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Grüne an die Macht! – Aber können sie auch Krise?

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken
Matthias Iken beleuchtet jedes Wochenende in seiner Kolumne Hamburg und die Welt

Matthias Iken beleuchtet jedes Wochenende in seiner Kolumne Hamburg und die Welt

Foto: Hamburg / HA

Warum schwingt sich die Ökopartei von Erfolg zu Erfolg? Und wie wird dieser Aufstieg Deutschland verändern?

Hamburg. In unserer Schülerzeitung druckten wir 1987 den Text eines Neuntklässlers, der nicht weniger als den Weltuntergang vorhersagte. Unter dem Titel: „Wenn die Grünen die Macht übernehmen“ formulierte er eine flotte Dystopie. Für mich als Chefredakteur, der damals so grün war wie heute das ARD-Hauptstadtstudio, ein schwer erträglicher Text, der mir die Zornesröte ins Milchgesicht trieb. Heute muss man sagen: Der konservative Autor lag mit seiner Vorhersage besser als gut bezahlte Meinungsforscher und schlaubergernde Politikwissenschaftler. Er machte nur eine Fehler: Er dachte, die grüne Mehrheit käme erst in 500 Jahren.

Wie man sich irren kann. So grün, wie sich unsere Welt seit Sonntag in Brüssel, Bremen oder den Bezirken präsentiert, war sie noch nie. Grün bricht hierzulande schneller durch als nach einem feuchtwarmen Maitag. Doch nicht Europa ergrünt, sondern vor allem die Bundesrepublik: Die Grünen im Europaparlament liegen bei 69 Sitzen (plus 17), 21 kommen aus Deutschland – zehn mehr als fünf Jahre zuvor.

Die Grünen haben als Anti-AfD gewonnen

Ist das ein deutscher Sonderweg? Sogar in Schweden, der Heimat von Greta, haben die Grünen sechs Prozentpunkte verloren. Die deutsche Seele aber ist grün. Die Deutschen haben schon Waldeslust, Waldeseinsamkeit und Waldsterben erfunden. Seit der Romantik sind wir grüne Weltmarktführer.

Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit: Die Grünen haben als Anti-AfD gewonnen. Sie sind das (mitunter inszenierte) Gegenbild zu den Rechtspopulisten: Weltoffen statt national, fröhlich statt schlecht gelaunt, jung statt alt, Globalisierungsgewinner gegen Globalisierungsverlierer. In dem Maße, wie etwas hysterisch in der Öffentlichkeit die Gefahr von rechts heraufbeschworen wurde (die gottlob im Vergleich zu unseren Nachbarn überschaubar blieb), wuchs der Wille vieler, ein Zeichen gegen rechts zu setzen. Und grün zu wählen.

Zudem sollten die Grünen ein Dankesschreiben an FDP-Chef Christian Lindner schicken. Der Mann stieg mit dem schönen Satz aus den Jamaika-Verhandlungen aus: „Es ist besser, nicht zu regieren als schlecht zu regieren.“ Für die Grünen ist dieser Satz angesichts des unglücklichen Auftritts der Großen Koalition wahr geworden. Der schöne Nebeneffekt – man darf im Wolkenkuckucksheim verharren und muss keinen Wirklichkeitsabgleich der mitunter weltfremden Positionen bei Migration oder Industriepolitik fürchten.

Nach zehn Jahren Wirtschaftswunder gönnen sich die Deutschen ihren Postmaterialismus

Die Partei taugt zudem als Projektionsfläche für widerstreitende Wünsche der Wähler. Zwar mag eine Stimme für die Grünen ein moderner Ablasshandel sein – in den reichen Vierteln der SUV-Fahrer sind sie besonders erfolgreich. Angesichts immer schlimmerer Klimaprognosen wächst aber das Verlangen nach einer mutigeren Umweltpolitik. „Fridays for Future“ wirkte am Wahlsonntag. Zugleich sind die Grünen Internet-Partei. Die YouTube-Prediger um Rezo kämpften auch gegen CDU und SPD, weil sie durch das Urheberrecht ihre Spielwiese beziehungsweise ihr Geschäftsmodell bedroht sehen. Nur: Die Gemeinsamkeiten von Markenklamotten-Influenzern mit Umweltaktivisten dürften gen null gehen.

Nach zehn Jahren Wirtschaftswunder gönnen sich die Deutschen ihren Postmaterialismus. Wenn die Konjunktur wegbricht, dürften auch die Kurven der Grünen abknicken. Allerdings stellt sich die Frage, auf welches Niveau sie absacken. Die Grünen haben derzeit das wohl überzeugendste Führungspersonal ihrer Geschichte – sie decken viele verschiedene Strömungen ab, ohne ins Sektiererische oder Dogmatische abzugleiten. Die Grünen sind vielen einfach sympathisch. Anders als früher jagt ein „rot-grünes Chaos“ kaum noch Angst ein. Die Performance der Grünen – abgesehen vom haarsträubenden Berliner Senat – kann sich durchaus sehen lassen. Von Schleswig-Holstein bis Baden-Württemberg funktionieren die Bündnisse geräuschlos und pragmatisch.

Die spannende Frage ist, ob die Grünen auch Krise können. Manches spricht dafür: Der Reformeifer der damaligen rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer taugt bis heute als Vorbild. Und anders als die SPD, die ihre Agenda-Großtaten nur genutzt hat, um sich klein zu machen, haben die Grünen nach vorne geschaut.

500 Jahre bis zur grünen Machtübernahme wird es nicht mehr dauern.

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