Hamburg

Elbphilharmonie zeigt eine Welt voll abgedrehter Figuren

Der Große Saal der Elbphilharmonie (Archivbild).

Der Große Saal der Elbphilharmonie (Archivbild).

Foto: dpa

Nach der Oper "Le Grand Macabre" folgte nun ein Neuer-Musik-Abend rund um György Ligeti mit dem Ensemble Intercontemporain.

Hamburg. Fünf schwarzgekleidete Gestalten bewegen sich wie an unsichtbaren Fäden gezogen über die Bühne. Versetzen Notenpulte, richten Stühle, schieben Konzertflügel und sammeln mit grazilem Schwung dicke grüne Notenbände ein. Ihre Gesten greifen traumwandlerisch ineinander. Schließlich stellen sich vier von ihnen seitlich auf, während die fünfte Gestalt, es ist ein Mann, die Bühne von rechts nach links überquert und im Vorübergehen eine überdimensionierte Partitur auf das Pult eines Flügels legt. Dann treten sie geschlossen ab.

So ein Saaldiener-Ballett erlebt man in der Elbphilharmonie nicht alle Tage. Beim Konzert des Pariser Ensemble Intercontemporain mit seinem Chefdirigenten Matthias Pintscher ist es aber mehr als sinnvoll: Die Umbauarbeiten zwischen den Werken könnten nämlich durchaus zum unfreiwilligen Slapstick geraten und den inneren Zusammenhang des Programms stören.

"selbstportrait mit ligeti", eine Vielfalt der Klänge

Jedes Stück hat eine andere Besetzung. Ein ganzer Abend mit Neuer Musik, das klingt nach Hardcore. Ist es aber gar nicht, wenn man sich auf die Vielfalt der Klänge einlässt. Den Anfang macht „music box / selbstportrait mit ligeti und strawinsky (und messiaen ist auch dabei)“ von einem gewissen Marko Nikodijevic, Jahrgang 1980. Dessen Name wird eher nur Eingeweihten etwas sagen. Er komme aus der Rap- und Techno-Ecke, heißt es.

Mag sein, dass er seine Musik am Computer generiert, auf der Bühne allerdings entstehen seine Klänge ganz ohne Strom, auch wenn das Akkordeon fiept wie ein Rückkopplungseffekt. Nikodijevic scheucht die Holzbläser durch die Hektik einer modernen Großstadt, setzt filmmusiksatte Dur-Akkorde in seine Klanglandschaft und lässt sein anspielungsreiches „selbstportrait“ (der Werktitel nimmt Bezug auf ein Stück von György Ligeti) mit Celesta und Vibrafon am Nachthimmel verklingen.

Gedanken an Königskinder im Großen Saal

Auch Ligeti macht in seinem Klavierkonzert alle Kompositionstheorie vergessen, so kreatürlich wirkt die Musik. Eine unbändige motorische Energie prägt das Stück, meist ausgehend vom Solisten Sébastien Vichard, und in all das Hämmern flicht Ligeti ganz unauffällig ein paar Anklänge an die ungarische Volksmusik.

Hinreißend der Anfang des langsamen Satzes: Die Piccoloflöte seufzt in der tiefsten ihr möglichen Lage, das Fagott kommt ihr in der höchsten ihm möglichen Lage entgegen. Wer wollte da nicht an Königskinder denken? Klar, dass das Ganze nur zum Leben kommt, wenn man es mit soviel Esprit, Souveränität und Lust am Erzählen interpretiert wie Pintscher und die Seinen.

Eine Welt voll abgedrehter Figuren

Ein völlig anderer Ligeti präsentiert sich nach der Pause im „Kammerkonzert für 13 Instrumente“. Vergessen ist alle perkussive Unruhe, stattdessen schieben sich Klangschlieren übereinander. Die Instrumente murmeln, rascheln und rauschen, jedes in seinem eigenen Rhythmus, als befänden wir uns im Wald.

Und den fulminanten Schluss- und Höhepunkt des Abends macht „Gougalon“ von Ligetis Schülerin Unsuk Chin, die in der kommenden Saison Composer in Residence beim NDR Elbphilharmonie Orchester sein wird. Chin hat Szenen aus einem Straßentheater vertont und dafür betörende Klangfarben gefunden, auch Blechdosen und Weinflaschen kommen zum Einsatz.

So entsteht vor dem inneren Auge des Hörers eine Welt voll abgedrehter Figuren. Die Fantasie wird noch befeuert durch Satzüberschriften wie „Der grinsende Wahrsager mit dem falschen Gebiss“. Das ist hochintelligente Unterhaltung auf der Höhe unserer Zeit.