Hamburg

Elbphilharmonie: Das wäre das Programm gewesen

| Lesedauer: 3 Minuten
Joachim Mischke
Elbphilharmonie in der Corona-Krise? Konzerte? Heute nicht. Bald wieder. Dirigent Kent Nagano

Elbphilharmonie in der Corona-Krise? Konzerte? Heute nicht. Bald wieder. Dirigent Kent Nagano

Foto: Roland Magunia

Ohne Star-Dirigent Kent Nagano: Bruckner- und Tschaikowsky-Programm für zu Hause. Gut, dass wir verglichen haben.

Hamburg. Zwei spätromantische Standardwerke in einem Philharmoniker-Konzertprogramm, das ist nichts Ungewöhnliches: Generalmusikdirektor Kent Nagano sollte an diesem Sonntag und am Montag das 1. Tschaikowsky-Klavierkonzert (Solist: Alexei Volodin) und die Dritte Bruckner dirigieren. Da diese Schwergewichte jetzt nicht in der Elbphilharmonie zu hören sind, bietet der Einspielungsbestand die Möglichkeit, etwas zu tun, was selbst auf Top-Plätzen im Großen Saal so nicht möglich gewesen wäre: Interpretationsvergleich und zusätzlich: Versionsvergleich.

Denn beide Stücke – von CD oder bei Streamingdiensten nachhörbar – liegen in mehreren Fassungen vor, die sich an prominenten Stellen unterscheiden.

Bruckner knickte bei vager Andeutung von Kritik ein

Bruckner war dafür bekannt, schon bei vagen Andeutungen von Kritik einzuknicken und großflächig umzuändern. Praktischerweise hat Naganos Vorgängerin Simone Young die oft unterrepräsentierten Erstfassungen der Symphonien mit ihrem Hamburger Orchester eingespielt, auch die Dritte – in der Urfassung von 1873 – ist dabei, ein Livemitschnitt aus der Laeiszhalle.

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Die Premiere, 1877 in Wien von Bruckner dirigiert, war eine Katastrophe, die Sinfonie fiel mitsamt ihren Pauken und Trompeten durch. Deswegen ließ Bruckner kaum einen Baustein auf dem anderen, alle Sätze kamen auf den Prüfstand, wurden hier korrigiert, da gekürzt, dort neu justiert.

Elbphilharmonie: Diese Version hätte auf den Notenpulten gelegen

Auf den Philharmoniker-Notenpulten hätte die gängige Version von 1889 gelegen. An guten Einspielungen dieser Version herrscht kein Mangel. Ein Klassiker, nicht nur aus lokalpatriotischen Gründen, ist die Aufnahme von Günter Wand mit dem NDR-Orchester von 1985. Wands Charisma ist auch 35 Jahre später hörbar. Mariss Jansons und das BR-Orchester nahmen sich etwas mehr Zeit dafür.

Bei den jüngeren Aufnahmen machen Andris Nelsons und das Gewandhausorchester einen souveränen Eindruck beim Umgang mit der Klangarchitektur. Dass Nelsons ein herausragender Wagner-Dirigent ist, kommt ihm gerade bei diesem Stück des Wagner-Verehrers Bruckner entgegen.

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Diesen Tschaikowsky kennt jeder

Jeder kennt die wuchtig gehämmerten Block-Akkorde, mit denen das 1. Klavierkonzert von Tschaikowsky beginnt. Aber nicht alle wissen, dass dieses berühmte Intro ursprünglich in einer weniger wuchtigen Form notiert war: als gebrochene, aufgefächerte Akkorde und mit geringerer Lautstärke zu spielen. Ein Tschaikowsky-Schüler hatte so einiges verändert, das setzte sich nach Tschaikowskys Tod im Gebrauchsmaterial fest.

Der bei Hamburg lebende Pianist Andrej Hoteev hat schon vor längerer Zeit die Urfassungen von Tschaikowskys Werken für Klavier und Orchester eingespielt; auch von Kirill Gerstein sind sie so zu hören, wie sie zunächst vorlagen. Diese Version ist unspektakulärer, sie bewegt sich weniger in den Hier-Virtuose-da-Tutti-Schablonen. Als Vergleichsgrößen mit dem gängigen Modell bieten sich Einspielungen mit Svjatoslav Richter und Karajan aus Wien von 1962 oder von Martha Argerich mit Abbado und den Berliner Philharmonikern von 1994 an. In der Abteilung „Jugend musiziert“ findet sich der 20-jährige Daniil Trifonov, Dirigent war Valery Gergiev.

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