Konzertkritik

Schwedens Wunderkind bezaubert mit Bach und Mozart

Der schwedische Geiger Daniel Lozakovich (18).

Der schwedische Geiger Daniel Lozakovich (18).

Foto: Lev Radin / picture alliance / Pacific Press

Elbphilharmonie: Das Moskauer Kammerorchester und Geiger Daniel Lozakovich beim Schleswig-Holstein Musik Festival.

Hamburg.. Mit seinem schwarzen Anzug, dem weißen Hemd und der adretten Frisur wirkt Daniel Lozakovich fast wie ein Konfirmand auf dem Weg zum ersten Unterricht. Der schwedische Geiger, als Wunderkind gefeiert, verströmt auch mit inzwischen 18 Jahren noch den Charme eines wohlerzogenen, etwas schüchternen Bürschchens. Aber der äußere Eindruck täuscht, wie so oft.

Lozakovich ist ein ernsthafter und ernstzunehmender Künstler, er spielt schon jetzt wie ein Großer – oder, vielleicht sollte man das eher so sagen: wie einer der Alten.

Im Ton, mit dem er den Großen Saal der Elbphilharmonie bei seinem SHMF-Auftritt mit dem Moskauer Kammerorchester füllte, schwingt etwas von der romantischen Wärme seiner Vorbilder Christian Ferras oder Jascha Heifetz mit. Vor allem im langsamen Satz des a-moll-Violinkonzerts von Johann Sebastian Bach, seinem erklärten Lieblingskomponisten. Mit edlem, durchaus vibratoreichem, aber nicht zu dickem Klang erkundete der junge Geiger die lyrische Stimmung des Andante und fand zu einem innigen, weich strömenden Gesang.

Der hat naturgemäß noch nicht ganz die emotionale Tiefe, wie sie vielleicht erst mit einem gewissen Maß an Lebenserfahrung zu ergründen ist. Aber es gab sie schon, diese besonderen Momente, in denen ein ganz persönlicher Zugang aufscheint und den Hörer unmittelbar berührt. Wie bei einem wunderbar gedeckten Ton, den Lozakovich ganz allmählich aus dem Pianissimo aufblühen ließ.

Dass er neben dem kantablen Fließen sehr wohl auch die virtuose Seite des Geigenspiels beherrscht, erlebten die begeisterten Festivalbesucher nicht nur in einem unfassbar präzise aus den Saiten gezündelten Zugabenfeuerwerk von Eugene Ysaÿe, sondern auch in den schnellen Ecksätzen des Bach-Konzerts. Dabei waren ihm die Kollegen vom Moskauer Kammerorchester hellwache und sensible Partner.

Klanglich war das alles sehr fein gemischt

Das lässt sich von Alexei Utkin nicht ganz so uneingeschränkt behaupten. Im Bachschen c-Moll-Doppelkonzert beanspruchte der Oboist mit seinem breiten Ton ziemlich viel Raum für sich und bügelte die zarteren Ansätze von Lozakovich damit stellenweise platt. Komisch. Dialog auf Augenhöhe geht anders.

In seiner Funktion als Leiter des Moskauer Kammerorchesters machte Utkin dagegen eine deutlich bessere Figur. Gleich zu Beginn, in der ersten Orchestersuite von Bach, inspirierte er seine Kolleginnen und Kollegen zu einer agilen Interpretation, die die Eigenheiten der Tanzsätze plastisch ausformte. Spritzig das Passepied. Elegant die Courante, deren Schreiten Utkin gestisch andeutete. Und überraschend die leise Melancholie im zweiten Menuett, aber auch die Auftakte in der Bourrée, die wie kleine Überfälle auf die Hörer zuschossen.

Klanglich war das alles sehr fein gemischt, etwa in den Verzierungsgirlanden der Oberstimme, von ersten Geigen und Oboen wie aus einem Guss gerankt. Da passte kein Rohrblatt zwischen Streich- und Blasinstrument. Wunderbar sauber und perfekt ausbalanciert auch die Schlussakkorde: ein Genuss!

Warum das stimmige Programm zur diesjährigen Bach-Retrospektive des Festivals auf der Zielgeraden noch in eine andere Richtung abbiegen musste, blieb ein bisschen schleierhaft. Aber auch in Mozarts früher A-Dur-Sinfonie gelang es Alexei Utkin und seiner Truppe, den alten Notentext in eine für heutige Ohren spannende Klangrede zu verwandeln: mit Themenwechseln, geheimnisvollen Geschichten und witzigen Pointen.