Meinung
Hamburger Kritiken

Politischer Diskurs: Wie blauäugig ist Deutschland?

| Lesedauer: 4 Minuten

In unserer Facebook-Demokratie reduzieren wir komplexe Debatten auf ein „Gefällt mir“: So ersetzen Gefühle die Vernunft.

Wäre es Helmut Schmidt vergönnt gewesen, 100 Jahre alt zu werden, man würde ihn allzugern zur Politik dieser Tage befragen. Was würde der Langenhorner zur Emotionalisierung des Politischen, zum hysterischen Diskurs und zu den schrillen Debatten sagen? Er stand stets für einen nüchternen Politikansatz, schickte Visionäre flapsig gern mal zum Arzt und kritisierte seinen Vorgänger Willy Brandt scharf, weil dieser der „Illusion“ anhänge, auch in der Politik Stimmungen und Gefühlen folgen zu dürfen.

Schmidt dürfte es heute schwer haben. Der politische Diskurs ist in einem Maße stimmungs- und gefühlsgeleitet, dass die Vernunft mitunter unter die Räder gerät. Leicht zerknirscht blicken viele Politiker und Medienschaffende auf die grenzenlose Flüchtlingsbegeisterung der Herbsttage des Jahres 2015. „Wir kriegen jetzt plötzlich Menschen geschenkt“, jubilierte damals Katrin Göring-Eckardt. „Refugees Welcome“ titelten die Rote Flora und die „Bild“-Zeitung. Das war alles gut gemeint, hat aber im Überschwang den Blick auf mögliche Probleme verstellt. Genutzt haben das Ausländerhasser und Rassisten für sich, die die Urangst vor dem Fremden heraufbeschworen, Zuwanderer kriminalisierten und in den sozialen Netzwerken Gruselgeschichten verbreiteten. Mehr Verstand und weniger Gefühl hätten geholfen, die Spaltung des Landes zu verhindern.

Heute geht die Angst vor dem Klimawandel um

Oder erinnern wir uns an Fukushima. Als ein verheerender Tsunami am 11. März 2011 die japanische Küste traf und rund 20.000 Menschen in den Tod riss, diskutierte die deutsche Öffentlichkeit vor allem die Folgen auf den Atomreaktor in Fukushima. Kanzlerin Angela Merkel machte eine Rolle rückwärts: Zunächst hatte sie die Laufzeiten der Reaktoren in Deutschland verlängern lassen, nach dem Seebeben im Pazifik musste der deutsche Atomausstieg schneller gehen, als Rot-Grün beabsichtigt hatte. Heute geht die Angst vor dem Klimawandel um – und da sieht nicht nur Greta Thunberg die Atomkraft in einem anderen Licht. Ganz neu ist ihr Argument nicht, aber in der emotionalen Debatte 2011 war es nicht nur unerhört, so zu argumentieren, es blieb auch unerhört. Nun erleben wir einen Wettlauf um das radikalste, schnellste Klimaschutzprogramm. Seltsamerweise diskutieren wir das stets im deutschen Krähwinkel, als heize die Wirtschaft zwischen Flensburg und Garmisch das globale Treibhaus allein auf. Die „Neue Zürcher Zeitung“ wundert sich: „Vor allem in deutschen Medien sind immer wieder apokalyptische Töne mit Blick auf den Klimawandel zu vernehmen. Doch Panikmache hilft nicht, eine vernünftige Politik zu gestalten.“

Hierzulande geht es nicht um Vernunft, sondern um Gefühl. Wenn Angela Merkel verspricht, es werde „kein Pillepalle mehr“ in der Klimapolitik geben, sondern „disruptive“ Veränderungen, wirft das einige Fragen auf: Was war in den vergangenen 14 Jahre ihrer Kanzlerschaft so los? Und wie segensreich haben sich die disruptiven Veränderungen etwa der Energiewende ausgewirkt? Friedrich Merz hat es im „Spiegel“ beantwortet: „Nach dem Ergebnis dieser Europawahl muss sich die CDU fragen, warum wir nach 14 Jahren Klimakanzlerin unsere Klimaziele verfehlen, Haushalte und Unternehmen mit den höchsten Strompreisen Europas belasten und zugleich die strategische und kulturelle Kontrolle über das Thema verloren haben.“

Mit großen Gefühlen statt mit Verstand

Mit der Emotionalisierung der Debatte stehen wir Deutschen nicht allein. Wie hat Donald Trump die Präsidentschaftswahl gewonnen? Wie die Brexiteers ihr Land von Europa abgesprengt? Wie ködern Rechtspopulisten ihre Wähler? Mit großen Gefühlen statt mit Verstand, mit Emotionen statt mit Ratio, mit Parolen statt mit Programmen, mit Köpfen statt mit Inhalten. Im Zeitalter der sozialen Medien verkürzt sich der Diskurs auf schlichte Bewertungen, auch wenn verschiedene Emojis noch Vielfalt vortäuschen: Wir leben in einer Facebook-Demokratie des „Gefällt mir“. Wir zappen durch die Debatten: Was gefällt, entscheidet der Daumen, bevor sich der Kopf mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Und nach dem ersten Klick glauben wir, wir hätten eine Meinung. Zugleich erliegt die Politik dieser Gefallsucht – und wird emotional. Das Gefühl regiert, der Verstand setzt aus.

Wie wusste schon die Berliner Band Ideal: „Das ist gefährlich/Lebensgefährlich/Zu viel Gefühl“. Der Song von 1980 taugt zum Soundtrack von heute. Er heißt passenderweise: „Blaue Augen“.

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