Meinung
In eigener Sache

Vom Glück und Leid, HSV-Reporter zu sein

Henrik Jacobs ist Reporter im Sportressort des Hamburger Abendblatts

Henrik Jacobs ist Reporter im Sportressort des Hamburger Abendblatts

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Immer montags gehen wir auf Kritik an der Berichterstattung, auf Wünsche, Fragen und Debatten ein. Heute:

Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Freunde des Abendblatts,
immer montags beschäftigen wir uns an dieser Stelle mit Ihren Wünschen oder Ihrer Kritik. Wir wollen auch über die großen Leser(brief)-Debatten sprechen und unseren Leserinnen und Lesern Einblicke­ in unsere Arbeit geben, sowohl in die Art, wie wir recherchieren, als auch, wie das Abendblatt gemacht wird. Wenn Sie Anregungen haben, her damit, eine E-Mail reicht. Die Adresse lautet: chefredaktion­@abendblatt.de.

Heute geht es um den Job des HSV-Reporters. Wenn ich auf einer Party neue Leute kennenlerne und auf die Frage nach meinem Beruf antworte, dass ich über den HSV berichte, muss ich mit zwei möglichen Reaktionen rechnen. Variante eins: „Wow, das ist ja cool. Dann kommst du umsonst ins Stadion und kennst bestimmt auch die Spieler, oder? Voll der Traumjob!“ Variante zwei: „Du Armer. Dann musst du jeden Tag über den HSV schreiben? Mein Beileid.“ Meine Standardantwort: Ja, es ist ein cooler Job. Aber manchmal muss man auch leiden. Zum Beispiel von November bis März, wenn wir im windigen Volkspark stehen, um das Training des HSV zu beobachten. In welchem Job braucht man schließlich Thermounterwäsche und Skisocken? Als HSV-Reporter in jedem Fall.

Tatsächlich geht immer einer von uns zum HSV-Training. Da passiert zwar nur selten etwas, was am nächsten Tag in der Zeitung steht. Aber wenn mal etwas passiert, was in der Zeitung stehen sollte, wäre es eben blöd, nicht da gewesen zu sein. Was wir da sonst noch machen? Den Trainer beobachten, Spielformen analysieren, mögliche Aufstellungen interpretieren – und vor allem nach dem Training hier und da mit einem Spieler ins Gespräch kommen, wenn die Mitarbeiter der Medienabteilung gerade mal nicht aufpassen. Denn die Vereine versuchen heute jegliche Aussagen der Spieler zu kontrollieren. Einen Kontakt zu einem HSV-Profi aufzubauen ist dadurch sehr schwer geworden.

50 Prozent des Jobs als HSV-Reporter sind Warten

Kollegen erzählen ab und an, wie sie früher im Trainingslager mit der Mannschaft einen trinken waren. Da kann ich, seit fünf Jahren in diesem Job, nur mit den Achseln zucken. Beim Training heißt es für mich als HSV-Reporter daher heute vor allem: Abwarten und heißen Tee trinken.

Ohnehin verbringt man als Fußball-Berichterstatter rund 50 Prozent seiner Arbeitszeit mit Warten. Mal wartet man auf seinen Interviewtermin. Mal wartet man vergeblich auf seinen Rückruf. Beim Spiel in Bremen haben wir mal drei Stunden auf Matchwinner Ivo Ilicevic gewartet, ehe dieser seine Dopingprobe erfolgreich hinter sich gebracht hatte und endlich über sein Traumtor sprechen durfte.

Der Traumjob findet am Spieltag statt

Der Traumjob eines HSV-Reporters findet ohnehin am Spieltag statt. Und damit meine ich nicht die Kartoffelcremesuppe, die im Presseraum vor den Heimspielen serviert wird. Es ist das Privileg, ein Fußballspiel zu beobachten und es mit seinen eigenen Worten für die Leser zu schildern. Es ist das Vergnügen, nach den Spielen in der sogenannten Mixed-Zone mit emotional aufgewühlten Spielern zu sprechen und die Zitate ungefiltert wiedergeben zu dürfen.

Es ist der Adrenalinmoment, bei Abendspielen den Artikel, während die Partie noch läuft, so aufzubereiten, dass man ihn mit dem Schlusspfiff an den Spätdienst in die Redaktion schicken kann – ohne zu wissen, ob das Presse-WLAN im Stadion funktioniert oder ob nicht doch noch in der Schlussminute ein Tor fällt und den gesamten Bericht verändert.

Montagsspiele sind auch für Reporter eine Herausforderung

Montagsspiele, und die gibt es mit dem HSV in der Zweiten Liga ja nicht selten, sind auswärts die größte Herausforderung. Wie neulich in Bielefeld. In vielen Stadien der Zweiten Liga, so auch auf der Alm, gibt es auf den Presseplätzen keinen Bildschirm, auf dem die Zeitlupe läuft. Strittige Entscheidungen in seinem Bericht zu bewerten ist so kaum möglich. Daher sitzt immer auch ein Redakteur am Büro-Bildschirm, der Kontakt zum Reporter im Stadion hält. Und der im Notfall den Einstieg übernimmt, wenn einem im Stadion die Finger eingefroren sind oder das Internet ausfällt.

Schwierig ist es auch, bei Abendspielen nebenbei die Einzelkritiken zu schreiben. Denn dann bleibt keine Zeit, die Bewertungen ausgeruht nach der Partie zu schreiben. Wenn ein Spieler in den letzten zehn Minuten noch einmal richtig aufdreht, ist unser Zeugnis in der Regel schon geschrieben. So kann es passieren, dass man in der Einzelkritik danebenliegt. Über die Pressesprecher bekommt man dann auch immer mal die Rückmeldung, dass einem Spieler seine Bewertung nicht gefallen habe. Komisch, denn die Spieler selbst sagen einem immer, dass sie gar keine Zeitung lesen.

Früher, so sagen es Kollegen, haben Spieler und Journalisten solche Meinungsverschiedenheiten noch am Trainingsplatz besprochen. Aber früher war eben auch alles anders. Auch besser? Darüber kann man streiten. Von einem Traumjob kann man in jedem Fall immer noch sprechen. Man muss eben nur ein bisschen leidensfähig sein.