Hamburg

Cher – die Glitzergöttin stieg vom Pop-Himmel herab

Cher live auf ihrer Tour 2019 in Hamburg in der Barclaycard Arena

Cher live auf ihrer Tour 2019 in Hamburg in der Barclaycard Arena

Foto: Jazzarchiv/Michi Reimers

73-Jährige begeistert 10.000 Fans in Hamburg auf der Tour 2019. Ihre Show ist Glamour pur. Cher bietet aber auch besondere Momente.

Hamburg. Superstar mit Haltung, altersloses Wunderwesen, auf Highheels wandelnde Popgeschichte: Wer ein Konzert von Sängerin Cher besucht, der kommt nicht allein wegen der Musik. Die 10.000 Fans, die sich am Sonntagabend in der Hamburger Barclaycard Arena versammeln, wollen eine Persönlichkeit erleben, die mit Songs und Filmen, mit ihrem Stil und, ja, auch mit ihrem Körper seit Jahrzehnten Geschichten erzählt.

„Ich bin Fan seit immer. Die Frau ist einfach toll. Sie steht für Power“, sagt Sabine Sörensen, die in Lensahn einen Blumenladen betreibt und gemeinsam mit ihrer Kollegin Carola Lenz angereist ist. Die beiden reihen sich ein in die Riege von Fans, die sich extra schick gemacht haben.

Wie ihre Altersgenossin, die Countryikone Dolly Parton, nimmt sich die 73-Jährige das Recht heraus, das Leben immer und immer wieder auszukosten – und auszutricksen. Erfolg, Euphorie und Extravaganz inklusive.

Cher beginnt nicht gerade mit dem stärksten Song

Ob in Glitzer-Sakkos oder mit Strass besetzten Schuhen – alle feiern diesen Abend, der mit einer Videocollage beginnt. Bilder einer Überkarriere. Eine Lebenswerk-Revue. Dazu der Dancesong „Woman's World“ aus dem Jahr 2013. Die stampfende Disconummer ist gewiss nicht Chers stärkstes Lied. Aber die Nachricht ist überdeutlich: „Frauen der Welt, steht auf und kommt zusammen.“ Der Vorhang wird gelüftet. Und Cher verkündet ihre emanzipatorische Botschaft, während sie in einer funkelnden Robe auf einem Podest zu Boden schwebt.

Resolut schreitet sie zur Rampe und hebt die Faust, umrahmt von Tänzerinnen, die wie römische Kriegerinnen anmuten. Blau leuchtet das voluminöse Haar. Alles ist groß, alles muss strahlen. Die Glitzergöttin ist hinabgestiegen, um den Menschen Stärke sowie Schönheit zu bringen. Und Sexyness.

Coolness und Glamour in der Barclaycard Arena

Die Hülle fällt. In einer Korsage stiefelt Cher im Takt ihres Hits „Strong Enough“ über die Bühne. Coolness und Glamour, Stolz und Überschwang kennen kein Alter. Der Show ist deutlich anzumerken, dass Cher jüngst einige Jahre in Las Vegas verbracht hat: Die Kostüme, Perücken und Szenerien wechseln von einem überhöhten Zustand in den nächsten. Eine Diva muss tun, was eine Diva tun muss.

Bei „All Or Nothing“ von ihrem Erfolgsalbum „Believe“ aus dem Jahr 1999 soll es dann eben bonbonbuntes indisches Flair samt fahrbarem Elefanten sein. Mit „I Got You Babe“ wiederum nimmt sie das Publikum mit auf eine rührende Zeitreise ins Jahr 1965 und lässt ihren 1998 gestorbenen Ex-Mann Sonny Bono via Video mit auftreten. Von der Hippie-Ära geht’s weiter ins Burlesque-Ambiente.

Und da Cher in der Fortsetzung des Kinomusicals „Mamma Mia“ mitgespielt hat und 2018 ein Cover-Album mit Hits der Schweden veröffentlichte, ist ihre aktuelle Tour eben von Abba-Songs inspiriert und heißt „Here We Go Again“. Warum nicht? Cher, die allein als Solokünstlerin mehr als 200 Millionen Tonträger verkauft hat, ist ihre eigene Chefin. Eine Kategorie für sich. Aber das – bitte schön – mit Selbstironie: „Ich bin 73“, sagt sie unter tosendem Jubel. Und fragt augenzwinkernd: „Und was macht Eure Großmutter heute Abend?“

"Believe" machte den Gesangseffekt Autotune bekannt

Die Stimmung in der Menge changiert irgendwo zwischen Oldie-Fete, Club-Nacht und Christopher Street Day. Ob bei ihrem Gesang hier und da nachgeholfen wird, ist zweitrangig bei einer wahrhaftigen Kunstfigur wie Cher, die mit ihrem Hit „Believe“ den künstlichen Gesangseffekt Autotune bekannt gemacht hat.

Diesen Dreh- und Ohrwurm von einem Popsongs präsentiert die Sängerin als Zugabe. Zuvor hatte sie ihre Fans noch mit Klassikern wie dem beschwingten „Shoop Shoop Song“ und Marc Cohns Powerballade „Walking In Memphis“ beglückt. Und natürlich mit ihrem rockigen Hit „If I Could Turn Back Time“.

Die Zeit kann sie nicht zurückdrehen. Derlei Größenordnungen scheint sie vielmehr aufzulösen. Und sei es nur für die Dauer eines Konzerts. Cher ist pure Projektionsfläche und reines Popversprechen. Sie vermittelt das Gefühl, dass jede und jeder alles sein kann. Egal in welchem Alter.