Meinung
Kolumne "Wilde Zwanziger"

Wehe, ich lande bei Ihnen im Altpapier!

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Na ja, ist schon okay ... Aber bei Büchern bin ich rigoros. Kein einziges könnte ich wegwerfen. Haben sie eine Seele?

Am Wochenende stand ich vor meinem Bücherregal und habe alte Freunde besucht. Während ich mit der Hand über einzelne Buchdeckel strich, erinnerte ich mich an die gemeinsamen Abenteuer, die wir erlebt haben. Wir haben uns verliebt und getröstet, gelitten und gelacht. Meine Bücher sind zu treuen Weggefährten geworden – wir verbrachten meist eine kurze, aber intensive Zeit miteinander. Mit ihnen teilte ich mein Bett und verreiste in den Urlaub. Sie unterhielten mich auf dem Weg zur Arbeit. Wie könnte ich es übers Herz bringen, sie aus meinem Leben zu verbannen? Sie gar lieblos in den Müll zu schmeißen?

Wenn das Regal immer unübersichtlicher wird und sich die Bretter langsam durchbiegen, steht jeder Buchliebhaber vor einer qualvollen Entscheidung: Ziehe ich in eine größere Wohnung? Oder sortiere ich aus? Der Platz für neue Freunde ist nicht endlos. In den Fächern neben meinem Bett stapeln sich Romane, auch der Schrank im Wohnzimmer kommt seiner Belastungsgrenze immer näher. Nachbarn haben gerade ihre alten Bücher mit einem Zettel „Zu verschenken“ ins Treppenhaus gestellt. Sie konnten es anscheinend ebenfalls nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren, die vergilbten Bände im Altpapiercontainer zu entsorgen. Warum aber fällt es vielen von uns so schwer?

Ganz ehrlich: Ich habe noch nie in meinem Leben ein Buch zweimal gelesen. Und werde es vermutlich auch in Zukunft nicht tun. Ich stelle den Roman mit dem Wissen ins Regal, ihn nie wieder anzurühren. Und dennoch liebe ich das Gefühl, von Büchern umringt zu sein. Für mich sind sie Andenken. Gern erinnere ich mich an die Charaktere, mit denen ich mich einmal so identifiziert habe. Es klingt ein wenig durchgeknallt, aber: Für mich haben Bücher so etwas wie eine Seele.

Selten leihe ich sie mir bei Freunden oder in der Bücherei aus, weil ich weiß, dass ich sie zurückgeben muss. Auch wenn dieses Prinzip natürlich viel nachhaltiger ist. Ein weiterer Grund, der mich hemmt, Literatur wegzuschmeißen: Der Autor hat zig Stunden Arbeit in sein Werk gesteckt. Es kommt mir respektlos vor, es in den Müll zu werfen. Als würde man einen Menschen für einen One-Night-Stand ausnutzen und sich anschließend nie wieder bei ihm melden. Andererseits: Zeitungen und Magazine bewahre ich in der Regel auch nicht auf. Dabei geben sich die Autoren genauso Mühe. Also schon okay, wenn mein Artikel gleich bei Ihnen im Altpapier landet, ich bin Ihnen nicht böse (höchstens ein bisschen).

Je älter man wird, desto mehr Bücher verstopfen die Regale. Irgendwann kommt der Moment, in dem es nur noch drei Möglichkeiten gibt: Entweder man verkauft oder verschenkt sie – oder kloppt sie in die Tonne. Sehr viele Menschen entscheiden sich dafür, ihre Bücher zu spenden. In öffentlichen Einrichtungen und Schränken herrscht längst ein Überangebot –hier entrümpeln die ehemaligen Besitzer mit einem guten Gewissen.

Ein Buch gilt nicht nur als Kulturgut. Eine Sammlung sagt auch viel über einen Menschen aus. Ich zum Beispiel scheine eine sehr gespaltene Persönlichkeit zu haben. In meinem Regal stehen neben Romanzen von Mona Kasten jede Menge Psychothriller von Sebastian Fitzek.

In den vergangenen Tagen habe ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis herumgefragt, wer schon einmal ein Buch weggeworfen hat. Ein prima Test, um herauszufinden, ob jemand auch Geburtstagskarten, Liebesbriefe und Konzerttickets entsorgt – für mich ebenso moralisch verwerflich, wie ein Buch zu Pappkartons und Reklame in den Container zu werfen. Das erschreckende Ergebnis: Ausgerechnet mein eigener Freund, der Bücher ähnlich liebt wie ich, hat schon einmal eines im Müll entsorgt. Zum Glück war es nur ein altes Schulbuch, sonst hätte ich mir ernsthaft Sorgen um unsere Beziehung gemacht ...

Immer wieder vermuten Menschen, dass es das Problem voller Regale in der Zukunft nicht mehr geben wird. Gerade die junge, digitale Generation werde auf E-Books umsteigen. Ja, so ein Kindle hat vielleicht mehr Speicherkapazität, als meine Wohnung Platz für Regale bietet – aber ich treffe meine Freunde lieber in der Realität, fasse sie an und hüte die gemeinsamen Abenteuer im Schrank.