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Ein bisschen Frieden für unsere Straßen

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: Andreas Laible

Auf deutschen Straßen regiert der Wahnsinn. Zahlen zeigen, dass es sich nicht um gefühlte Wahrheit, sondern um ein Faktum handelt.

Hamburg. Verkehrsnachrichten sind selten ein Quell der Freude – von Staus ist die Rede, von stockendem Verkehr, von Straßensperrungen. In diesen Tagen aber haben Verkehrsnachrichten das Zeug zum Horrorfilm mit Überlänge. Am Freitag vor einer Woche hat ein Lkw einen 52 Jahre alten Fahrradfahrer an der Alster überrollt und getötet; am Sonntag überfuhr ein alter Mann mit seinem Auto in Lurup ein siebenjähriges Mädchen, in Bergstedt kollidierte ein 19 Jahre alter Radler mit einem Fahrzeug, am Mittwoch verletzte ein Lkw auf Finkenwerder eine Radlerin schwer.

Auf deutschen Straßen regiert der Wahnsinn. Zahlen zeigen, dass es sich hier nicht um gefühlte Wahrheiten, sondern um ein Faktum handelt: Im ersten Quartal stieg die Zahl der Unfälle mit Radlern in Hamburg um fast 30 Prozent auf 550; bundesweit starben im vergangenen Jahr 432 Fahrradfahrer und damit 50 Menschen mehr als 2017.

Hohes Risiko für Radfahrer

Radfahrer leben gefährlich: Das Risiko, einen Unfall nicht zu überleben, ist dreieinhalbmal höher als im Auto, haben die Unfallforscher der Versicherer berechnet. Das Risiko, sich schwer zu verletzen, liegt für Radfahrer sogar siebenmal höher. Im „Zeit-Magazin“ sagte der Leiter der Unfallforschung, Siegfried Brockmann: „Wer zum Radfahren auffordert, ohne dass die Infrastruktur da ist, nimmt zusätzliche Tote in Kauf.“ Ein Satz, über den es nachzudenken lohnt.

Zweifelsohne verbessert der Senat – es wurde ja auch Zeit – endlich die Infrastruktur für Radler. Aber das allein wird den Verkehr nur etwas sicherer machen. Denn dort herrscht Dichtestress: Immer mehr Bewohner müssen sich die Straßen teilen, die nicht mitwachsen. Allen Sonntagsreden zum Trotz steigt die Zahl der Autos in Hamburg – von 715.000 im Jahre 2010 auf fast 795.000 im vergangenen Jahr; zugleich wächst ihr Anteil überdurchschnittlich: von 404 auf 434 Fahrzeuge pro 1000 Einwohner. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass immer mehr Menschen aufs Rad steigen: Längst stehen nicht nur Autofahrer im Stau, sondern auch Radler, etwa auf der Feldstraße.

Immer neue Verkehrsträger sollen das Chaos lindern – könnten es am Ende aber eher vergrößern: Carsharing-Anbieter, Moia oder Leihroller locken manche zurück auf die Straße und erzeugen Zusatzverkehre; neue Techniken bringen neue Probleme mit sich: Elek­trofahrräder etwa machen Menschen in einem Maße und mit einer Geschwindigkeit mobil, die sie nicht beherrschen. Und nun sollen noch E-Roller die ohnehin knappen Flächen weiter verstopfen. Vermutlich muss erst etwas passieren, bevor die Wachsamkeit wächst.

Rechthaberei in Reinform

Es stellt sich die Frage, ob viel guter Wille und einigermaßen viel Geld wirklich reichen, um eine nachhaltige Verkehrswende anzustoßen. Vermutlich allein nicht. Es bedarf noch einer weiteren Maßnahme: der Abrüstung im Verkehr.

Wer derzeit auf Hamburgs Straßen unterwegs ist, bekommt Rechthaberei in Reinform, moralische Selbsterhöhung in Serie und Rücksichtslosigkeit im Überfluss. Manche Autofahrer vertrauen blind ihrer vermeintlich eingebauten Vorfahrt, einige Radler hoch zu Drahtross zelebrieren ihre moralische Überlegenheit. Einig sind sich Zwei- und Vierradfahrer nur, wenn sie Fußgänger weghupen oder wahlweise wegklingeln können.

Einen Teil dieses Fehlverhaltens mag die Polizei sanktionieren: Wer rote Ampeln als Aufforderung zum Beschleunigen missversteht, Einbahnstraßen für Scherze und Regeln für überflüssig hält, den sollte man im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Verkehr ziehen. Der größere Teil fängt bei der Verkehrserziehung an und hört beim guten Benehmen längst nicht auf. Vielleicht sollte man eine alte Idee des Abendblatt-Gründers Axel Springer neu beleben. Er brachte damals den Zebrastreifen nach Hamburg. Sein Appell: „Helfen Sie, dass diese Überwege nicht nur zu einer Brücke der Sicherheit, sondern auch zu einer Brücke des guten Verstehens zwischen Fußgänger und Autofahrer werden!“ Zugleich druckte das Abendblatt Aufkleber für die Windschutzscheibe mit dem Ze­bra: „Zeichen eines besonders rücksichtsvollen Autofahrers“. Die Aktion hatte Erfolg, die Zahl der Unfälle ging zurück. Zugleich wurden überall in der Stadt Zebrastreifen auf die Straßen geklebt.

Es passt in die Zeit, dass in Hamburg nicht nur die Rücksicht auf dem Rückzug ist, sondern auch die Zebrastreifen aussterben.

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