Opernkritik

„La Cenerentola“: Fremdscham deluxe in der Kammeroper

So kurzweilig, wie Oper nur sein kann, singt und spielt das Kammeroper-Ensemble Rossinis "La Cenerentola".

So kurzweilig, wie Oper nur sein kann, singt und spielt das Kammeroper-Ensemble Rossinis "La Cenerentola".

Foto: Joachim Fluegel

Aschenputtel begeistert gleich in zwei Varianten. Kurzweiliger kann Oper eigentlich überhaupt nicht sein.

Hamburg. Das Märchen vom Aschenputtel kennt keine Altersbegrenzung. Deshalb ist es am Allee Theater in zwei verschiedenen Versionen zu erleben. Das Theater für Kinder zeigt eine Fassung für die Kleinen (ab 5 Jahren); an der Kammeroper feierte jetzt Rossinis „La Cenerentola“ am selben Ort für die Großen Premiere. Und was für eine!

Die quirlige Ouvertüre – vom musikalischen Leiter Ettore Prandi, wie das ganze Stück, kongenial auf Kammermusikformat kondensiert – war der Auftakt zu einer temporeichen, vor Spielwitz und Esprit förmlich überschäumenden Opernsause. Regisseur Alfonso Romero Mora und seine siebenköpfiges Sängerdarstellertruppe hatten diebischen Spaß daran, ihr Publikum mit genau der Dichte an Gags zu beballern, mit der Rossini seinen Hörern die Silbensalven ins Ohr knattert. Mora entzündete sein präzise inszeniertes Pointenfeuerwerk am Kontrast von zwei Welten, die er aufeinander prallen lässt und mit Hilfe seiner Ausstatterin Kathrin Kegler und der Deutschen Textfassung von Barbara Hass brillant überzeichnet.

Ein Trio infernale kommandiert Aschenputtel herum

Don Magnifico und seine Töchter Clorinda und Tisbe sind Spelunkenhocker, Nachtschattenwesen aus einer abgerockten Sportsbar. Kettenrauchend, ungepflegt und mit plötzlichen Schlafattacken, nervösen Ticks und dem Zwang, alles zweimal sagen zu müssen, Zwang, alles zweimal sagen zu müssen, gestraft. Angelina, ungeliebte Stieftochter- und -schwester, wird von diesem Trio infernale als billige „Putze“ rumkommandiert und muss, wie passend, Aschenbecher leeren, bis der verkappte Traumprinz Don Ramiro ihre Schönheit entdeckt.

Ramiro und sein Gefolge kommen aus der Gegenwelt eines veganen Lokals mit Yoga-Studio in die Szene geschwebt, mit fließenden Gewändern, Tupperdosen voller selbstgeschnippeltem Gemüse und Beruhigungsglöckchen. Ommm. Aus dem Clash der Kulturen entwickelt Mora eine Fülle an Ideen und Bildern. Alleine die putzigen Autofahrten sind jeden Zwischenapplaus wert.

Kurzweiliger als diese "Cenerentola" kann Oper kaum sein

Bei so eng verzahntem Teamwork fällt es schwer, einzelne Figuren und Momente hervorzuheben. Aber wie sich Titus Witt als Don Magnifico – Vorsicht, Spoiler! – dann tatsächlich den Bauch unter dem speckigen Unterhemd kratzt, nachdem man denkt: oh nein, er wird doch nicht; wie er später noch genüsslich seine ranzigen Socken auswringt: das ist zum Quieken herrlich eklig. Fremdscham de luxe, immer genau den Millimeter drüber, der die geniale von der echten Peinlichkeit unterscheidet.

So stilsicher und perfekt getimt wie die sieben Solisten spielen, singen sie auch. Das Ensemble besticht mit einer geschlossenen Leistung auf sehr hohem Niveau, gekrönt von den beeindruckenden Spitzentönen des Tenors Gevorg Apérants als Don Ramiro und der gewohnt hinreißenden Natascha Dwulecki in der Titelrolle, die ihre mit krassen Koloraturen geschmückte Partie der Angelina virtuos und mit weich strömendem Timbre meistert. Das vokale Glanzlicht einer richtig tollen, an Höhepunkten reichen Produktion. Kurzweiliger kann Oper kaum sein.

„Cenerentola“, Allee Theater, weitere Vorstellungen bis 1.12., „Aschenputtel“ (ab 5 Jahren) bis 10.11., Theater für Kinder, Max-Brauer-Allee 76, Karten unter T. 38 25 38