Interview

Pianist Marc-André Hamelin: "Ich habe immer Musik im Kopf"

| Lesedauer: 9 Minuten
Marc-André Hamelin im Pianisten-Paradies.

Marc-André Hamelin im Pianisten-Paradies.

Foto: Canetty Clarke

Der kanadische Pianist Marc-André Hamelin kommt in die Elbphilharmonie. Der 58-Jährige hat wenig Interesse an ausgetreten Wegen.

Bremen. Marc-André Hamelin kommt sichtlich entspannt ins Foyer des Atlantic Grand Hotels in der Bremer Altstadt. Gleich vier Konzerte spielt er in der Hansestadt, drei mit Orchester, ein Soloprogramm – dieses längere Verweilen an einem Ort tut gut, lässt im reiseintensiven Tourgeschäft ein wenig durchatmen. In Hamburg war der Kanadier, der in der Nähe von Boston lebt, im Laufe seiner mehr als 30-jährigen Karriere erst ein einziges Mal zu Gast – auf Einladung des NDR.

Am 2. Februar gibt er nun sein Elbphilharmonie-Debüt mit einem Programm, das für den passionierten Klavierraritäten-Entdecker einigermaßen typisch ist: Neben Liszt, CPE Bach, Skrjabin und Busoni werden Werke von Catoire, Feinberg und Godowsky zu hören sein. Außerdem (mindestens) zwei von Hamelins eigenen Kompositionen. Nicht gerade Massenware, doch der 58-Jährige, international für seine Einspielungen immer wieder ausgezeichnet, hat wenig Interesse an ausgetreten Wegen.

Seit Sie 1988 ein Kritiker der „New York Times“ als „Supervirtuose“ bezeichnet hat, werden Sie das Etikett des Flinkfingers nicht mehr los. Gut oder schlecht?

Marc-André Hamelin Natürlich habe ich mich anfangs gefreut – es war schließlich die „New York Times“! –, doch mit der Zeit wurde es einfach überstrapaziert. Eigentlich ist Virtuosität etwas Wunderbares, das unser ganzes künstlerisches Potenzial zum Ausdruck bringen kann. Aber manche Menschen sind vor allem an Akrobatik interessiert, so als gehe es darum, so schnell wie möglich zu spielen. Ich muss zugeben, dass ich mich in frühen Jahren in dieser Hinsicht selbst schuldig gemacht habe. Manchmal, wenn ich mir ein altes Youtube-Video ansehe, zucke ich regelrecht zusammen. Es ist jedenfalls nichts, was mir heute noch wichtig wäre.

Aber das Publikum dreht fast durch vor Begeisterung...

Mag sein, doch so etwas gehört eher in den Zirkus.

Es geht darum, dem Werk des Komponisten zu dienen

Also halten Sie es mit Glenn Gould, der in seinem Stück „So You Want To Write A Fugue?“ singt „Never be clever for the sake of being clever. For the sake of showing off“.

Tja, ich bin mir zwar nicht sicher, ob er sich selbst daran gehalten hat, aber grundsätzlich ist das schon die richtige Richtung. Für mich geht es im Konzert darum, dem Werk des Komponisten zu dienen. Ich bin lediglich das Medium, ein Führer, wenn Sie so wollen. Auch wenn ich es wie erwähnt in der Vergangenheit bisweilen getan habe: Es geht nicht darum, die Muskeln spielen zu lassen

Ihre Diskografie ist riesengroß. Haben Sie selbst überhaupt noch einen Überblick?

Allerdings. Das Album mit Feinberg-Sonaten, das im Februar erscheint, ist mein 81. und das 59. für mein Stammlabel Hyperion. Nicht mitgezählt sind die Zusammenstellungen, auf denen ich vertreten bin, etwa die Mitschnitte vom Festival „Raritäten der Klaviermusik“.

In einer fremden Stadt führt der Weg ins Notenantiquariat

Wie viele Ersteinspielungen sind darunter?

Oh, das weiß ich nicht, da müsste ich nachsehen. Aber darum geht es mir auch nicht, ich möchte schlicht gute Musik spielen. Wenn ich Interesse an einem bis dahin zu wenig beachteten Komponisten wecken kann: um so besser. Aber das treibt mich nicht an. Ich habe zuhause etwa 100 Kisten voller Noten, die liegen alle in meiner Garage, und ich kaufe immer noch dazu. Es ist soviel, das reicht für 20 Leben. Aber was soll ich machen, ich bin nun mal bibliophil und sammle schöne Editionen – sofern ich sie mir leisten kann. Wenn ich in einer fremden Stadt bin, gehe ich jedenfalls immer ins dortige Notenantiquariat und schaue mich um.

Klingt nach einer Art Sucht...

Ich habe einfach nie meine Neugier verloren. Mein Vater war ein guter Amateurpianist und ich deshalb schon sehr früh in meinem Leben mit dem klassischen Repertoire vertraut. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich nach mehr, nach anderer Musik suchen würde. Als Teenager habe ich alles verfügbare Geld für Platten ausgegeben. Ich war verrückt nach Stockhausen, Cage und Xenakis, auch Skrjabin habe ich damals entdeckt.

Wissen Sie noch, was die erste Platte war, die Sie gekauft haben?

Natürlich! John Kirkpatricks Einspielung von Ives’ Concord-Sonata, für sechs oder sieben Dollar am 10. Juni 1975 gekauft. Und besitze sie immer noch. Gespielt habe ich die Sonate erstmals mit 23 bei meinem Master-Recital an der Temple University in Philadelphia.

Mit 17 arbeitete Hamelin an der 2. Sonate von Boulez

Und wie fanden Ihre musikalisch eher konservativen Eltern Ihr Interesse an der Avantgarde?

Sie waren etwas verwirrt, ließen mich aber machen. Meine Klavierlehrer hätten sicher anders reagiert, aber sie wussten nichts von meinen Vorlieben. Als ich gerade mal 17 war, habe ich schon an der 2. Sonate von Boulez gearbeitet – die Arbeit allerdings nie beendet.

Mit den Feinberg-Sonaten sind sie hingegen fertig geworden, wie ihre neue CD zeigt...

Das stimmt, aber ich habe Jahre gebraucht, bis ich sie auswendig spielen konnte. Feinberg wird vollkommen unterschätzt. Er war als Pianist und Pädagoge bekannt, aber kaum als Komponist, und er nimmt immer noch nicht den Platz in der russischen Musikgeschichte ein, den er eigentlich verdient. Bis auf ganz wenige Ausnahmen waren Noten seiner Kompositionen während des 20. Jahrhunderts bei uns im Westen überhaupt nicht erhältlich.

Nicht alle Beethoven-Sonaten sind gleichermaßen interessant

Sie scheinen immer auf der Suche nach Neuem zu sein. Sind Sie schnell gelangweilt?

Oh nein. Es gibt Schubert-Sonaten, die ich seit mehr als 20 Jahren immer wieder spiele. Und bei denen ich immer wieder Neues entdecke.

Bekannt sind Sie heute aber vor allem durch ihre Einspielungen etwa der Werke von Alkan, Medtner oder auch Catoire. Wenig bekannte Komponisten über die es gelegentlich heißt, sie seien deshalb wenig bekannt, weil sie schlicht nicht die Qualität von Mozart, Bach oder Beethoven haben...

Nun ja, ich finde auch nicht alle Beethoven-Sonaten gleichermaßen interessant. Das Problem ist eher, dass Komponisten wie die von Ihnen genannten, nicht besonders gut darin waren, sich zu vermarkten und sie auch wenig Unterstützung bekamen. Es ist schon ein wenig kurios, dass man in England stolz darauf ist, dass Medtner die letzten 18 Jahre seines Lebens in diesem Land gelebt hat. Aber was haben sie für ihn und seine Musik getan? Nichts. Vielleicht erschließt sich Medtners Musik nicht beim ersten Hören, aber wer dranbleibt, dringt in eine wunderbare Welt ein.

Die Musik sarbeotet elbst dann in mir, wenn ich schlafe

Wie lange üben Sie am Tag?

24 Stunden. Und das ist kein Witz. Ich habe immer Musik im Kopf, auch wenn ich gerade etwas ganz anderes tue. Und ich bin fest davon überzeugt, dass die Musik selbst dann in mir arbeitet, wenn ich schlafe.

Haben Sie den Ehrgeiz, alles auswendig zu spielen?

Ich bemühe mich jedenfalls darum. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil ein Konzert eine besondere Situation ist, eine direkte Kommunikation mit dem Publikum und nichts sollte dazwischentreten. Wenn ich vom Blatt spiele, dann liegen da zum einen die Noten, außerdem ist meist ein Umblätterer da. Das Ganze bekommt dann eine Aura von Arbeit und nimmt der Musik die Magie. Außerdem bremst ein aufgestelltes Notenpult die Klänge ab, die mich erreichen, was dazu führt, dass ich meinen Anschlag verändere. Ich überspiele sozusagen.

Die Magie eines Konzerts kann ja auch durch notorische Huster im Publikum zerstört werden...

Richtig, aber ich bin niemand, der das Publikum zurechtweist...

Handyklingeln während des Konzerts – das kennt Hamelin auch

… wie etwa Keith Jarrett...

Ja, in Montreal habe ich mal erlebt, wie er in einer solchen Situation zu spielen aufhörte und stattdessen die Huster dirigierte. Ich habe natürlich auch einige Erlebnisse dieser Art gehabt; manchmal kam es mir vor, als würden die Huster und ich ein Duett spielen.

Bei einem Konzert von Igor Levit in der Elbphilharmonie sorgte kürzlich ein Handyklingeln für Irritationen...

So etwas kenne ich natürlich auch. Vor ein paar Jahren habe ich sogar einen kleinen Walzer über das Nokia-Klingelzeichen geschrieben, den „Valse Irritation d’après Nokia“.

Marc-André Hamelin So 2.2., 19.30 Uhr, Elbphilharmonie (Kl. Saal), Restkarten. www.marcandrehamelin.com