Konzertkritik

Annett Louisan hadert mit der Akustik der Elbphilharmonie

Annett Louisan, Florian Holoubeck (links) und Martin Iannaccone im ausverkauften Großen Saal der Elbphilharmonie.

Annett Louisan, Florian Holoubeck (links) und Martin Iannaccone im ausverkauften Großen Saal der Elbphilharmonie.

Foto: Roland Magunia

Die Hamburger Sängerin gab ihr Debüt im Großen Saal. Ihre Stimme war in der ersten Hälfte kaum zu verstehen.

Hamburg.  „Den ersten Song setze ich wahrscheinlich wieder in den Sand“, mutmaßte Annett Louisan im März beim Abendblatt-Interview, als sie an ihr anstehendes Konzert in der Elbphilharmonie dachte. Heftiges Lampenfieber begleitet die Hamburger Sängerin nun schon seit 15 Jahren, und im Großen Saal ist es am Sonntagabend offensichtlich besonders schlimm.

Auffallend fahrig singt sie die ersten Lieder „Kleine große Liebe“, „Wir sind verwandt“ und „Zweites erstes Mal“. „Aber ich bin ja ein Bühnenrand-Tiger“, sagte sie damals, und so geht sie jetzt tatsächlich einmal über die gesamte Bühne und winkt Freuden und Bekannten, darunter ist auch ihr Mann, zu. Dann geht’s.

Popkonzerte in der Elbphilharmonie – ein Glücksspiel

Es ist schon bemerkenswert, dass diese mit allen Wassern gewaschene, durch alle Kneipen der Stadt geschliffene und durch zahlreiche Höhen und einige Tiefen gegangene Künstlerin angenehm unperfekt und authentisch geblieben ist. Ärgerlich hingegen die – jedenfalls in Block F – alles andere als perfekte Akustik. Popkonzerte sind an diesem Ort nicht selten ein Glücksspiel.

Die gewohnt tadellos spielende Band mit Hardy Kayser und Martin Kelly (Gitarren), Florian Holoubeck (Schlagzeug), Martin Iannaccone (Cello und Bass) und Sascha Stiehler (Klavier) ist gut und klar zu hören und klingt durch die im Kreis aufgestellten Lautsprecher satt aus der Mitte des Raumes.

Annett Louisans Stimme war kaum zu verstehen

Der Gesang allerdings wird wie aus einer Gießkanne aus den Deckenboxen über Band und Publikum gerieselt und ist ebenso wie die Ansagen kaum zu verstehen. Was auch immer der Plan der Toncrew war, er ging nicht auf. Schade um die erste, von sehr filigranen und persönlichen Stücken geprägte Hälfte dieses in einen eher ruhigen und einen eher dynamischen Part geteilten Abends.

Wobei das Publikum schon sehr viel Spaß hat, bei „Eine Frage der Ehre“ gelöst mitklatscht und sich bei „Klein“ über in den vorderen Reihen über Stippvisiten von Annett Louisan freuen darf. „Geile Schuhe!“, begrüßt Louisan zwei Damen, die deutlich zu spät zu ihren Plätzen hasten. Dann: Pause. Mischgetränke bestellen und das Mischpult neu einstellen.

Die zweite Hälfte nimmt hör- und spürbar Fahrt auf

Im zweiten Akt klingen Band und Louisan endlich deutlich besser, akzentuierter und homogener. Vielen Dank für das Nachjustieren! Und auch das Programm nimmt mit mehr Tiefe, Tempo und Lichteffekten Fahrt auf. Bei „Haie“, „24 Stunden“ und dem Charles-Aznavour-Cover „Spiel Zigeuner“ dürften die hausinternen Hüter des Bühnenholzes besorgt auf die tanzende Louisan und ihre Stiftabsätze schauen.

Sie dreht sich, stampft, geht wieder über das komplette Rund, holt sich einen Kuss ab und hebt das begeisterte Publikum mit den vier Zugaben „Das alles wär nie passiert“, „Drück die 1“, „Herz gebrochen“ und „Das Spiel“ aus den Sitzen. Insgesamt eine gute, mehr als zwei Stunden lange Show mit einem Sound-Wermutstropfen im ersten Teil.

Annett Louisans Antwort auf Frank Sinatra

Als subjektiver Höhepunkt erweist sich übrigens das neue, berührende Lied „Die schönsten Wege sind aus Holz“, Annett Louisans Antwort auf Sinatras „My Way“: „Ich wollt’ ein Haus, ein’ Hund, ein Kind, doch ich erfuhr, was Freunde sind. Auch wenn du mit den Augen rollst: Die schönsten Wege sind aus Holz“, heißt es da.

Sie steht dabei auf Riemenparkett, Eiche natur.