Meinung
Gastbeitrag

Wie der Hamburger Hafen umdenken muss

Thomas Straubhaar ist Professor für VWL, insbesondere Internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der Universität Hamburg.

Thomas Straubhaar ist Professor für VWL, insbesondere Internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der Universität Hamburg.

Foto: HA / Roland Magunia

"Made in Germany" ist zurück: Wenn Roboter billiger als Menschen arbeiten, wird in Deutschland gefertigt – und Container überflüssig.

Alles prima im Hamburger Hafen. Probleme? Lange vorbei! „Jetzt greifen wir wieder richtig an im Markt“, „freuen uns auf die großen Schiffe“ und „bereiten uns bereits auf 23.000-TEU-Schiffe vor“ – so optimistisch war die Stimmung als die Verantwortlichen des Hafen Hamburgs Jahresbilanz zogen. Gut so, aber wirklich genügend, um auch langfristig erfolgreich zu bleiben?

Oder stellen nicht gerade Basistrends wie Datenökonomie und Digitalisierung bei so vielen Firmen bisherige Geschäftsmodelle derart infrage, dass in Zukunft ganz andere Dinge als noch größere Containerfrachter und wachsende Umschlagmengen wichtig(er) werden könnten?

McKinsey und Boston Consulting: Globalisierung ändert sich gerade

Die weltweit größten Beraterfirmen – McKinsey und die Boston Consulting Group – geben, basierend auf Analysen aktueller Entscheidungen ihrer rund um die Erde verteilten Kunden und Partner, eine glasklare Antwort: Ja, die Globalisierung ändert gerade ihr Gesicht und zwar jetzt und nicht erst in ferner Zukunft – mit dramatischen Folgen für Welthandel und Containerschifffahrt.

Transkontinentale Güterströme verlieren gegenüber dem Dienstleistungshandel und dem Datentransfer an Bedeutung. Für einen Hafenstandort eine beunruhigende Erkenntnis. Der Aufschwung des Hamburger Hafens in den vergangenen 30 Jahren war einer Globalisierung geschuldet, die wie eine Karawane von Billiglohnland zu Billiglohnland zog. Hochwertige Maschinen, Apparate und Fahrzeuge – auch spezielle Halbfabrikate und Vorleistungen – wurden in Deutschland hergestellt.

Das Ende der Billiglohnland-Strategie

Dann wurden sie in Containern nach Asien verschifft. Dort wurden sie von billigen Arbeitskräften weiterverarbeitet zu Konsumgütern – also zu Schuhen, Kleidern, Elektroartikeln, Spielzeug, aber auch zu Smartphones oder Autos -, die dann in Teilen wiederum per Schiff über Hamburg zurück nach Europa verkauft wurden.

Die Billiglohnland-Strategie neigt sich ihrem Ende zu. Einmal, weil auch in Asien Lohn-, Umwelt- und Sozialkosten steigen. Zudem müssen die Länder – besonders China und Indien – mit Blick auf ihre stark wachsende Bevölkerung immer mehr selber und für den Eigenbedarf produzieren, um mehr heimische Arbeitsplätze zu schaffen, mehr Menschen zu versorgen und weniger vom Ausland abhängig zu werden.

Vor allem aber torpedieren digitale Technologien die alte Billiglohnland-Strategie. Sie ermöglichen es, (weite) Teile der Produktion zurück nach Europa zu holen. Wenn eh alles, was sich in der Produktion automatisieren oder standardisieren lässt, durch Roboter billiger als durch Menschen erledigt werden kann – was selbst dann gilt, wenn, wie teilweise in Asien, nur Hungerlöhne bezahlt werden – dann werden die teuren Roboter dort stehen, wo sie am sichersten sind vor politischen Übergriffen, in der Nähe ihrer Kunden und nahe beim Personal, das sie wartet.

Warum "Made in Germany" wieder attraktiv wird

So sorgen Roboter, Big Data und Hightech dafür, dass „Made in Germany“ wieder zu attraktiv geringe(re)n Kosten möglich wird. Boston Consulting schätzt, dass digitale Technologien in Deutschland (aber auch andernorts) dazu führen, dass bei Massenprodukten die Lohnstückkosten, also der Lohnanteil an den gesamten Herstellkosten von Schuhen, Kleidern, Geräten und Maschinen bis zu 30 Prozent geringer werden. Löhne verlieren somit bei Standardgütern – nicht jedoch bei hochwertigen (Dienst-)Leistungen – verglichen zu anderen Kosten an Bedeutung, was auch heißt, dass bei Massengütern, die in Containern verpackt werden, Transportkosten – wozu auch lange Lieferzeiten, Verzugs- und Versicherungskosten gehören – stärker ins Gewicht fallen.

Genau deswegen dürfte lokale Produktion in Kundennähe wichtiger und die Containerschifffahrt weniger wichtig werden. Qualität wird wichtiger als Quantität, Spezialanfertigungen smarter als Massenproduktion. Sportschuhe liefern für diese Entwicklung ein einschlägiges Beispiel. So können Füße vor Ort vermessen und dann – immer stärker auch unter Zuhilfenahme von 3-D-Druckern – passgenau maßgeschneidert und nahezu ohne Wartezeit direkt ausgeliefert werden. Dafür bedarf es keiner Container und keines Hafens mehr.

Unsichtbare Datenflüsse, die im Internet und nicht in Containern verschickt werden, treten anstelle alter Seewege. Virtuelle Clouds machen Lagerhäuser überflüssig. Davon aber wird die Hafenwirtschaft nicht direkt profitieren. Deshalb wird ein „Weiter so wie bisher“ nicht genügen – weder für den Hafen noch für Hamburg.