Meinung
Leitartikel

Respekt, HSV, für dieses Krisenmanagement!

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Foto: Andreas Laible / HA

Der Fall Bakery Jatta zeigt, dass der HSV auch Krise kann – der Umgang des gesamten Vereins mit dem Fall Jatta verdient Respekt.

War das nicht nur die Wende im sogenannten Fall Bakery Jatta, sondern auch im tatsächlichen und seit Jahren anhaltenden, tiefen Fall des Hamburger SV? In der jüngeren Geschichte des Traditionsvereins hat sich ein (sportliches) Drama an das andere gereiht. Immer wenn man dachte, dass es schlimmer nicht mehr geht, ging es doch.

Leidgeprüfte HSV-Fans mussten deshalb mit allem rechnen, als über Zweifel an der Identität des Spielers Jatta berichtet wurde. In die Dramaturgie des vom Unglück verfolgten HSV hätte gepasst, dass er sich an die Spitze der Zweiten Liga setzt, um dann von einem Sportgericht die gegen Nürnberg, Bochum und Karlsruhe gewonnenen Punkte aberkannt zu bekommen.

Der HSV geht aus einer Krise gestärkt hervor

Doch diesmal ist es anders. Diesmal geht der HSV aus einer Krise gestärkt hervor, was auch viel über das Management derselben aussagt. Die Art und Weise, wie Vorstand, Trainer, Mannschaft und Umfeld auf die Vorwürfe gegen Jatta in den vergangenen Wochen reagiert haben, hat dem HSV einen Teil des in den vergangenen Jahren verloren gegangenen Respekts zurückgebracht.

Es hat sich ausgezahlt, dass die Verantwortlichen geschlossen hinter ihrem Spieler und seiner (Lebens-)Geschichte gestanden und dass sie der naheliegenden Versuchung widerstanden haben, Jatta erst einmal auf die Ersatzbank zu setzen. Dass der Publikumsliebling in jedem Spiel auf dem Feld war, auch dann noch, als mit dem 1. FC Nürnberg der erste Club Einspruch gegen eine Niederlage gegen den HSV eingelegt hatte, war ein großes Zeichen von Trainer Dieter Hecking und Sportvorstand Jonas Boldt. Dabei ging es nicht um Fußball, sondern um mehr, um die Frage von Schuld und Unschuld in einem Rechtsstaat. Allein deshalb musste Jatta spielen.

Dass Bakery Jatta gespielt hat, hat sich ausgezahlt

Dass er gespielt hat, hat sich ausgezahlt. Nicht weil der HSV alle Spiele gewonnen hat, das hätte er im Zweifel auch ohne den vermeintlich Angeklagten. Sondern weil ausgerechnet der HSV sich den Mechanismen des Profifußballs widersetzt und nicht zuerst an das eigene Wohl, sondern an das des Spielers gedacht hat. Der, auch das passt zu diesem für den HSV perfekten Ausgang der Geschichte, am vergangenen Sonntag ein Tor beim 3:0 gegen Hannover 96 erzielte.

Was lernen wir daraus? Erstens, dass Fußballspiele auf dem Platz entschieden werden sollten und nicht in einem Gerichtssaal. Zweitens, dass Fragen nach der Identität eines Spielers in bestimmten Zweitliga-Vereinen niedere Instinkte wecken können. Denn natürlich ging es dem 1. FC Nürnberg, dem VfL Bochum und dem Karlsruher SC – das waren die Vereine, die Einspruch nach Spielen gegen den HSV eingelegt hatten – vor allem darum, bereits verlorene Punkte am grünen Tisch doch noch zu gewinnen. Macht man nicht, macht man so wie der FC St. Pauli: Der hatte erklärt, dass er auf keinen Fall gegen den Ausgang des demnächst anstehenden Spiels gegen den HSV protestieren würde. Auch dafür: Respekt.

Der HSV kann auch Krise – das lässt hoffen

Bleibt Lehre Nummer drei: Der größte Sportverband der Welt, der Deutsche Fußball-Bund, schien in den Jatta-Wochen meist überfordert. In so einer Situation zu keiner schnellen Entscheidung fähig zu sein, Einspruchs- und Beweisfristen zu verlängern, ist unsouverän und hat die ohnehin nicht leichte Lage für die Beteiligten noch schwieriger gemacht. Bis zum Tiefpunkt in Karlsruhe, wo Jatta brutal ausgepfiffen wurde.

Ende gut, alles gut? Das kann man beim HSV nie sagen. Aber sicher ist: So, wie die Sache ausgegangen ist, hat sie dem aktuellen Zweitliga-Spitzenreiter mehr genutzt als geschadet. Der HSV kann auch Krise, das lässt für den Rest der gerade begonnenen Spielzeit doch nun wirklich hoffen. Wäre schön, wenn es ab jetzt nur um Sport gehen könnte.