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„Hart aber fair“: Zu wenig Corona-Fälle sind auch gefährlich

Kontaktsperren in der Corona-Krise: Diese Regeln gelten jetzt

Abstand halten und Kontakte weiter reduzieren: Auf diese Regeln haben sich Bund und Länder geeinigt, um Infektionen mit dem Coronavirus einzudämmen.

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Bei „Hart aber fair“ ging es um die neusten Folgen der Corona-Krise auf das Leben. Ein Virologe sprach eine überraschende Warnung aus.

Berlin. 
  • Das Coronavirus Sars-CoV-2 bestimmt weiter die tägliche Agenda in Deutschland und schränkt das Leben der Bürger stark ein
  • Auch „Hart aber fair“ widmete sich erneut den aktuellen Entwicklungen in der Corona-Krise
  • Der Virologe Hendrik Streeck warnte überraschend vor einer zu schnell abflachenden Kurve und ärgerte sich über den Mangel an Schutzkleidung für medizinisches Personal

Kleine Geschäfte, die vor der Pleite stehen. Lebenspartner im Seniorenalter, die ihre bessere Hälfte nicht mehr im Pflegeheim besuchen dürfen. Eltern, die zwischen Homeoffice und Homeschooling versuchen, die Balance zu finden. Und Kliniken, die mit improvisierten Schleusen zukünftige Corona-Betten isolieren wollen. Die Corona-Krise stellt das bisherige Leben vieler Menschen auf den Kopf.

Die Sondersendung von „Hart aber fair“ stellt daher berechtigt die Frage, wie viele Freiheiten uns in den nächsten Wochen noch bleiben werden. Im Kampf gegen die Ausbreitung Sars-CoV-2 hatten sich Bund und Länder am Sonntag auf einheitliche Regeln für ganz Deutschland verständigt.

„Hart aber fair“ – das waren die Gäste:

  • Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der EKD, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern
  • Hendrik Streeck, Professor für Virologie und Direktor des Instituts für Virologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn
  • Frank Bräutigam, ARD-Rechtsexperte
  • Sabine Bätzing-Lichtenthäler, SPD-Ministerin für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie des Landes Rheinland-Pfalz
  • Stephan Pusch, CDU-Landrat des besonders von Corona betroffenen Landkreises Heinsberg
  • Stefanie Büll, Fachkrankenpflegerin einer Intensivstation der Uniklinik Düsseldorf

ARD-Umfrage zu Corona: Große Mehrheit der Deutschen befürwortet Kontaktverbot

Seither gilt ein umfangreiches Kontaktverbot, Zusammenkünfte in der Öffentlichkeit von mehr als zwei Personen außerhalb des eigenen Hausstands sind erstmal für zwei Wochen untersagt.

Diese Fristsetzung ist laut dem ARD-Rechtsexperten Frank Bräutigam entscheidend: „Es gibt keine Patentlösung für Situationen wie diese. Wichtig ist aber, dass nach einer gewissen Zeit wieder draufgeschaut und die Verhältnismäßigkeit geprüft wird.“ Der rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler ist durchaus bewusst, dass das Kontaktverbot drastisch ist.

„Die Maßnahmen, die jetzt getroffen wurden, sind sehr einschneidend. Es ist aber umso bewundernswerter, dass sich jetzt so viele Menschen daran halten“, sagt die SPD-Politikerin. Und tatsächlich scheinen die neuen Regelungen bei der Bevölkerung auf Verständnis zu stoßen: Laut einer aktuellen ARD-Deutschlandtrend-Umfrage befürwortet eine große Mehrheit von 95 Prozent der Deutschen, dass man in den kommenden Wochen soziale Kontakte einschränken muss. Nur drei Prozent lehnten dies ab.

Krankenpflegerin bei „Hart aber fair“: „Kontaktverbot herbeigesehnt“

Stefanie Büll, die Fachkrankenpflegerin auf einer Intensivstation der Uniklinik Düsseldorf ist, wirkt erleichtert: „Ich habe mir das Kontaktverbot schon ein bisschen herbeigesehnt“, sagt sie in der Sendung. An ihrem Klinikum tue man derzeit alles – von Schulungen zum richtigen An- und Ablegen der Schutzkleidung bis zum Reaktivieren ehemaliger Pflegekräfte – um vorbereitet zu sein, wenn die Zahl der infizierten Patienten mit schwerem Verlauf rapide steigt.

Der Virologe Hendrik Streeck warnt aber, dass das Abflachen der Infektions-Kurve kontrolliert sein muss: „Auf der einen Seite müssen wir die Zahlen nach unten drücken, um in den Krankenhäusern die bestmögliche Versorgung für die Patienten zu garantieren. Wenn wir die Kurve aber zu sehr runterdrücken, brauchen wir in Deutschland zu lange, um nach und nach eine Herdenimmunität zu erreichen.“ Zu wenige Corona-Fälle stellten also ebenso eine Gefahr dar.

Spahn würdigt medizinisches Personal für Einsatz
Spahn würdigt medizinisches Personal für Einsatz

Virologe: „Wir warnen seit Jahren davor, dass Pandemien kommen werden“

Aktuell macht er sich aber noch um etwas Anderes sorgen: die Versorgung der Krankenhäuser mit Schutzkleidung und die Belieferung der Labore mit Plastikpipetten und Testchemikalien. „Ich habe mich schon gewundert, als es mit der Pandemie losging, dass es einen Mangel an diesen Dingen gibt“, so Streeck, der Direktor des Instituts für Virologie an der Universität Bonn ist. Experten hätten die Politik seit Jahren vor eben dieser Situation gewarnt.

Stefanie Büll berichtet, dass es in ihrer Klinik zwar derzeit noch ausreichend Material gäbe, dass sie sich aber auch sorgt und hofft, dass keine Mühen gescheut werden, um möglichst schnell Atemmasken und Handschuhe zur Verfügung zu stellen. In der Politik sieht man sich für die Knappheit nicht wirklich verantwortlich: „In dieser Situation hat einfach nie eine Bevorratung stattgefunden in Kliniken und Praxen“, sagt die Gesundheitsministerin aus Rheinland-Pfalz. Aber man bemühe sich jetzt mit Hochdruck um Produktion und Ankauf.

Bedford-Strohm: Anerkennung für Pflegepersonal muss sich auch finanziell zeigen

Klar ist, dass die Hauptlast derzeit Kassierer, Regalbefüller, Postboten, Polizisten, Betreuungspersonal, die sogenannten systemrelevanten Berufe tragen – und natürlich die gesamte Belegschaft in Krankenhäusern, Praxen und Laboren. „Das sollte uns in Erinnerung bleiben, wie dankbar wir für deren Arbeit jetzt sind“, meint der Vorsitzender des Rates der Evangelisch-Lutherischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm.

Das Applaudieren für das Pflegepersonal und Ärzte sei eine schöne Geste, aber langfristig sei es wichtig in diesen Berufen gerechte Löhne zu zahlen. Darauf können sich in der Runde eigentlich alle einigen. Stefanie Büll ergänzt nur, dass es ja nicht allein um das Finanzielle ginge, sondern vor allem um die Rahmenbedingungen. Die Arbeitsbelastung ist in Pflegeberufen bekanntermaßen nicht nur in Zeiten einer Pandemie enorm hoch.