Meinung
Deutschstunde

Da werden selbst die Adjektive schwach

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Sie mögen noch so stark gewesen sein. Wer eine Nominalphrase deklinieren kann, darf sich beim Duden bewerben.

Ich sitze hier am Nachmittag des Ostermontags zu Hause vor dem Computer und schreibe diese Kolumne, pflichtgemäß, aber auch mit der professionellen Begeisterung, die einen Autor befällt, der den Eindruck hat, dass sein Text von einem großen Teil der Leserschaft erwartet wird. Draußen ist herrliches Wetter, die Sonne scheint, der Raps blüht, die Bäume werden grün, sodass mir der etwas ketzerische Gedanke kommt, dass, wenn ein solcher Frühling im April das Ergebnis des Klimawandels sein sollte, ich gegen den aktuellen Wetterwandel nichts einzuwenden habe.

Das Osterfeuer am Gründonnerstag, das in den vier Jahren zuvor jeweils wegen Regens, Sturms und tiefgründigen Matsches abgesagt werden musste, brannte diesmal lichterloh. Die Freiwillige Feuerwehr brauchte nicht einzugreifen, die Kinder freuten sich, und Greta war nicht da, weshalb dieser jahrtausendalte Brauch zumindest in unserem Dorf nicht durch eine Kohlendioxid-Diskussion belastet und vom Verbot bedroht war.

Eine Greta, die die Schule nicht schwänzt

Das heißt, Greta war doch da. Greta ist die sechsjährige Tochter meiner Nachbarin. Diese Greta schwänzt, aus welchen hehren Gründen auch immer, keine Schule, denn sie wird erst nach den großen Ferien eingeschult. Darauf freut sie sich und möchte dann keine einzige Unterrichtsstunde versäumen.

Doch bevor ich mich nun um Kopf und Zukunft schreibe, versuche ich den Sprung zurück vom deutschen Klima zur deutschen Sprache, zumal mich sogar während des Osterfeuers viele Besucher auf die „Deutschstunde“ ansprachen. Sie hatten Fragen, die ich mit der Grillwurst in der Hand so gut es ging zu beantworten versuchte.

Ein Stolperstein, der Mark Twain vergrault

Im Gespräch und in der Korrespondenz stoßen Sprachkolumnisten immer wieder auf Stolpersteine der Grammatik, die so gemein sind, dass man sie gar nicht oft genug erklären kann. Greifen wir uns heute die Deklination (Beugung) der Adjektive (Eigenschaftswörter) heraus. Bekanntlich verließ im Jahre 1878 ein amerikanischer Schriftsteller mit dem Pseudonym Mark Twain in Hamburg das Schiff aus Übersee, um Europa kennenzulernen und nebenbei in 90 Tagen Deutsch zu lernen.

Er scheiterte, und er scheiterte vor allem an der Flexion (Beugung) der Adjektive. Mark Twain schrieb danach seinen treffenden Essay „The Awful German Language“ („Die schreckliche deutsche Sprache“).

Eine Erklärung, die Leser vertreibt

Adjektive (und Partizipien in attributiver Stellung) können stark, schwach, gemischt und ab und zu auch endungslos dekliniert werden. Das entscheiden diese Eigenschaftswörter für sich nicht selbst kraft ihrer eindeutig feststehenden Formen und Endungen, sondern sie müssen sich der Nominalphrase anpassen, in die sie eingebunden sind.

Ich weiß, dass eine solche Erklärung manchen Leser wie seinerzeit Mark Twain vertreiben kann. Deshalb versuche ich es noch einmal: Eine Nominalphrase ist eine eng zusammengehörende Gruppe von Wörtern im Satz, die von einem Nomen (Substantiv oder einer Substantivierung) abhängig ist. Das Hauptwort bestimmt Genus (Geschlecht), Kasus (Fall) und Numerus (Singular oder Plural), das Adjektiv hat sich in seiner Form anzupassen. Leider sind diese Formen nicht festgemauert in der Syntax (Satzbau), sondern ändern ihre Flexion in starke oder schwache Endungen (die tabellarisch aufzuzeigen zu viel Platz beanspruchen würde), wenn sich noch mehr „Mitbewohner“ in die Nominalphrase drängen und entscheidend die Richtung ändern können – etwa Artikelwörter oder unbestimmte Zahlwörter wie „der, ein“ oder „mancher“.

Eine Liste, die erhellt

Einige Beispiele: heller Tag, helle Nacht, helles Licht, hellem Tage, helle Tage (stark und unbegleitet); der helle Tag, die helle Nacht, das helle Licht, dem hellen Tage, die hellen Tage (schwach mit bestimmtem Artikel); ein heller Tag, keine hellen Tage (gemischt mit unbestimmtem Artikel).

Leider wird es noch komplizierter: Pronomen können die Deklinationsart ändern: das blaue Tuch (schwach), aber: mein blaues Tuch (stark); oder: ein heller Tag (stark), aber: jeder helle Tag (schwach).

Wie sagte doch Mark Twain? Die schreckliche deutsche Sprache!

deutschstunde@t-online.de