Meinung
In eigener Sache

Wie entsteht eine Konzertkritik?

Hamburg. Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde des Abendblatts,
immer montags beschäftigen wir uns an dieser Stelle mit Ihren Wünschen oder Ihrer Kritik. Wir wollen auch über die großen Leser(brief)-Debatten sprechen und unseren Leserinnen und Lesern Einblicke­ in unsere Arbeit geben, sowohl in die Art, wie wir recherchieren, als auch, wie das Abendblatt gemacht wird. Wenn Sie Anregungen haben, her damit, eine E-Mail reicht. Die Adresse lautet: chefredaktion­@abendblatt.de

Heute geht es um Konzertkritiken. Die Monate Oktober und November sind nach den Sommerfestivals und vor der Adventszeit die Hochsaison für Popkonzerte. In jeder Woche haben Fans von Rock, Metal, Schlager, Indie, Reggae, Blues, Jazz und Soul Hunderte Termine zur Auswahl, von den großen Hallen und Arenen bis zu den Clubs und Musikkneipen, die Hamburg zum Paradies für Konzertgänger machen. Allein am gestrigen Sonntag spielten Cher in der Barclaycard Arena, Seeed in der Sporthalle, Hilltop Hoods in der Großen Freiheit 36, Tom Gaebel in der Laeiszhalle und Carl Carlton im Downtown Bluesclub, um nur einige zu nennen.

Wir schwitzen im Molotow

Und wir Autoren sind mittendrin, wir schwitzen mit im Molotow und stehen im Konfettiregen in der Barclaycard Arena oder im Matsch im Stadtpark – und berichten über das Erlebte. Unser Anspruch: Das Publikum soll sich in der Konzertkritik ebenso wiederfinden wie Leser, die nicht dabei waren. Selbst wer die jeweiligen Sängerinnen, Entertainer und Bands nicht kennt, soll den Auftritt nacherleben und einordnen können.

Leidenschaft für Musik ist unser Beruf. Jeden Tag hören wir Musik, schauen Videos, verfassen und lesen Albumrezensionen, Interviews und Konzertberichte. Quer durch alle Stile, von internationalen Superstars bis zu aufstrebenden Hamburger Talenten. Dieser über Jahre täglich wachsende Erfahrungsschatz ist sowohl die Basis für die Konzert-Vorankündigungen, die Sie in unserem wöchentlichen Magazin LIVE und auf unserer täglichen LIVE-Seite lesen können, als auch Grundlage vor dem abendlichen Konzertbesuch.

Und dann geht es los. Der erste Ton erklingt, und beim Kritiker laufen bis zur letzten Zugabe mehrere Filter gleichzeitig im Kopf. Auf der Bühne: Wie ist die Akustik? Welche Lieder werden gespielt? Wie lange wird gespielt? Welche Ansagen gibt es außer „Hallo, Hamburg!“? Welche Bühnen-, Licht- und Showeffekte stechen heraus? Wie gut sind Darbietung, Arrangements, Gesang, Instrumente, Präsenz? Vor der Bühne: Wie viele Fans sind da? Wie reagieren sie? Was passiert zwischen Band und Publikum? Hexenkessel oder Trauerfeier?

Konzertkritik wird oft vor Ort geschrieben

Schon während des Konzerts verdichten sich im Kopf und auf dem Notizzettel die vor und während des Auftritts gesammelten Eindrücke zu einem Gesamtbild. Bei besonders populären Veranstaltungen wie P!nk im Volksparkstadion oder Cher in der Barclaycard Arena schreiben wir die Rezension direkt vor Ort, wobei wir gegebenenfalls darauf hinweisen, dass das Konzert vor dem Andruck der Zeitung gegen 21.30 Uhr noch nicht beendet war. Nach Konzertende können die Fans noch auf dem Nachhauseweg online den inzwischen ergänzten kompletten Nachbericht lesen. Das erfordert vom Autor gute Vorbereitung und eine Kombination aus Schnelligkeit, Sorgfalt, Auffassungsgabe und Empathie.

Wir sind Ihnen noch nie aufgefallen? Kein Konzertgänger will Journalisten mit grell leuchtendem Laptop neben sich haben oder einen, der dauernd am Handy tippt. Ich kenne an ziemlich jedem Konzertort die Bereiche, in die man sich kurz für ein paar Zeilen zurückziehen kann, ohne die Musik zu verpassen.

"War der Autor überhaupt da?"

Zum Alltag eines Kritikers gehören auch Leserzuschriften mit der Frage „War der Autor überhaupt da?“ Der Satz „Ihre Kritik war überhaupt nicht objektiv“ ist ein Klassiker. Tatsächlich hadere ich durchaus damit, dass meine Begeisterungsschwellen und Vergleichsmöglichkeiten nach mehr als 2000 besuchten Konzerten manchmal höher sind als die des Fans. Der hat vielleicht monatelang genau auf diesen Abend hingefiebert, viel Geld für die Karte ausgegeben und gerade sein Konzert des Jahres gesehen. Ich fand es okay und schreibe das auch so.

Kritiken können nur subjektiv sein, sonst wären es keine. Trotzdem sollte sich ein Kritiker den Respekt vor Künstler und Publikum bewahren. Polemische Seitenhiebe sind in Ordnung, solange die Leistung auf der Bühne fair und fundiert mit Höhe- und Schwachpunkten eingeordnet wird. Aber nur wenige Popkonzerte werden heutzutage so grottenschlecht oder lustlos dargeboten, dass sie gnadenlos verrissen werden müssen.

Immer wieder vermissen Leser auch bestimmte Kritiken, für die wir keine Zeit oder keinen Platz hatten. Die Enttäuschung verstehen wir sehr gut. Aber in einer so lebendigen Kulturstadt gibt es zu viel Pop und Klassik, Oper und Theater, Literatur und Kabarett, Musicals und Filme, um allem gerecht zu werden. Wir bieten einen breiten Überblick.