Symphoniker Hamburg

Cambreling – wie vegane Heilstein-Jonglage bei Vollmond

Symphoniker-Chefdirigent Sylvain Cambreling beim Saisonstart in der Laeiszhalle.

Symphoniker-Chefdirigent Sylvain Cambreling beim Saisonstart in der Laeiszhalle.

Foto: Claudia Höhne

Zum Saisonstart leitet Symphoniker-Chefdirigent Sylvain Cambreling zwei Konzerte: Auf den „Pro-Log“ mit Werken von Grisey folgt Ravel.

Hamburg. Nun ist also auch die letzte der drei Chefdirigenten-Auftaktveranstaltungen, passend zu Selbstverständnissen und Vorlieben, über die entsprechende Bühne gegangen: Generalmusikdirektor Kent Nagano lenkte die Hundertschaften beim Berlioz-„Requiem“ in der Elbphilharmonie, NDR-Chefdirigent Alan Gilbert punktete dort vor allem mit älteren und neuen Avantgardisten. Und als Franzose mit einem Faible für die feinen Unterschiede zwischen Klängen, Farben und Tönen ergänzte jetzt Sylvain Cambreling das Angebotssortiment der drei größten hiesigen Orchester mit einem Doppel-Konzert in seinem künstlerischen Erstwohnsitz Laeiszhalle.

Es war auch die Premiere eines neuen Ouvertüren-Formats: „Pro-Log“ könnte auch „Kontra-Punkt“ heißen, denn es konfrontiert und reizt als „kleine Intervention“ (Intendant Daniel Kühnel) in dieser Saison vor Beginn des Hauptprogramms an ausgewählten Terminen mit drei Schlüsselwerken des 1998 gestorbenen Gérard Grisey. Dessen besonderes Kennzeichen: Spektralmusik-Komponist. Klingt zunächst sehr nach veganer Heilstein-Jonglage bei Vollmond, ist aber eine faszinierende Disziplin, um beim Umgang mit Musik nicht nur an, sondern tief in den Ton zu denken, an seine philosophischen Bestandteile, an das physikalische Konzept der Obertöne, die in allem, was klingt, mitschwingen und nachhallen.

Cambreling moderierte das Abenteuerchen kundig-charmant an

In „Partiels“, 1975 geschrieben, hat Grisey den Dechiffriervorgang bestechend bunt zu Notenpapier gebracht. Von einem tiefen E ausgehend, arbeiten sich anderthalb Dutzend Instrumente in die Substanz des Nachdenkens über Musik. Cambreling moderierte das Abenteuerchen kundig-charmant an, das vorhandene Symphoniker-Stammpublikum goutierte die kleine, lehrreiche Anstrengung, den Repertoire-Rahmen unter fachkundiger Aufsicht zu verlassen.

Danach ging es zwei Komponisten-Generationen zurück, blieb aber bei der Frage: Wie kann ein üppig besetztes Orchester die Bodenhaftung überwinden? Maurice Ravel hatte dafür seine ganz eigenen Verführungstechniken, und Cambreling wollte mit drei Ravel-Hauptwerken demonstrieren, zu welchen Klangfarbschattierungen und Rhythmusdehnungen die Symphoniker mittlerweile – und mit ihm vorneweg – fähig sein können. In den „Valses nobles et sentimentales“ war aber noch eher der Wunsch Vater dieses Gedankens, denn die berauschend tänzelnde Walzer-Eleganz, immer wieder knapp am eindeutigen Taktschwerpunkt vorbei, fiel dem allzu deutsch durchbuchstabierenden Orchester schwerer, als es der hier unabdingbaren Leichtigkeit des Seins gut tat.

Gast-Solist Roger Muraro mit knallharter Zielstrebigkeit

Das gab sich im Klavierkonzert für die linke Hand, nicht zuletzt, weil Gast-Solist Roger Muraro seinen Part mit knallharter Zielstrebigkeit und Gestaltungsabsicht in den einhändigen Griff bekam; diese Prägnanz war so stark, dass sie den Orchesterapparat förmlich mitriss und anspornte, nur ja nicht ins Ungefähre und Changierende abzugleiten.

Genau diese Geschmeidigkeit machte aus „Daphnis et Chloé“ den stärksten Erfolg des ehrgeizigen Abends. Nicht nur das Übergröße-Tutti, auch die Europa Chor Akademie Görlitz, die immer wieder leicht psychedelisch schillernde Vokalisen beizusteuern hatte, gehorchten Cambrelings Wegweisungen zunehmend stilsicher und farbenfroh. Die Droge Ravel zeigte Wirkung, ein gesamtes Orchester stand auf sehr erfreuliche Weise ein Stückchen neben sich. Und ließ enthemmt alles geschehen, was diese Ballettmusik an virtuos choreographierten Ausrastern verlangte.