Elbphilharmonie-Konzert

Iveta Apkalnas virtuoser Stepptanz auf den Orgelpedalen

Iveta Apkalna wurde in der Elbphilharmonie gefeiert. Hier ein Foto von ihrem Auftritt im Januar 2017.

Iveta Apkalna wurde in der Elbphilharmonie gefeiert. Hier ein Foto von ihrem Auftritt im Januar 2017.

Foto: Claudia Höhne

Die Titularorganistin lässt das Publikum im Großen Saal mit Werken von Franck, Vierne, Saint-Saëns und Widor staunen.

Hamburg.  Knapp drei Jahre und mehr als 1000 Konzerte sind jetzt seit der Eröffnung vergangen. Doch die Elbphilharmonie hat nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt. Das ist auch und ganz besonders in einer Reihe wie „Orgel pur“ zu spüren, die in Hamburg vor Januar 2017 wahrscheinlich, optimistisch geschätzt, ein paar Hundert Kenner und Freaks angelockt hätte.

Jetzt läuft das anders. Ganz anders. Iveta Apkalna, Titularorganistin der Elbphilharmonie, präsentiert ein anspruchsvolles Programm mit Werken der französischen Orgelromantik – und füllt damit den Großen Saal. (Bis auf die Plätze direkt vor dem Instrument, die bei diesen Konzerten nicht verkauft werden.)

So ein Andrang bei so einer Musik: Das ist noch immer nichts weniger als eine Sensation, auch wenn wir uns mittlerweile schon dran gewöhnt haben.

In Anbetracht der Begeisterung, mit der dieser Abend seine Besucher infizierte, ist es durchaus möglich, dass viele von ihnen langfristig angesteckt sind. Was auch kein Wunder wäre. Denn sie bekamen einiges geboten.

Iveta Apkalna verströmt die Grandezza einer Königin

Zunächst einmal natürlich tolle Musik. Mit farbenreichen, dicht komponierten Werken von César Franck, Louis Vierne, Camille Saint-Saëns und Charles-Marie Widor, von Iveta Apkalna zu einem stimmigen Spannungsbogen arrangiert und ebenso brillant wie reich differenziert gespielt.

Das ist schwer beeindruckend – aber eben nur ein Aspekt. Schließlich hat der Orgelsound immer auch eine physische Komponente, die ihn zum Ganzkörperereignis macht. Das wohlige Wummern im Zwerchfell, das Kribbeln in der Luft, das Sirren und Summen in den Ohren – wie zu Beginn des zweiten Teils, wo das herrliche Klais-Instrument aus der Wand der Elbphilharmonie heraus eine majestätische Leuchtkraft in den Saal abstrahlt, im „Marche héroïque“ von Saint-Saëns. Ein Klangbad in Es-Dur.

Und dann ist da noch die visuelle Dimension, die in anderen Räumen, etwa in der Kirche, häufig wegfällt, weil die Interpreten auf einer Empore im Rücken des Publikums versteckt sind. Da bietet die Elbphilharmonie ganz andere Möglichkeiten. Und das weiß Iveta Apkalna. Die lettische Organistin zelebriert ihren Auftritt stilsicher: Als Apkalna, im elfenbeinfarbenen Oberteil, mit fließenden Stoffen und kunstvoll geflochtener Frisur, auf die Bühne schreitet, verströmt sie die Grandezza einer Königin. Mit ihrer charismatischen Erscheinung spricht sie eine freundliche Einladung aus: Schaut her, hier gibt es auch etwas zu sehen.

Akpalnas Stepptanz auf den Pedalen

Da der imposante Spieltisch im Zentrum der Bühne steht, können die Besucher das Geschehen ganz anders verfolgen als sonst: wenn vier Finger von Apkalnas rechter Hand in der f-Moll-Orgelsinfonie von Widor das zweitoberste Manual betasten, während ihr Daumen ein Manual tiefer unterwegs ist. Oder wenn sie mit ihren goldenen Orgelschuhen einen virtuosen Stepptanz auf den Pedalen aufführt, in der Zugabe „alla russa“ von Naji Hakim, einer Etüde für Pedale solo.

All das nicht bloß zu hören, sondern auch zu beobachten, macht das Konzertgeschehen nahbar. Diese auf mehreren Ebenen wirksame Transparenz ist eine der ganz großen Stärken des Großen Saals – aber ohne dass die geheimnisvolle Aura der Musik davon zerstört würde, im Gegenteil.

Apkalna zieht fast alle Register

Durch die Verbindung von Atmosphäre und Klang wird das Publikum zum Staunen verführt. Über die Magie der Chromatik und der Schwelltöne in César Francks „Pièce héroïque“. Über den Silberregen, den Louis Vierne im Finale seiner dritten Orgelsinfonie auf die Hörer herabrieseln lässt, bevor aus dem Bassregister dunkle Gewitterwolken aufdröhnen. Und über die gewaltige fünfte Orgelsinfonie von Charles-Marie Widor – Hauptwerk und Höhepunkt des Abends –, in der Apkalna fast buchstäblich alle Register zieht und noch einmal beispielhaft ihre persönliche Handschrift offenbart: mit der virtuosen Beherrschung des Instruments, mit einem besonderen Blick für den Reiz der Dissonanz, den sie geschmackvoll auskostet, und mit ihren Gespür für die Stimmungen der Werke.

Im choralhaften Adagio aus der Widor-Sinfonie formt die Organistin den intimsten Moment des Konzerts, da scheint sie mit innigem Ton eine Art musikalisches Gebet zu formulieren und kurz die Zeit anzuhalten – bevor das Finale des Stücks mit gleißender Kraft losgroovt und die Hörer in einen hypnotischen Sog hineinzieht. Musik wie ein Rauschzustand, wie ein Gleiten durch ferne Galaxien. Ekstatisch und meditativ zugleich, mit grellen Farben und pulsierenden Rhythmen, leider viel zu schnell vorbei.

Danach wird die famose Iveta Apkalna fast wie ein Popstar gefeiert, auch bekennende Orgelmuffel haben plötzlich, je nach Gemütslage, leuchtende oder verdächtig schimmernde Augen. Das hätte es früher so nicht gegeben. Ein großer Abend für das Rundumerlebnis namens Musik – in einem Saal, der Ohren, Geist und Sinne öffnet und wohl auch deshalb immer wieder aufs Neue so fasziniert.