Meinung
Kolumne Deutschstunde

Am Grabbeltisch der sprachlichen Fundsachen

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Nichts Weltbewegendes, aber einige angesammelte Fragen, Irrtümer und Regeln sollen hier aufgeklärt werden.

Ich habe mir vorgenommen, heute den Grabbeltisch der sprachlichen Fundsachen ein wenig zu lichten. Es sind keine schwerwiegenden Fehler und Regeln, die sich angesammelt haben, sondern der übliche Bodensatz an Fragen, Irrtümern und Notizen aus der Korrespondenz und der Lektüre der Zeitungen. Allerdings frage ich mich, ob die junge Generation, bei der die Babys bekanntlich gleich als nobelpreiswürdige Klimaexperten auf die Welt kommen, mit einem so verstaubten Ausdruck wie „Grabbeltisch“ überhaupt etwas anfangen kann.

Als Grabbeltisch bezeichneten wir früher einen Verkaufstisch, auf dem eine ungeordnete Menge preisgünstiger Waren zum Verkauf angeboten wurde (und an dem nach Eröffnung des Schlussverkaufs die Schlacht der Hausfrauen um Unterhosen und Küchenschürzen stattfand). Inzwischen baumeln Schilder mit der Aufschrift „Gadgets“ oder „Sale 60%“ über solchen Angeboten, was wiederum die Jüngeren besser verstehen. „Grammatische Gadgets“ als neuen An­glizismus will ich nun doch nicht kreieren, weil mir der VDS sonst meinen Elbschwanenorden entziehen würde.

Abgewogen? Abgewägt?

Es geht etwa um das Bauchgrimmen eines Lesers, als der in einem Interview las, Katharina Fegebank habe den Entschluss, Hamburger Bürgermeisterin werden zu wollen, sorgfältig „abgewogen“. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Die Bauchschmerzen bezogen sich nicht auf die Möglichkeit, dass eine Grüne den Chefsessel im Rathaus erobern könnte, sondern auf das Partizip „abgewogen“. Abgewogen würden Mehl und Kartoffeln, meinte der Einsender, Gründe und Entscheidungen hingegen müssten „abgewägt“ werden. Sie können, aber sie müssen nicht. Das Verb „abwägen“ kann sowohl stark als auch schwach flektiert werden, wobei „abgewogen“ das gebräuchlichere Partizip II ist.

Ja, bei „gern“ und „gerne“ sowie „selbst“ und „selber“ sind jeweils beide Formen korrekt. Ja, die Kurpfalz kann bei Heidelberg „geortet“, aber nicht „verortet“ werden. „orten“ bedeutet „die Lage von etwas ermitteln, bestimmen oder ausmachen“, „verorten“ ist dagegen ein Begriff der Soziologie mit der Bedeutung „einen festen Platz in einem bestimmten Bezugssystem zuweisen“. Ja, fachsprachlich gibt es die Plurale „Bedarfe, Verbräuche, Milche“ etc. und sogar den Singular „das Elter“ (ein Elternteil). Nein, die geplante Überlandleitung soll nicht „überirdisch“ (mit Gottes Hilfe?) verlaufen, sondern „oberirdisch“.

Nein, die PIN ist kein Kegel

Und nun kommt ein dickes Nein: Es heißt nicht, wie ich es vor 14 Tagen geschrieben habe, „mit dem Sky-Jugendschutz-PIN“, sondern „mit der PIN“. Ich hatte in der Eile dem Grammatik-Vorschlag von MS Word geglaubt. Der bezog sich aber auf den Eintrag „der Pin“ für einen Verbindungsstift oder einen Kegel beim Bowling, während es sich bei der Geheimzahl um „die PIN“ (personal identification number) handelt.

Die Meldung „Der 63-jährige Oberstudienrat geht in Pension“ ist falsch. „-jährig“ bezeichnet eine ununterbrochene Dauer, der Lehrer war aber nicht seit 63 Jahren Oberstudienrat. Richtig ist: „Der 63 Jahre alte Oberstudienrat wird pensioniert“ oder „Der 63-jährige Mann verabschiedet sich in den Ruhestand“. Der neue Geschäftsführer einer Firma wollte die Inschrift „Herzlich willkommen“ über der Tür in „Herzlich Willkommen“ ausbessern lassen. Ich machte ihm klar, dass es sich dabei um keine Ausbesserung, sondern um eine Verschlimmbesserung handeln würde. Bei „willkommen“ haben wir es mit einem Adjektiv zu tun, und Adjektive schreibt man klein. Um zum großen „W“ zu kommen, müsste er den Gruß substantivieren: „Ein herzliches Willkommen“.

Für Sie und Ihresgleichen

In einem sonst fehlerfreien Kommentar las ich: „[Die Fußballfans wurden in der Türkei von der Polizei] in einer Weise schikaniert, die ihres Gleichen sucht.“ Diese Schreibweise ist überaus kreativ, aber falsch. „ihresgleichen ist ein indeklinables Pronomen, und Pronomen werden ebenfalls kleingeschrieben: Sie pflegt nur Kontakte mit ihresgleichen; solchen Leuten wie ihresgleichen ist nicht zu trauen. Bezieht sich das Wort jedoch auf eine mit „Sie“ anzuredende Person, so wird großgeschrieben: Für Sie, Frau Müller, und Ihresgleichen dürfte das eine Kleinigkeit sein.

deutschstunde@t-online.de