Vorwurf Ausweisfälschung

HSV-Profi Bakery Jatta: Hintergründe des Flüchtlingsdramas

Bakery Jatta absolvierte bislang 47 Pflichtspiele für den HSV. Wie viele kommen noch hinzu?

Bakery Jatta absolvierte bislang 47 Pflichtspiele für den HSV. Wie viele kommen noch hinzu?

Foto: imago / Jan Huebner

Nürnberg legt Protest ein, weil der HSV-Profi unter falscher Identität spielen könnte. Der Fall bekommt eine politische Dimension.

Hamburg. Das Telefon von Efe Aktas stand am Mittwoch nicht mehr still. Nachdem am Morgen die „Sport Bild“ mit der vierseitigen Titelgeschichte „Spielt HSV-Star Jatta mit falscher Identität?“ herausgekommen war, galt es nicht nur ein Feuer zu löschen. Der Berater musste einen drohenden Flächenbrand eindämmen. Viel wollte der aufgewühlte Aktas am Telefon zwar nicht sagen. Aber: Baka sei ein guter Junge. Und die entscheidenden Sätze: „Er hat einen gültigen Pass. Der wurde überprüft. Alles andere ist für uns nicht relevant.“

Doch was rund um HSV-Profi Bakery Jatta wirklich relevant ist und was nicht, dürfte nicht nur das beherrschende Thema der kommenden Wochen sein. Es dürfte sogar ein Thema werden, das DFB und DFL, die Behörden, die Politik und wohl sogar die Gerichte beschäftigt.

Doch alles schön der Reihe nach: So berichtet die „Sport Bild“ in ihrer aktuellen Ausgabe über eine Reihe von Indizien, die den Schluss nach sich ziehen soll, dass Bakery Jatta nicht Bakery Jatta, sondern Bakary Daffeh heiße. Beide 1,84 Meter groß, doch der eine 21 und der andere 23 Jahre alt. Der mutmaßliche Grund für die angeblich falschen Angaben: Bei der Einreise als Flüchtling aus Gambia 2015 war Jatta nach seinen Angaben 17 Jahre und damit minderjährig. Was man wissen muss: Alleinreisende Flüchtlinge unter 18 Jahren erhalten in der Regel eine Duldung und dürfen im Land bleiben (§ 58, Abs. 1a Aufenthaltsgesetz).

Zwei Ex-Trainer behaupten, Jatta wäre Daffeh

Der Verdacht wird durch Zeitungsartikel aus dem Jahr 2014 erhärtet, in denen (inklusive Fotos) mutmaßlich über den heutigen HSV-Profi unter dem Namen Daffeh berichtet wird. Das Abendblatt fand zudem einen Artikel in der Zeitung „The Point“, nach dem Daffeh bei der U-20-Afrikameisterschaft mitgespielt habe. Pikant: Gambias U 20 wurde damals nachträglich disqualifiziert, weil fünf Spieler eingesetzt wurden, die älter als angegeben waren.

Zudem zitiert die „Sport Bild“ zwei afrikanische Trainer, die behaupten, Daffeh alias Jatta seinerzeit trainiert zu haben. Der Fußballer soll für mehrere Clubs in Gambia, beim nigerianischen Club 36 Lion FC und im Senegal bei CasaSports tätig gewesen sein. Erst im Sommer 2015 war Schluss mit Geschichten über Bakary Daffeh – Bakery Jattas Geschichte sollte dagegen genau hier beginnen.

Jattas Flüchtlingsmärchen ist zu schön, um wahr zu sein

Die Kurzform dieser Geschichte ist hinlänglich bekannt. So sollte Jatta, der angeblich noch nie in einem richtigen Fußballclub gespielt hatte, 2015 vor der Diktatur Gambias durch die Sahara bis nach Nordafrika und über das Mittelmeer geflohen sein. „Die Suche nach dem großen Glück war für alle Flüchtlinge das große Thema“, sagte Jatta erst kürzlich dem Abendblatt. Der Fußballer, der mittlerweile auch ein sehr passables Deutsch spricht, wird von Mannschaftskollegen als Paradebeispiel für gelungene Integration bezeichnet.

Doch zu Anfang brauchte der Afrikaner ein wenig Zeit, um sein Glück wirklich zu finden. Zunächst wurde er in der Akademie Lothar Kannenberg, einer Jungenhilfe und Bildungseinrichtung, in Bothel bei Bremen aufgenommen. Dann ein Probetraining bei Werder Bremen, ein weiteres Probetraining beim HSV – und das große Glück schien zum Greifen nah.

Jatta erhielt einen Profivertrag beim HSV, der im Januar noch einmal um fünf Jahre verlängert wurde. „Glück hat natürlich viele Bedeutungen. Jeder muss selbst wissen, was ihn glücklich macht“, sagte Jatta im Winter dieses Jahres. „Und nach zweieinhalb Jahren in Hamburg kann ich sagen, dass ich glücklich bin. Ich genieße jeden Tag.“

HSV zweifelte von Anfang an an Jattas Alter

Doch wie nah Glück und Unglück manchmal beieinander sind, dürfte Jatta spätestens nach der Veröffentlichung durch die „Sport Bild“ klar sein. Denn Gerüchte, Mutmaßungen und Spekulationen hat es um den Fußballer bereits seit seiner Ankunft in Hamburg gegeben.

Jatta selbst vermied es öffentlich, über seine Flucht und seine Vergangenheit zu sprechen. Doch auch der HSV hatte schon damals Zweifel am angegebenen Alter Jattas. Die Verantwortlichen ließen den mutmaßlichen Teenager noch vor der Vertragsunterschrift im UKE untersuchen, ob der angebliche 17-Jährige ausgewachsen sei oder nicht. Das Ergebnis: Der angehende Profi sei aller Wahrscheinlichkeit nach zwei bis drei Jahre älter.

Die biologische Entwicklung Jattas, das bestätigte auch Ex-HSV-Sportchef Peter Knäbel damals dem Abendblatt, sei abgeschlossen. „Die besonderen Umstände erfordern für uns das seriöse Abklären aller Voraussetzungen und Bedingungen“, sagte seinerzeit Knäbel, der aber trotz der Zweifel an Jattas Alter keine weiteren Einwände hatte, das Talent unter Vertrag zu nehmen.

An dieser Stelle wird die Geschichte aber erst so richtig interessant. Denn während der HSV bereits Zweifel an der wahren Identität Jattas hatte, hatten die Behörden diese offenbar nicht. In Rekordzeit erhielt Jatta eine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung, durch die sein Traum vom Profidasein Realität wurde.

Behörde droht mit Beschäftigungsverbot für Jatta

Happy End? Ganz im Gegenteil. Denn nachdem es bereits vor dreieinhalb Jahren öffentliche Zweifel am tatsächlichen Alter Jattas gegeben hatte, wurden die zuständigen Behörden nach der jüngsten Berichterstattung erst hellhörig. Auf Abendblatt-Nachfrage bestätigte am Mittwoch eine Behördensprecherin: „Das Bezirksamt Hamburg-Mitte wird den Fall intensiv prüfen und den Hinweisen nachgehen.“ Weiter heißt es aus Behördenkreisen, dass es Konsequenzen geben würde, sollte der Pass tatsächlich gefälscht sein: „Dann wäre das eine Straftat und muss den Widerruf der Aufenthaltserlaubnis zur Folge haben.“

Die Folgen wären dramatisch. Für den HSV, für den Fußballer Jatta, aber vor allem für den Menschen Bakery. Denn wenn ein Ausländer wegen eines gefälschten Passes seinen Aufenthalts­titel verliert, erhält er zunächst wieder nur den Status einer Duldung. Erst dann wird versucht, seine wahre Identität zu klären, und von Behördenseite im Anschluss eine Abschiebung angepeilt. Es bleibt jedoch im Ermessen der Ausländerbehörde, ob sie einer nur geduldeten Person auch die Erlaubnis gibt, bis zur Klärung des Aufenthaltstitels in Hamburg arbeiten zu dürfen. „Wer versucht, zu täuschen und sich einen Aufenthaltstitel zu erschleichen, wird in aller Regel mit einem Beschäftigungsverbot belegt“, heißt es sehr deutlich in der Verwaltung.

Grundsätzlich schiebt Hamburg auch Menschen aus Gambia in ihr Heimatland ab. In der Praxis geschieht dies aber sehr selten. Laut Ausländerbehörde wurden 2018 drei Menschen in das westafrikanische Land zurückgebracht, in diesem Jahr noch niemand. Und überhaupt: Auch in Hamburg heißt es noch immer: im Zweifel für den Angeklagten.

Hetztiraden gegen Jatta im Internet

Wobei man sich in den sozialen Netzen da nicht mehr so sicher sein kann. In der AfD-Tönnies-Trump-Großwetter­lage hat der Fall Jatta längst eine politische Dimension eingenommen. Auch deswegen solidarisierte sich die Seebrücke Hamburg, die sich für Flüchtlinge engagiert, mit dem Fußballer. „Bakery Jatta hat die Flucht durch die Sahara und über das Mittelmeer überlebt“, steht in einer Pressemitteilung, „und jetzt ist er ein Hamburger wie wir alle.“

So oder ähnlich sehen es auch die Verantwortlichen beim HSV. Sportchef Jonas Boldt unterhielt sich lange mit Jatta­ über die Vorwürfe – und sprach ihm anschließend das uneingeschränkte Vertrauen aus. Und auch Vorstandschef Bernd Hoffmann machte deutlich: „Wir haben Bakery Jattas gültigen Reisepass inklusive Aufenthaltsgenehmigung vorliegen. Bakery hat sich seit seiner Ankunft bei uns als tadelloser Sportsmann und verlässlicher Mitspieler gezeigt. Er hat sich schnell in unsere Mannschaft und in unseren Club integriert.“

Nürnberg legt gegen HSV-Spiel Protest ein

Dem DFB reicht dieses Plädoyer allerdings nicht. So kündigte Anton Nachreiner, der Vorsitzende des DFB-Kon­trollausschusses, an, dass „der Kontrollausschuss den Sachverhalt untersuchen wird.“ Immerhin: Der HSV hatte sich vor dem Spiel gegen den 1. FC Nürnberg (4:0) bei der DFL ein zweites Mal rückversichert, ob man trotz der bevorstehenden Berichterstattung Jatta einsetzen dürfe. Schon unmittelbar vor der Verpflichtung hatte HSV-Justiziar Julius Becker im Januar 2016 Kontakt zur DFL und sogar zur Fifa aufgenommen. Und nach Angaben des HSV gab es auch im Vorfeld des Spiels gegen Nürnberg seitens der DFL keine Bedenken.

Vier Gegentore und ein mediales Beben später hat man in Nürnberg nun offenbar eine andere Auffassung. „Natürlich sollten die Punkte grundsätzlich auf dem grünen Rasen und nicht am grünen Tisch verteilt werden, allerdings befinden wir uns in einem Wettbewerb, welcher durch Regeln und Vorgaben bestimmt wird“, teilte Nürnbergs Sportvorstand Robert Palikuca dem Abendblatt mit, ehe er am Abend offiziell Einspruch gegen die Wertung des 0:4 einlegte.

Darf Jatta im Pokal in Chemnitz auflaufen?

Auch bei der DFL ist man sich offenbar nicht mehr ganz so sicher, wie man mit dem Fall umzugehen hat. Der HSV wurde um Stellung gebeten – und ob Jatta im Pokal gegen Chemnitz auflaufen darf, bleibt vorerst unklar.

Beim HSV wollte man gestern weder den Einspruch noch die DFL-Haltung kommentieren. Dies soll aber im Laufe des Donnerstags nachgeholt werden. Wichtiger sei nun aber, dass man sich voll und ganz hinter Jatta stelle. Hoffmanns Schlusswort: „Wir schätzen Bakery Jatta als Spieler und Menschen.“

Der Spieler Jatta steht an diesem Donnerstag ab 15.30 Uhr wieder auf dem Trainingsplatz. Wie es mit dem Menschen Bakery weitergeht, weiß niemand.