Theo Sommers Buch

"China schickt keine Soldaten, sondern Ingenieure"

Theo Sommer ist Journalist und ehemaliger Chefredakteur der Wochen-Zeitung „Die Zeit“.

Theo Sommer ist Journalist und ehemaliger Chefredakteur der Wochen-Zeitung „Die Zeit“.

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Der Journalist Theo Sommer über Chinas Aufstieg – dieser ist in der Geschichte einzigartig und schürt Konflikte mit den USA.

Hamburg. Es gibt nur wenige Journalisten, die China so gut kennen wie Theo Sommer. Der langjährige Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“ hat das Land der Mitte vor 44 Jahren erstmals bereist – und seitdem immer wieder. Nun hat er sein Buch „China First – die Welt auf dem Weg in chinesische Jahrhundert“ veröffentlicht. Gewidmet hat er es seinen sechs Enkeln, die das chinesische Jahrhundert erleben werden.

Hamburger Abendblatt: Wir sitzen hier im Herzen Hamburgs und sprechen über China. Sind wir Hamburger eigentlich in besonderer Weise mit China verbunden?

Theo Sommer: Ja, Hamburg war im deutsch-chinesischen Verhältnis seit jeher der Vorreiter. Schon 1843 eröffnete dort das erste Hamburger Handelshaus – vor dem Ersten Weltkrieg waren die Hamburger Reeder führend im China-Handel. Übrigens eröffnete an der Fuhlentwiete 1921 das erste chinesische Restaurant in Deutschland. Hanbao heißt die Hansestadt auf Chinesisch – „Burg der Chinesen“. Das Wachstum unseres Hafens im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts war eng mit dem China-Handel verbunden, das Schwächeln des Hafens hat nun auch mit China zu tun. Unser Verhältnis ist besonders – und deshalb sollte die Stadt nicht den Fehler wiederholen, den sie bei den Japanern gemacht hat: Die haben aufgrund der Missachtung durch die Stadt sich Düsseldorf als Zentrum gesucht.

Napoleon hat einst vom „schlafenden Löwen“ China gesprochen. Präsident Xi sagte nun, der Löwe sei erwacht, aber es sei ein friedlicher, freundlicher und zivilisierter Löwe. Täuscht der Eindruck, oder wird der Löwe immer hungriger?

Sommer: Unter Xi ist der Löwe hungriger geworden. Der Aufstieg Chinas ist in der Menschheitsgeschichte einmalig: China begann sich 1978 unter Deng Xiaoping zu öffnen und hat sich wirtschaftlich seitdem rasant entwickelt: Die Wirtschaftsleistung hat sich seit 1980 von 191 Milliarden Dollar auf 13,6 Billionen Dollar vervielfacht, das Pro-Kopf-Einkommen sich im selben Zeitraum von 194 Dollar auf jetzt 10.000 Dollar gesteigert und der Export sich fast verhundertfacht. Der Anteil der Menschen, die in Städten wohnen, ist von 18 auf 56 Prozent gewachsen: China hat in 30 Jahren einen Aufstieg aus der Steinzeit ins digitale Zeitalter geschafft, eine Entwicklung, für die wir fast 300 Jahre gebraucht haben. Xi wirft dieses neu gewonnene Gewicht in die Waagschalen der Weltpolitik und betreibt eine sehr robuste und ehrgeizige Geopolitik.

Sie prophezeien ein „chinesisches Jahrhundert“ – muss uns das schrecken?

Sommer: Wir haben unser Potenzial noch nicht verloren – aber wir müssen es in Europa bündeln. Die Chinesen sind keine Abkupferer mehr, sondern Innovatoren. In künstlicher Intelligenz oder beim autonomen Fahren sind sie uns, aber auch den Amerikanern schon voraus.

Welcher Platz bleibt Europa da?

Sommer: Europa hat heute noch zehn Prozent der Weltbevölkerung – Mitte des Jahrhunderts werden wir noch sieben Prozent sein. Die Chinesen bleiben ein Milliardenvolk, auch wenn ihre Zahl ab Mitte des Jahrhunderts zurückgeht. Überalterung ist ein Problem. Manche sagen voraus, die Chinesen werden alt, bevor sie reich werden.

Das Programm „Made in China 2025“ ist eine Kampfansage gegen das industrialisierte Deutschland. Gerade in den deutschen Kerngeschäftsfeldern peilt China die Weltspitze an ...

Sommer: Ja, der Autobau, Robotik, Schnellzüge sind Teil dieses Masterplans. Die Chinesen wollen bis 2025 in zehn Schlüsselindustrien führend sein. Die deutsche Wirtschaft ist angesichts dieser Herausforderung längt gespalten – einige hoffen weiter auf ein blendendes Geschäft, andere fürchten, hinausgedrängt zu werden. Xi hat sehr trium­phalistisch begonnen, ist nun aber zurückhaltender geworden. Der Masterplan „Made in China 2025“ darf kaum noch erwähnt werden, weil er überall Gegenreaktionen ausgelöst hat.

Inzwischen fordern die Chinesen Europa mit dem Konzept der neuen Seidenstraße aber auch vor der Haustür heraus ...

Sommer: In der Tat beginnen die Chinesen sich auf dem Balkan und in Südosteuropa einzunisten. Der Hafen von Piräus gehört ihnen schon – es war eine völlige Idiotie, die Griechen in der Schuldenkrise zur Privatisierung zu drängen. Nun wollen die Chinesen eine Bahnlinie von dort bis Budapest bauen. In der 2012 gegründeten Gruppe der 16+1, in der 16 europäische Staaten und China zusammenarbeiten, verfolgen die Chinesen längst eine handfeste Interessenpolitik und bauen Straßen, Zugstrecken, Häfen, Kraftwerke und Brücken.

Sind wir im Umgang mit China in Europa zu naiv?

Sommer: Wir haben erst in den letzten eineinhalb Jahren die chinesische Herausforderung begriffen. Sie ist ernst, wirtschaftlich wie politisch. Die Europäer müssen sich zu einer einheitlichen China-Strategie zusammenraufen, die heute noch nicht einmal in Ansätzen erkennbar ist. Die ist aber unbedingt nötig, wenn wir in dem heraufdämmernden chinesischen Jahrhundert noch eine wichtige Rolle spielen wollen. Da haben wir übrigens die gleichen Interessen wie Trump: Wir benötigen gleiche und faire Regeln in der Wirtschaft, gleichen Marktzugang und gleiche finanzpolitische Spielregeln.

Trotz seiner oft irrationalen, polternden Art hat Donald Trump etwas erreicht, das seinen Vorgängern versagt blieb – erstmals lenkt China ein und öffnet seine Märkte ...

Sommer: Die Verhandlungen laufen ja noch, das Ultimatum ist verschoben. Die US-Hardliner wollen den technologischen Aufstieg Chinas stoppen und rückgängig machen. Die Moderaten hingegen möchten den Druck herausnehmen und ein Handelsabkommen abschließen. Auf der chinesischen Seite gibt es ebenso Hardliner und Moderate. Am Ende werden die Chinesen den Amerikanern mehr Käufe von Soja, Mais und Halbleitern bieten, sich aber sicher nicht beim Aufbau ihrer modernen Industrie bremsen lassen.

In der Geopolitik wachsen zugleich die Auseinandersetzungen ...

Sommer: Der Zündstoff bleibt – gerade auch in der Geopolitik. Die Chinesen machen sich im Indopazifik breit, im Indischen wie im Pazifischen Ozean: Sie sind längst in Sri Lanka, Pakistan und Dschibuti, in Europa und Lateinamerika. Da geht es auch um Einflusssphären. Was wir sehen, ist ein Infrastruktur-Kreuzzug, eine Art monetärer Imperialismus. China schickt keine Soldaten, sondern Finanziers, Bauarbeiter und Ingenieure. Das ruft nun eine Gegenbewegung hervor. Deswegen nimmt sich Xi rhetorisch zurück. Man muss aber genau schauen, wie er handelt.

Einige Falken in den USA sehen am Horizont schon einem Krieg gegen China ...

Sommer: Sie reden von der Thukydides-Falle. Der griechische Historiker Thukydides hat in seinem Werk „Der Peloponnesische Krieg“ beschrieben, wie die beiden hellenischen Stadtstaaten Sparta und Athen schlafwandelnd in die Falle des Verderbens wanderten. Könnte nun der Aufstieg Chinas die Vormacht der USA so erschüttern wie damals der Aufstieg Athens die Spartaner? Es gibt Untersuchungen des Harvard-Politologen Allison, wonach sich in der Weltgeschichte 16-mal die Machtverhältnisse rasant verschoben – was zwölfmal in einem Krieg endete ...

Zum Beispiel im Ersten Weltkrieg

Sommer: Genau – durch die Flottenpolitik des Deutschen Reichs fühlten sich die Briten herausgefordert. Aber um Allisons Beispiel weiterzudenken: Viermal hat es keinen Krieg gegeben. Und es ist die Aufgabe der Europäer, die Hitzköpfe in China wie in den USA zu bremsen. Unser Hauptinteresse muss sein, einen Krieg zu verhindern. Das wird schwierig genug...

Kann China an sich selbst scheitern?

Sommer: Ich lese immer, dass Chinas Wirtschaft schwächelt. 2018 waren es aber noch 6,6 Prozent Wachstum – das ist ungeheuer viel. Ich glaube nicht an das Zusammenbrechen der Wirtschaft. Das autoritäre System ist in der Lage, auf Stimmungen im Volk wie auf wirtschaftliche Entwicklungen zu reagieren. Dass sie es können, haben sie immer wieder gezeigt.

Vermutlich wären es auch keine guten Nachrichten, wenn der Riese ins Taumeln geriete ...

Sommer: Ein geschwächtes China wäre vermutlich schlimmer als ein wachsendes China, so eng wie unsere Wirtschaften verflochten sind. Gerade wegen dieser Abhängigkeit können wir das Thema Menschenrechte kaum noch ansprechen.

Wird sich die Menschenrechtslage in den kommenden Jahren verbessern?

Sommer: Die Chinesen haben ein anderes Verständnis von Menschenrechten. Sie haben 700 bis 800 Millionen Menschen aus der Armut geholt – das ist das chinesische Verständnis von Menschenrechten. Und die Stabilität und Einheit des Landes spielen eine elementare Rolle.

Der chinesische Überwachungsstaat erscheint vielen wie eine reale Dystopie ...

Sommer: Längst hat sich China zum Big Brother entwickelt. Die Staatsführung nutzt die Digitalisierung zur Überwachung. Sie bauen ein Sozialkreditsystem auf, in dem jeder Mensch eine Punktzahl bekommt. Wer bei Rot über die Ampel geht, bekommt Abzüge. Alles was ein Mensch macht, wird überwacht – und gleich mit Punkten belohnt oder mit Abzug bestraft. Wer unter 600 Punkte fällt, bekommt keine Kreditkarte mehr, darf nicht mehr in Hotels übernachten oder fliegen. Und die ganze Familie wird in Sippenhaft genommen. Die Digitalisierung macht autoritäre Staaten noch autoritärer. Damit wird China zum Gegenmodell der freiheitlichen Demokratien.

Wer China verstehen will, sollte dieses Buch lesen

Theo Sommers erstes China-Buch erschien 1979: „Die chinesische Karte. Neunhundert Millionen auf dem Weg zum Jahr 2000“, hieß der Titel, dessen Cover ganz im Schick der 70er-Jahre gestaltet war. Damals diskutierten intellektuelle Zirkel, was wäre, wenn das Riesenreich mit seiner reichen Geschichte einstmals aus dem Dämmerschlaf erwachen würde. Heute resümiert auch Sommer: „Ich hätte nicht gedacht, dass die Chinesen das hinbekommen.“

In den vergangenen 40 Jahren haben die Chinesen eine einmalige Erfolgsgeschichte hingelegt – gegen alle Prognosen und Wirtschaftslehren. „Keine Entfernung, auch nicht ferne Berge und weite Ozeane, können Leute mit Beharrlichkeit daran hindern, ihr Ziel zu erreichen“ – nicht von ungefähr zitierte Chinas Staatschef Xi Jinping dieses alte Sprichwort beim Besuch von US-Präsident Donald Trump.

China erobert die Welt

Diese einmalige Aufholjagd beeindruckt Sommer – denn er kennt noch das alte China. Seine Erinnerungen an das vergangene Reich der Mitte machen einen Teil des Reizes und seines Unterhaltungswertes aus. „Das China, das ich in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts kennenlernte, gibt es nicht mehr.“ Er beschreibt Lehmziegelbauten, Kohlbeete und Baumwollfelder. „Es war alt, arm und armselig, auf dem Lande der Steinzeit näher als der Neuzeit.“

Heute schickt dieses Land sich an, die Welt zu erobern. „China First“ heißt konsequenterweise Sommers neues Buch. „Die Welt auf dem Weg ins chinesische Jahrhundert.“

Was nach reißerischem Titel klingt, weist der 88-Jährige auf 480 Seiten detailliert nach. China baut überall in der Welt Einflusssphären mit der neuen Seidenstraße unter dem Titel „one belt, one road“ aus. Und es besetzt Zukunftstechnologien – mit Strategien wie „Made in China 2025“: „Heute kommen 90 Prozent der LED-Lampen, 80 Prozent der Computer und 70 Prozent der Handys aus China“, schreibt Sommer. Der Wirtschaftsteil mag etwas zahlenlastig daherkommen – die Zahlen aber lesen sich auch wie eine Belastung.

Klug und strukturiert

Sommers Buch ist klug strukturiert und ermöglicht dem schnellen Konsumenten das Querlesen; zugleich ist es journalistisch fesselnd. Es kommt nicht als Doktorarbeit mit Fußnoten-Leporello daher, sondern als großes gedrucktes China-Dossier, für das selbst in der „Zeit“ der Platz fehlt. Sommer geht es ebenso um geopolitische Fragen wie um die Wirtschaftsstrategie, um Spannungsfelder und Menschenrechte. Seine Sprache ist mitunter drastisch, wenn er von einem „Infrastruktur-Kreuzzug“ schreibt oder von einer „digitalen Gesinnungs- und Tugenddiktatur“, die „Orwells ,1984‘ weit in den Schatten stellt.“

Absolut lesenswert ist seine Einschätzung der politischen Weltlage – mit den wachsenden Konflikten zwischen den USA und China, den Gefahren eines Handelskonflikt, aber auch den vielen anderen Krisen, die in Fernost zwischen Korea und Taiwan köcheln. Sein Ausblick „Keine Illusionen, keine Obsessionen“ bleibt erfreulich knapp und ergeht sich nicht in großen Welterklärer-Ratschlägen.

„Wenn heute in China ein Sack Reis umfällt, bebt die Erde“, schreibt Sommer in Anlehnung an ein klassisches Zitat. Willkommen im chinesischen Jahrhundert. Wer dieses Jahrhundert verstehen will, sollte das Buch lesen.