Meinung
Deutschstunde

Als die Blauen in Weiß gegen die Blauen spielten

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Das war, als die Kraichgauer gegen Schalke keine Chance hatten. Das Vermeiden jeglicher Wiederholung wirkt lächerlich.

Sportreporter haben es nicht leicht, weil sie innerhalb von Sekunden bei einer Livereportage Sätze bilden müssen, deren Ende sie am Anfang selbst nicht kennen. Jeder Versprecher, jeder Syntax-Fehler, jedes „gedenken“ mit Dativ und jedes „wie“ statt „als“ (nicht nur bei Lothar Matthäus) können nicht zurückgeholt werden, sobald sie im Äther verschwunden sind. Danach starten die Zuschauer, die ihr Lebtag zwar die Abseitsregel nicht kapiert haben, die aber vorgeblich mit dem Duden unter dem Kopfkissen schlafen, am nächsten Tag vor Empörung und Schadenfreude einen Angriff auf Reporter, Sender und, weil sie gerade dabei sind, auch gleich auf den Berufsstand der Journalisten (mit Kopie an Peter Schmachthagen).

Doch in einem können diese Genauhörer nicht mithalten: mit den Erdkundekenntnissen der Sportreporter. Wenn die Oberpfälzer den Hansestädtern in der 85. Minute den Sieg rauben, dann reicht die Allgemeinbildung der Zuschauer im Allgemeinen nicht aus, um diese Mitteilung zu dechiffrieren. Man muss nämlich wissen, dass die Oberpfalz ein Regierungsbezirk in Bayern ist, in dem die Stadt Regensburg mit dem Fußballverein Jahn Regensburg liegt. Um Himmels willen dürfen wir die Oberpfalz nicht mit der Kurpfalz verwechseln, die rund um Heidelberg und entlang des Mittelrheins geortet werden muss, aber eigentlich nicht mehr geortet werden kann, weil sie bereits 1803 als Kurfürstentum des Heiligen Römischen Reiches ausgelöscht worden ist.

Diese „Synonymitis“ wirkt im Geiste der alten Deutschlehrer fort

Wenn Sie nun fragen, warum die Mitteilung nicht ganz einfach lautete, Jahn Regensburg habe am Sonnabend dem Hamburger SV kurz vor Abpfiff den Ball ins Netz gesetzt, so heißt die Antwort: Weil der Reporter diese Wörter bereits im Satz davor gebraucht und nach seinem Empfinden verbraucht hat. Für den folgenden Text taucht bewusst oder unbewusst der Deutschlehrer seiner Schulzeit auf, und wir hören ihn sagen: Wechsle den Ausdruck! Vermeide Wiederholungen! Benutze Synonyme! Diese „Synonymitis“, die Scheu vor Wiederholungen und der teilweise bis ins Lächerliche gesteigerte Gebrauch von Synonymen, wirkt im Geiste der alten Deutschlehrer fort. Allerdings erschließt sich eine solche Verwandtschaft häufig erst um viele Ecken. Wahre Meister auf diesem Gebiet (Vorsicht! Ironie!) sind die Sportreporter.

Die „Fuggerstädter“ haben in der 68. Minute ausgewechselt, tönt es während der Übertragung eines Bundesliga-Spieltags aus den Lautsprechern. Zur Einordnung dieser Mitteilung ist unsere Schulbildung gefordert. Die Fugger waren doch irgendwelche reichen Kaufleute in Süddeutschland weit vor der Euro-Zeit? Zur Not hilft Google, das diese Frühkapitalisten nach Augsburg verweist. Mit Fuggerstädtern dürften also Fußballer gemeint sein, die aus Augsburg kommen, die mit den Fuggern aber nichts gemein haben als ein dickes Bankkonto. Warum sagt der Reporter nicht „die Augsburger“ oder „der FC Augsburg“? Weil er diese verständlichen Ausdrücke bereits im vorherigen Satz verbraucht hat!

Eine Sportreportage kann die Kenntnis der deutschen Heimat nachhaltig vertiefen. Oder wissen Sie, wo der Kraichgau liegt? Einen Satz wie „Die Kraichgauer haben gegen die Königsblauen keine Chance“ müssen wir erst einmal auseinanderklamüsern. Der Kraichgau ist eine Landschaft zwischen Odenwald und Schwarzwald, in der das Städtchen Sinsheim zu finden ist, wo der SAP-Milliardär Dietmar Hopp ein Fußballstadion bauen ließ, in dem nicht etwa die Sinsheimer, sondern die Hoffenheimer spielen. Hoffenheim wiederum ist ein Ortsteil von Sinsheim, also ebenfalls im Kraichgau beheimatet, und diese Kraichgauer kämpfen auf dem Rasen gegen die Königsblauen. „Königsblau“ gilt als Synonym für Schalke 04, abgeleitet von der Farbe der Trikots.

Auf dem Fernsehschirm war zu sehen, wie Blaue gegen Weiße spielten. Das Dumme nur: Die „Königsblauen“, die Schalker, spielten als Gastmannschaft in Weiß, die Hoffenheimer als Heimmannschaft in Blau. Wie viel verständlicher wäre es doch gewesen, der Kommentator hätte gesagt: „Hoffenheim hat gegen Schalke keine Chance.“ Aber das ging ja nicht. Dann hätte er Wörter aus dem Satz davor wiederholen müssen!

deutschstunde@t-online.de