Konzertkritik

Joshua Redman: Heimatgefühle in der Elbphilharmonie

In der Elbphilharmonie gefeiert: Joshua Redman (50), der Sohn von Freejazz-Legende Dewey Redman (1931-2006)

In der Elbphilharmonie gefeiert: Joshua Redman (50), der Sohn von Freejazz-Legende Dewey Redman (1931-2006)

Foto: dpa Picture-Alliance

Hamburg-Heimspiel: Der US-Saxofonist wird mit seinem Quartett im Großen Saal gefeiert. Er fühlt sich hier fast wohler als in New York.

Hamburg.  Der Schlüsselbegriff dieses Abends ist „Familie“. Rein äußerlich passt es schon, als Joshua Redmans „Still Dreaming“-Quartett die Bühne der Elbphilharmonie betritt und von lang anhaltenden Applaus begrüßt wird. Redman bedankt sich für das „warmherzige Willkommen“ an einem Ort, an dem er bereits dreimal gespielt habe, der einer der beeindruckendsten Veranstaltungsorte weltweit sei und wo er sich inzwischen fast mehr zu Hause fühle als auf Bühnen in New York.

Mit Songs vom Album „Still Dreaming“ (2018) gibt das Quartett die Richtung vor. Auf ihm orientierte sich Joshua Redman bewusst an seinem Vater, dem bedeutenden Bebop- und Freejazz-Saxophonisten Dewey Redman. Der hatte sich Mitte der Siebziger mit Don Cherry, Charlie Haden und Ed Blackwell zusammengetan, allesamt Weggefährten in der Band des Freejazz-Pioniers Ornette Coleman, und als traditionsbewusste Avantgarde im Quartett Old and New Dreams neue Wege erkundet.

Musiker als große Familie

Für Joshua Redman ist „Still Dreaming“ in doppelter Hinsicht eine Familiengeschichte: im metaphorischen Sinne die dem Jazz innewohnende stete Suche nach den Wurzeln der eigenen Kreativität und ganz konkret die Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater. Eine Art große Familie sind auch die Musiker, mit denen Joshua Redman in wechselnden Konstellationen bevorzugt zusammenspielt. An diesem Abend sind es der Kornettist Ron Miles, Scott Colley am Bass und Dave King, vor allem als Drummer des experimentierfreudigen Trios The Bad Plus bekannt geworden.

Es ist ein reines Vergnügen, ihren verschiedenen Arten der intensiven Kommunikation zuzuhören: mal scheint es eine angeregte Unterhaltung, in die eigenwillige Statements eingebracht werden, bevor man zwischenzeitlich zum Gleichklang eines Motivs zusammenfindet; mal ist es eine Kakophonie der Bläser, als würden Vögel schreien, oder der gestrichene Bass „sägt“ einen Rhythmus, den das Schlagzeug aufgreift und in ein rhythmisches Duett überführt; und in einem Stück wie „Unanimity“ erinnert der Dialog von schroffem Tenorsaxophon und dem Kornett mit seinem weicheren Timbre zeitweilig an die Echo-Ästhetik alter Bläserstücke.

Hommage an die Väter

Es ist erstaunlich, wie gut Redman und auch Colley in ihren Kompositionen nachempfinden, was die Väter vor 40 Jahren träumten. „Unsere Interpretation ist postmodern“, sagt Redman und grinst. Tatsächlich gelingt es seinem Quartett, in der Dekonstruktion der Experimente von damals den Geist der Alten auferstehen zu lassen. Als Hommage an sie werden „Walls-Bridges“ von Dewey Redman und „Good Old Days“ von Ornette Coleman eingebaut, nicht zuletzt ein Hinweis darauf, wie weit die ihrer Zeit voraus waren und dass die Zeitgenossen ihnen viel zu verdanken haben. Es bleibt eben alles in der Familie. Begeisterter Applaus für das 90-minütige Hamburger Heimspiel.