Konzertkritik

Ein Elbphilharmonie-Konzert für die hippe Wollmützenfraktion

Sóley Stefánsdóttir war in der Elbphilharmonie zu hören.

Sóley Stefánsdóttir war in der Elbphilharmonie zu hören.

Foto: Ingibjörg Birgisdottir

Die Singer-Songwriterin Sóley Stéfansdóttir trat im Kleinen Saal der Elbphilharmonie auf und fragte: "Seid ihr tot?"

Hamburg. Hipsterphilharmonie. Die Frauen tragen Dutt und große Brillen. Die Männer tragen Vollbart und Piercings. Und alle tragen Wollmützen. Sóley Stéfansdóttir ist in der Stadt, isländische Indiemusikerin und qua Herkunft automatisch Liebling der Trendsetterfraktion. Der Kleine Saal der Elbphilharmonie jedenfalls ist praktisch ausverkauft.

Im Grunde macht die 32-Jährige erwartbare Musik: melancholischen Singer-Songwriter-Pop am Piano, der manchmal mit zaghafter Elektronik angereichert ist, live unterstützt von Albert Finnbogason am schön melodisch gespielten Bass. Bisschen Soap&Skin, bisschen Kate Bush, wenn man böse wäre, würde man sagen: bisschen Enya. Aber man will nicht böse sein. Auch weil Sóley eben keine Großkünstlerin ist, die ergriffen ist angesichts des Pathos ihrer Kompositionen, sondern eine grundsympathische junge Frau aus der Kleinstadt Hafnafjördur, die selbst erstaunt scheint, wie gut ihre Kunst funktioniert. Und die dieses Erstaunen zu transformieren weiß: in Selbstironie. In Kratzbürstigkeit. In reizende Unsicherheit. „Wir sind zwei Rumhänger aus Island in der Elbphilharmonie“, stellt sie sich und Finnbogason vor. „Ich hoffe, meine Mutter ist stolz auf mich.“ Man muss sie gernhaben.

Sehnsüchtig, traurig, zerbrechlich

Und dann spielt sie. „Endless Summer“, bei dem die Töne aus dem Klavier perlen wie Wasser aus einer Quelle. „The Sun Is Going Down“ mit der schönen Eröffnung „Summer Is Going To End On A Rainy Day Like This“. Sehnsüchtig, traurig, zerbrechlich. Und ein bisschen kitschnah, aber das kann man ihr nachsehen. Selbst ein Liebeslied an das eigene Kind ist bei ihr entschuldigt, weil sie den Song mit der Erzählung einführt, wie sie ihre Tochter vor der Tour nicht zum Abschied habe küssen können, da ihre ganze Familie erkältet gewesen sei. Und dass das nicht einmal was gebracht habe, weil sie die Erkältung natürlich doch noch erwischt habe, sie habe ein „Messer in der Kehle“, und ob im Publikum ein Arzt wäre, der ihr helfen könne?

Wobei Publikumsansprache hier so eine Sache ist. Eigentlich macht Sóley Musik, die nach Stille verlangt, nach Kontemplation und nach Versinken in den Harmonien. Da ist es eine eigenartige Irritation, wenn sie nach dem Verhallen des letzten Akkords fröhlich fragt, ob man okay sei. Aber dass auf die folgende Stille die Frage kommt, ob man vielleicht tot sei, das ist dann schon wieder so schräg, dass das gesamte Publikum grinst. Ebenso wie bei der Erzählung, dass Stéfansdóttir einst mit ihrer Band Seabear in einem Club am Fluss gespielt habe, ob man den kenne? Immerhin weiß ein Zuschauer, dass es sich um den Hafenklang handelte – Hipster sind treue Fans, muss man sagen.

Sóley ist keine Schöntönerin

Ein paar neue, bislang unveröffentlichte Songs spielt sie dann noch, düsterer, elektronischer, mit geisterhaften Chorsamples und bis zum Stillstand verlangsamten Beats. Diese Songs stellen klar: Sóley ist keine Schöntönerin, sondern eine ernstzunehmende Indiemusikerin. Schließlich folgt ihr einziger echter Hit „I’ll Drown“ mit hübsch stolperndem Rhythmus. Und dann geht es hinaus in die Kälte. Gut dass man eine Wollmütze dabei hat, „On A Rainy Day Like This“.