Meinung
Kolumne

Sportstadt Hamburg als Modell für die Welt

Mit dem Marathon beginnen Sonntag die Großveranstaltungen in der City – ein „Hamburger Modell“ für die Welt.

Wenn der Sport in der Stadt, und das ausgerechnet in der City, sein Quartier aufschlägt, scheint der Kollateralschaden groß. Händler und Hoteliers zetern mit Autofahrern und Anwohnern im vielstimmigen Chor über Straßensperrungen, die ihr Leben erschweren, einige meinen gar: ihre Existenz. An diesem Wochenende geht es wieder los: Der ­Haspa-Marathon läuft durch die Stadt. Eine halbe Million Zuschauer werden am Sonntag an der 42,195 Kilometer langen Strecke erwartet.

Dass der Sport im Zentrum mehr denn je Faszination ausübt, macht ihn zum werthaltigen Produkt. Für alle Seiten – und mittelfristig auch für jene, die seine Anwesenheit vor der eigenen Haustür in Bürgerinitiativen, bei Facebook oder anderen sozialen Netzwerken beklagen. Bilder von Athleten mit dem Rathaus oder der Alster im Hintergrund wecken die Neugier der Menschen, schaffen einen positiven Imagetransfer für die gesamte Stadt, je nach Reichweite der Medien deutschland-, europa- und sogar weltweit. Und davon profitieren in einer langen Wertschöpfungskette letztlich alle, kulturell und wirtschaftlich: Sportler, Geschäftsleute wie Ein- und Anwohner. Die Marketingmacht der Großveranstaltungen transportiert die Begeisterung der Bevölkerung in alle Ecken der Erde – und dies zudem relativ preiswert. Dass die Hamburger sportbegeistert sind, beweisen sie jedes Jahr aufs Neue: beim Marathon, Triathlon, den Cyclassics, neuerdings beim Ironman, wenn Hunderttausende die vorbeilaufenden oder -fahrenden Athleten anfeuern. Hamburg ist längst zum Hotspot des Ausdauersports geworden.

Sport in der City, die gefühlte greifbare Nähe zum Ereignis und seinen Darstellern machen diese Veranstaltungen zum intensiven emotionalen Erlebnis. Alles Trennende scheint trotz der Absperrungen verschwunden. Der Zuschauer ist Teil der Inszenierung, die Massen um ihn herum und deren Begeisterungsfähigkeit wirken anziehend auf ihn. Soziologen sprechen von einer „Gefühlsansteckung“. Der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti (1905–1994) hat in seinem Hauptwerk „Masse und Macht“ den Menschen von Natur aus als unsoziales Wesen beschrieben: „Steht er im Aufzug, drängt er sich in die Ecke, um sich dem körperlichen Kontakt zu entziehen.“ Nur in der Masse verliere der Mensch seine Berührungsangst. Der Verlust jeder Individualität werde sogar als befreiend empfunden, man sei nicht mehr allein einer undurchschaubaren Welt ausgesetzt.

Sport findet Stadt. Die Rückkehr der Wettkämpfe in die City hat Bewegung in herkömmliche Sportstrukturen gebracht. Hamburg hat es vorgemacht. Veranstaltungen für Spitzensportler, Jedermänner, Schüler im urbanen Ballungsraum sind zu Exportschlagern geworden. Die Funktionäre der Sportweltverbände sprechen vom „Hamburger Modell“. Sportsenator Andy Grote hat unlängst als Erbe der 2015 gescheiterten Olympiabewerbung das Senatsprogramm „ActiveCity“ draufgesetzt, das bereits internationale Beachtung und Anerkennung findet.

Die Rückkehr des Sports in die Innenstadt, dorthin, wo die Menschen arbeiten, einkaufen und flanieren, scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein, wenn das Augenmaß gewahrt bleibt, auf die gegenseitigen Interessen Rücksicht genommen wird.

Die vorübergehende Vertreibung des Sports aus dem Stadtzentrum hatte in Hamburg nach dem Ersten Weltkrieg eingesetzt, als immer mehr Sportstätten in die Peripherie verschwanden, die Innenstadt für Handel und Industrie und deren Werkbänke geräumt wurde. Jetzt kehrt er in die City zurück – bisher vor allem als (Massen-)Event. Die Bolz- und Streetballplätze sollten irgendwann nachgeliefert werden. Das wäre ein weiterer Baustein der „ActiveCity“

„Sport in der City bedient die Sehnsüchte vieler Menschen, sich mit ihrer Stadt identifizieren und sie ungestört von roten Ampeln und Staus erleben zu können“, sagt der Hamburger Sportsoziologe Hans-Jürgen Schulke. Auch der Sport erhalte in der fremden Umgebung ein neues Gesicht. „Er wird nicht mehr in speziellen Funktionsräumen wie einem Stadion präsentiert, sondern greift die innerstädtische Architektur als Kulisse einer modernen Arena auf. Das macht ihn einmalig.“