HSV-Profi Bakery Jatta

Warum die Hamburger Behörde Jattas Pass nicht überprüfte

Jatta wurde von den Fans am Donnerstag mit Applaus empfangen.

Jatta wurde von den Fans am Donnerstag mit Applaus empfangen.

Foto: Witters

Spielte Jatta unter falscher Identität? Spur führt nach Bremen. Sportchef Boldt kritisiert Nürnberg. DFB und DFL geben grünes Licht.

Hamburg. Bakery Jatta ging um 15.38 Uhr demonstrativ als Erster voran, als die HSV-Mannschaft geschlossen die Treppe am Volksparkstadion herunter auf den Trainingsplatz marschierte. Die klare Botschaft des Teams: Jeder einzelne steht hinter dem wegen Dokumentenfälschung in Verdacht geratenen Gambiers, dessen erster öffentlicher Auftritt unter großem Fanandrang und einem überdurchschnittlich hohen medialen Interesse verfolgt wurde. Auch Jatta-Berater Efe Aktas zählte zu den Trainingsbeobachtern.

Rund 30 Minuten zuvor hatte der Verein bereits deutlich Stellung bezogen, sich hinter den Menschen und Spieler Bakery Jatta gestellt und den Nürnberger Protest gegen die Spielwertung vom Montagabend kritisiert. „Wir sind sehr verwundert, dass der 1. FC Nürnberg Einspruch gegen die Wertung unseres 4:0-Sieges eingelegt hat, und werden dazu selbstverständlich wie gefordert Stellung gegenüber dem DFB und der DFL beziehen", ließ sich Sportvorstand Jonas Boldt auf der vereinseigenen Webseite zitieren.

Boldt fordert Entscheidung des DFB

Im Zuge der Ermittlungen gegen Jatta, der möglicherweise unter einer falschen Identität spielen könnte, hat der Manager außerdem den DFB und die DFL in die Pflicht genommen. "Wir erwarten im Gegenzug von Liga und Verband eine eindeutige und schnellstmögliche Positionierung, was die Spielberechtigung von Bakery Jatta betrifft, damit ein rechtssicherer Ablauf des Pokal- und Punktspielwettbewerbs gewahrt bleibt", sagte der Sportchef drei Tage vor dem DFB-Pokalspiel beim Drittligisten Chemnitzer FC (Sonntag, 18.30 Uhr/Sky).

Darüber hinaus kritisiert Boldt vermeintlich vorschnelle Verurteilungen auf Basis von Indizien. "Schließlich hat unser Spieler seit drei Jahren einen gültigen Pass und eine Spielerlaubnis. Für uns ist es nicht akzeptabel, dass diese Spielberechtigung aufgrund von Vermutungen angefochten wird."

Fall Jatta: Boldt kritisiert Spießrutenlauf

Es ist wohl kein Zufall, dass dieses Statement rund 30 Minuten vor dem Mannschaftstraining veröffentlicht wurde. "Wir stehen voll hinter Bakery und werden ihn auch weiterhin voll umfänglich im Trainings- und Spielbetrieb einplanen, zumal er ein wertvoller Spieler und voll integrierter, geschätzter Teamkollege ist", sagte Boldt.

Ein Dorn im Auge sind dem 37 Jahre alten Vorstand auch einige rechtspopulistische Reaktionen in den sozialen Netzwerken. "Ich persönlich finde es unglaublich und erschütternd, dass sich unser Spieler wegen dieser öffentlichen Diskussion teilweise einem gesellschaftlichen Spießrutenlauf ausgesetzt sieht", sagte Boldt, der ein klärendes Gespräch mit Jatta über seine Identität geführt hat. "Baka hat uns gegenüber die Korrektheit seiner Passangaben noch einmal bestätigt.“

Bezirksamtsleiter kündigt Anhörung an

Die Zukunft des HSV-Flügelstürmers liegt zunächst in der Hand des Bezirksamtes Hamburg-Mitte, weil er zuletzt vom "Welcome Center" am Rathaus betreut wurde. Der Bezirksamtsleiter Falko Droßmann (SPD) kündigte auf Anfrage an, eine förmliche Anhörung von Bakery Jatta durchführen zu wollen, bevor über weitere Schritte entschieden werde.

"Sollte sich im weiteren Verlauf der Verdacht auf Falschangaben bestätigen, ist über ein Rücknahmeverfahren zu entscheiden", sagte Droßmann. Damit ist der Prozess gemeint, die bereits 2016 erteilte Aufenthaltserlaubnis möglicherweise zu widerrufen. Sollte es so weit kommen, wäre Jatta grundsätzlich ausreisepflichtig und würde nur solange in Hamburg geduldet werden, bis seine Identität endgültig geklärt ist.

Aufenthaltstitel ist mit HSV-Vertrag verknüpft

Wie es in Behördenkreisen heißt, wäre nach dem üblichen Prozedere dann auch ein Arbeitsverbot für Bakery Jatta sehr wahrscheinlich. Sein Aufenthaltstitel ist bereits jetzt mit seiner Beschäftigung beim HSV verknüpft, Jatta hatte keinen Asylantrag in Deutschland gestellt.

Wenn sich die Vorwürfe gegen Jatta bestätigen sollten und er tatsächlich bereits 23 Jahre alt ist und eigentlich Bakary Daffeh heißt, müsste sein bislang akzeptierter Pass aus Gambia eine Fälschung sein. Das Dokument wird aber vorläufig noch nicht von Spezialisten genauer untersucht. "Zuerst werden wir mit Herrn Jatta sprechen und ihm die Möglichkeit zu einer Stellungnahme geben", so eine Sprecherin des Bezirksamtes Mitte. "Danach folgen gegebenenfalls alle weiteren Schritte".

Hamburger Behörde überprüfte Jattas Pass nicht

Lange vor der aktuellen Berichterstattung und der nun angestoßenen Prüfung waren Zweifel an dem angeblichen Alter von Bakery Jatta laut geworden – bereits im Frühjahr 2016 deckte das Abendblatt auf, dass eine Untersuchung des Spielers am UKE im Auftrag des HSV zu dem Ergebnis kam, dass seine biologische Entwicklung bereits abgeschlossen sei. Die Hamburger Ausländerbehörde sah jedoch damals keinen Anlass, etwa den Reisepass des Flügelstürmers genauer zu untersuchen.

In der Verwaltung wird darauf verwiesen, dass Bakery Jatta bereits mit einer gültigen Aufenthaltserlaubnis aus Bremen nach Hamburg kam und diese anschließend lediglich verlängert wurde. "Eine standardisierte Überprüfung des Reisepasses auf mögliche Fälschung findet dabei nicht statt", heißt es. Vielmehr würden die Ausweisdokumente von Migranten bei ihrer ersten Registrierung in Deutschland überprüft – unabhängig davon, ob sie einen Asylantrag stellen wollen. "Auch diese Kontrolle muss somit in Bremen stattgefunden haben", so ein Hamburger Beamter.

DFB bitte HSV um Stellungnahme

Nicht nur politisch, auch sportlich könnte der Fall Konsequenzen nach sich ziehen. Bereits am Montag hatte das zuständige DFB-Sportgericht den HSV angeschrieben und um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten. Eine Entscheidung über den Einspruch werde es "zu gegebener Zeit" geben, teilte der DFB mit.

Zuvor hatte die DFL bestätigt, dass sie vom HSV vor dem Punktspiel in Nürnberg über Jatta in Kenntnis gesetzt worden sei. „Der Hamburger SV hat die DFL vor dem Spiel gegen den FC Nürnberg darüber informiert, dass es möglicherweise eine mediale Berichterstattung über die Identität des Spielers Bakery Jatta geben wird“, teilte die DFL auf Anfrage mit. „Der Spieler stand zum Zeitpunkt der Begegnung auf der Spielberechtigungsliste, insofern durfte er eingesetzt werden.“

DFL und DFB: Jatta darf vorerst weiter für den HSV spielen

Am Abend bekräftigte die DFL diese Position in einer gemeinsamen Erklärung mit dem DFB. Beide Verbände hätten Interesse an einer schnellen Aufklärung des Sachverhalts und stünden hierzu mit dem HSV im Austausch, hieß es. Die entscheidende Passage: "Da es bisher keinen Beweis für eine falsche Identität des Spielers gibt, behält die Spielberechtigung für Bakery Jatta, geboren am 6. Juli 1998, aktuell ihre Gültigkeit.

Anders gesagt: Jatta darf weiter spielen – in der Liga wie auch im Pokal. Voraussetzung für die Spielberechtigung ist ein gültiger Aufenthaltstitel. Sollte ein Aufenthaltstitel erlöschen oder durch Behörden entzogen werden, würde die Spielberechtigung entfallen. Der HSV, der auf gültige Dokumente verweist, müsste nur eine Strafe fürchten, wenn ein strafbares Handeln des Vereins vorliegen würde.

Da dies nicht der Fall zu sein scheint, gab sich mit Trainer Damir Canadi nun auch ein erster Protagonist aus Nürnberg reumütig. „Wir haben das Spiel sportlich verloren, sogar sehr schmerzhaft. Damit ist das für mich abgehakt. Alles andere müssen andere entscheiden.“

Darmstadt verzichtet auf Einspruch

Der HSV muss indes nicht befürchten, dass sämtliche Vereine nun rückwirkend Protest gegen die Wertung von Spielen, in denen Jatta zum Einsatz kam, einlegen. Eine sogenannte Verjährungsfrist setzt bereits nach 48 Stunden ein. Dennoch sah sich Darmstadt 98, der HSV-Gegner am 1. Spieltag, dazu genötigt eine Stellungnahme abzugeben.

"Wir haben bewusst auf einen Einspruch verzichtet, weil in unseren Augen offensichtlich kein bewusst unsportliches Verhalten seitens des Hamburger Sportvereins vorliegt. Der HSV hat für uns glaubhaft öffentlich versichert, gültige Dokumente des Spielers zu besitzen, die eine offizielle Spielberechtigung rechtfertigen", ließ sich das Präsidium zitieren. "Unserer Meinung nach ist es daher in diesem Fall falsch, mit juristischen Mitteln sportlich erzielte Ergebnisse anzufechten und sich am grünen Tisch Punkte erstreiten zu wollen."

Jattas erster HSV-Trainer Labbadia äußert sich

Inzwischen hat sich auch Jattas erster Trainer beim HSV, Bruno Labbadia, zu Wort gemeldet. „Als wir Bakery das erste Mal im Training gesehen haben, hat man gleich gemerkt, dass er etwas Außergewöhnliches hat. Natürlich haben wir gedacht: Ist ja Wahnsinn, dass der noch nie in einem Verein gespielt hat. Aber das hat für uns keine Rolle gespielt", sagte der 53-Jährige der "Bild".

Als sich der aus Gambia geflüchtete Jatta im Jahr 2016 über ein Probetraining einen Profivertrag beim HSV erspielt hatte, soll er 17 Jahre alt gewesen sein. „Ob 17 oder 19 – ich hätte ihn so oder so zum HSV geholt", sagt nun Labbadia, der in der Debatte um eine mögliche Ausweisfälschung an die menschliche Komponente appelliert. „Bakery ist ein ganz feiner Mensch, sehr bodenständig, sehr demütig, mit tollen Manieren", sagt Labbadia. "Er hat einen sportlichen Weg gemacht, der mich total freut. Ich drücke ihm die Daumen, dass alles gut für ihn ausgeht.“