Beutekunstfund von Schwabing

Den Nazis galt Gurlitt als „jüdisch versippt“

Foto: Bsb Heinrich Hoffmann / dpa

Die Spur der 1406 Werke, die jetzt völlig unerwartet auftauchten, führt zum Hamburger Kunsthändler Hildebrand Gurlitt – eine schillernde Figur, halb Opfer, halb Täter.

Unglaublich, dass diese Geschichte mehr als anderthalb Jahre geheim gehalten werden konnte. Dass keiner der Beteiligten, kein Nachbar, kein Zaungast oder Passant etwas über die Aktion erzählt hat, die vom 28. Februar bis zum 2. März 2012 im Münchner Stadtteil Schwabing kaum unbemerkt geblieben sein konnte: Zollbeamte beschlagnahmten in der Wohnung des heute 79-jährigen Cornelius Gurlitt insgesamt 1406 Kunstwerke. Darunter sind Gemälde der Klassischen Moderne u. a. von Beckmann und Dix, aber auch ältere Werke, zum Beispiel von Spitzweg und Dürer. Es ist seit Jahrzehnten der größte Fund von Kunst mit unklarer Herkunft und einer Vorgeschichte, die in die NS-Zeit zurückreicht. Der Fall, den der „Focus“ öffentlich gemacht hat, wirft eine Menge Fragen auf, die sich teilweise schwer beantworten lassen.

Cornelius Gurlitt, in dessen Wohnung sich all diese Schätze offenbar jahrzehntelang befunden haben, ist der große Unbekannte in dieser Geschichte, die inzwischen weltweit Schlagzeilen macht und Begehrlichkeiten weckt. Kunstraub wird ihm allerdings nicht vorgeworfen, sondern Steuerhinterziehung und Unterschlagung.

Für die Restitution an frühere Besitzer, die möglicherweise während der NS-Zeit verfolgt und beraubt wurden, würde sich wohl selbst dann keine juristische Handhabe finden, wenn sich das in einzelnen Fällen nachweisen ließe, denn das „Washingtoner Abkommen“, das Rückgabe oder Entschädigung regelt, gilt für Staaten, nicht aber für Privatpersonen. Den meisten Provenienzforschern, jenen Kunsthistorikern, die sich mit der unklaren Herkunft von Werken beschäftigen, war Gurlitt bisher kaum ein Begriff.

Ganz anders als sein Vater Hildebrand Gurlitt, von dem die jetzt beschlagnahmten Werke offenbar stammen. Er gehörte zu den schillernsten Personen im Umkreis der Kunstmarktpolitik der Nazis, die nicht nur die von ihnen als „entartet“ klassifizierte Kunst in deutschen Museen beschlagnahmten, sondern auch Kunst aller Art jenen raubten, die sie aus rassischen oder politischen Gründen verfolgten. Aber Gurlitt war weder ein überzeugter Nazi noch ein Verächter der Vorkriegsmoderne, sondern im Gegenteil ein Freund und Förderer von verfemten Künstlern wie Ernst Barlach. Außerdem galt er in den Augen der Nationalsozialisten als „jüdisch versippt“.

In Hamburg wird Cornelius geboren

Geboren wurde er 1895 in Dresden als Sohn des Architekten und Kunsthistorikers Cornelius Gurlitt. Sein Großvater war der Altonaer Künstler Louis Gurlitt, ein wichtiger Vertreter der norddeutschen Landschaftsmalerei im 19. Jahrhundert. Nach seinem Kunstgeschichtsstudium in Frankfurt und der Promotion ging Hildebrand Gurlitt 1925 als Direktor an das König-Albert-Museum ins sächsische Zwickau. Mit der Ausstellung expressionistischer Künstler überforderte er offenbar das einheimische Publikum und zog sich den Hass völkischer Kreise zu.

Das Klima war so vergiftet, dass die Stadt ihren Museumsdirektor im April 1930 wieder entließ. Daraufhin zog Gurlitt nach Hamburg, wo er die Leitung des Kunstvereins übernahm. Auch hier engagierte er sich für avantgardistische Kunst, stellte die Hamburgische Sezession aus und förderte auch Künstler jüdischer Herkunft wie etwa Gretchen Wohlwill. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten kündigte Hildebrand seine Direktorenstelle, um einer Entlassung zuvorzukommen, und begann als Kunsthändler in Hamburg zu arbeiten, wo am 28. Dezember 1933 auch sein Sohn Cornelius zur Welt kam, bei dem jetzt die 1406 Kunstwerke entdeckt wurden.

Es ist eine widersprüchliche Geschichte. Ausgerechnet der nicht arische Kunsthändler – sein Großvater Louis war in dritter Ehe mit der Schwester der jüdischen Schriftstellerin Fanny Lewald verheiratet – übernahm im Auftrag der Nationalsozialisten den Auftrag, „entartete Kunst“ aus deutschen Museen zu verkaufen. Allein aus der Hamburger Kunsthalle wurden neun beschlagnahmte Werke über Gurlitts Firma verkauft.

Der Hamburger Historiker Frank Bajor, der seit August in München das Zentrum für Holocaust-Studien leitet, sagte dem Abendblatt: „Die nationalsozialistischen Behörden sahen das wahrscheinlich pragmatisch. Dass Gurlitt weder rassisch noch hinsichtlich seines Kunstgeschmacks ihren Vorstellungen entsprach, dürfte angesichts seiner Fachkenntnisse keine Rolle gespielt haben. Statt einen drittklassigen Mann aus dem Amt Rosenberg zu beauftragen, entschied man sich lieber für einen erstklassigen Experten, der außerdem über vorzügliche internationale Kontakte verfügte.“ Dafür habe Gurlitt davon ausgehen können, persönlich in Ruhe gelassen zu werden.

Die namhafte Provenienzforscherin Ute Haug von der Hamburger Kunsthalle sieht Gurlitts Rolle differenziert: „Er befand sich persönlich und familiär ganz sicher in einer schwierigen Lage. Es gab ja nicht wenige Menschen, die sich unter den damaligen Umständen sehr ambivalent verhalten haben. Ob er sich persönlich an Eigentum jüdischer Menschen bereichert hat, ist zumindest nicht bekannt.“ Bekannt ist, dass sich Hildebrand auch nach 1933 um offiziell verfemte Künstler bemühte. So versuchte er noch 1937, Ernst Barlach dazu zu bewegen, ein Kunstwerk für die Hamburger Hauptkirche St. Petri zu gestalten, was dieser aus taktischen Gründen ablehnte. Bekannt ist aber auch, dass Gurlitt im Rahmen der Aktion „Sonderauftrag Linz“ für das geplante „Führermuseum“ Kunstwerke für die Beschlagnahmung auswählte.

Gurlitt war geachteter Experte

Nach Kriegsende wurde Gurlitt aufgrund seiner jüdischen Herkunft schnell entnazifiziert. Gewiss hatte er auch Fürsprecher aus dem Kreis der in der NS-Zeit verfolgten Künstler. Er ging nach Düsseldorf, wo er die Leitung des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen übernahm. Die Kunstwerke in seinem persönlichen Besitz seien in Dresden beim großen Bombenangriff am 13. Februar 1945 verbrannt, sagte Gurlitt auf Nachfrage – was sich inzwischen als Unwahrheit erwiesen hat.

Als Hildebrand Gurlitt im November 1956 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, war er nicht umstritten, sondern ein geachteter Kunstexperte und Ausstellungsmacher. „Es ist schon möglich, dass Gurlitt einen Teil seines Kunstbesitzes in Dresden verloren hat. Aber er dürfte die Kunstwerke an unterschiedlichen Orten gelagert haben“, meint Ute Haug, die es für außerordentlich schwierig hält, den Charakter der einzelnen Erwerbungen zu rekonstruieren. Dass er ein Handlager der Nationalsozialisten war, steht außer Frage. Darüber hinaus war er aber ein Förderer verfemter Künstler, deren Werke er wohl auch selbst gesammelt hat.