektiv betrachtet gibt es natürlich keinen Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben. Wir leben in einer freien Marktwirtschaft. Wenn das Franzbrötchen am Stiel der neuen Bäckerei nun mal besser schmeckt, verliert der alte Backshop seine Kundschaft. So läuft das Geschäft. Doch als Gefühlstante schaffe ich es, jede noch so rationale Situation zu emotionalisieren.

Zum Glück weiß der Verschmähte nicht, wo ich arbeite

Ja, mir ist schon klar, dass der Mann mit dem freundlichen türkischen Akzent vermutlich zu jedem Kunden so nett ist. Das gehört zu seinem Job. Und natürlich geht sein Backshop nicht gleich bank­rott, nur weil ich meine paar Euro für Brötchen woanders lasse.

Aber: Der Bäcker hat sich immer nach meinem Wohlbefinden erkundigt. Zur Verabschiedung sagte er stets „Bis morgen“ und schob noch ein zaghaftes „vielleicht“ hinterher. Als hätte er es geahnt. Er kannte meine Routinen. Er hat sofort bemerkt, wenn ich auch nur eine halbe Stunde später zur Arbeit gefahren bin. Zum Glück weiß er nicht, was ich beruflich mache. Sonst würde er womöglich auf die Idee kommen, das Abendblatt, das auf seinem Tresen liegt, durchzublättern, und würde dann meine Beichte lesen. Das ist ja schlimmer, als per SMS Schluss zu machen. Vielleicht fragt er sich aber auch, warum ich seit zwei Wochen mit Kapuze an seinem Geschäft vorbeischleiche ...