Meinung
Kommentar zum HSV

Der unwürdige Umgang mit dem Fall Jatta

Bakery Jatta am Donnerstag im HSV-Training.

Bakery Jatta am Donnerstag im HSV-Training.

Foto: Witters

Obwohl es keine eindeutige Faktenlage gibt, nutzen Politiker den Wirbel um den HSV-Profi, um Stimmung zu erzeugen.

Donnerstagmorgen in der U 1 zwischen Eppendorfer Baum und Jungfernstieg: Eine Frau liest auf dem Weg zur Arbeit das Hamburger Abendblatt und den Artikel auf der ersten Sportseite. „Ist Bakery Jatta wirklich Bakery Jatta?“ Schnell entbrennt eine Diskussion mit ihren Sitznachbarn über die Geschichte um den HSV-Profi und seine mutmaßlich gefälschte Identität. „So was passiert natürlich nur beim HSV“, sagt der eine. „Wer ist dafür eigentlich verantwortlich? Der Beiersdorfer?“, fragt die andere.

Der Fall Jatta ist seit zwei Tagen das große Gesprächsthema in der Stadt. Der 21-Jährige – und so alt ist er, solange nicht das Gegenteil erwiesen ist – erfährt nach dem ersten Bericht in der „Sportbild“ in der Fanszene des HSV einen beeindruckenden Rückhalt. Auch der Club stellt sich bedingungslos hinter seinen Mitarbeiter. Der Stürmer aus Gambia ist plötzlich aber auch Gegenstand einer gesellschaftspolitischen Debatte, für die er selbst gar nichts kann.

„In Deutschland ist inzwischen alles möglich“, twitterte etwa die ehemalige CDU-Politikerin und Flüchtlingskritikerin Erika Steinbach und fügte noch drei weinende Emojis zu ihrem Tweet hinzu. Steinbach war längst nicht die Einzige, die den Fall nutzte, um ihr eigenes Profil zu schärfen und Aufmerksamkeit zu erfahren. Natürlich ließ sich auch die AfD nicht lange bitten und sprach in einer Mitteilung vom „Irrsinn in der Asylpolitik“. Blöd nur, dass Jatta nie einen Asylantrag gestellt hat.

Der Sport dient als Integration

Man kann für den Jungen nur hoffen, dass er diese Kommentare niemals zu lesen bekommt. Das Beispiel des HSV-Profis, der vor vier Jahren als Geflüchteter nach Deutschland kam, zeigt mal wieder deutlich, mit welcher Geschwindigkeit in Deutschland heutzutage trotz einer ungeklärten Faktenlage Meinungen verbreitet und Stimmungen erzeugt werden können. Das gilt insbesondere für die sozialen Netzwerke, in denen zumeist anonyme Nutzer ihre Hasskommentare ungefiltert an den Adressaten übermitteln können.

Auch deshalb hat sich das Abendblatt dazu entschieden, im Rahmen der Aktion „Seid nett zueinander“ Respekt und Menschlichkeit in den Mittelpunkt zu rücken. Und dabei erfährt der Sport eine ganz besondere Rolle. Im Fußball gibt es keine Grenzen. Was hier zählt, ist die Sprache des Sports. Die Frage, wo man herkommt, ist im Fußball nebensächlich. Wer einmal selbst mit Geflüchteten Fußball gespielt hat, der weiß, welche Integrationskraft dieses Spiel erzeugen kann. Bakery Jatta ist nur eines von so vielen Beispielen. Wer den Support der Mannschaft und der Fans beim Training erlebt hat, der wird feststellen: So etwas schafft nur der Sport.

Der unwürdige Umgang mit diesem Fall zeigt daher einmal mehr, wie wichtig es ist, sich gegen den Alltagsrassismus zur Wehr zu setzen. Denn selten zuvor war das Thema im Fußball präsenter als in dieser Woche. Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies leistete sich auf einer Veranstaltung öffentlich eine rassistische Entgleisung und kam mit einer Entschuldigung und dem vorübergehenden Ruhenlassen seines Amtes davon. Eine echte Farce. Entschlossen reagierte dagegen der Chemnitzer FC – an diesem Sonntag Gastgeber im DFB-Pokal gegen den HSV –, der Stürmer Daniel Frahn wegen seiner Nähe zu einer rechten Fangruppierung suspendierte.

Behörde muss den Jatta-Fall aufklären

Natürlich hat der Fall Jatta noch viele ungeklärte Fragen aufgeworfen. Hat sich der Spieler wirklich durch falsche Angaben eine neue Identität verschafft, die ihm schließlich zu einem sehr gut bezahlten Job verholfen haben? Müssen die Behörden dem Profi den Aufenthaltsstatus entziehen, sollte sich der Betrugsverdacht bestätigen? Wird der Fall womöglich sogar strafrechtlich verfolgt, sollte eine Urkundenfälschung nachgewiesen werden? All das sind Fragen, die nun geklärt werden müssen.

Und natürlich gelten für den Fußballprofi Bakery Jatta dieselben Gesetze wie für jeden anderen Menschen auch, der nach Deutschland einreist. Solange diese Fragen aber nicht von den zuständigen Behörden geklärt werden, gilt in diesem Rechtssystem noch immer die Unschuldsvermutung. So lange und auch darüber hinaus sollte in diesen Zeiten daher vor allem eines an erster Stelle stehen: Seid nett zueinander.