Konzertkritik

Nur 200 Leute sehen das größte Spektakel der Elbphilharmonie

Kurz vor dem Start des Konzerts am Sonntagmorgen war der Große Saal der Elbphilharmonie noch vergleichsweise gut gefüllt.

Kurz vor dem Start des Konzerts am Sonntagmorgen war der Große Saal der Elbphilharmonie noch vergleichsweise gut gefüllt.

Foto: Marcelo Hernandez

Im Großen Saal kam eine achteinhalbstündige Orgelsinfonie zur Aufführung – ein künstlerisches Weltereignis.

Hamburg. Viel Bewegung vor der Elbphilharmonie, doch nur wenige, die sich fröhlich an den gerade öffnenden Cruise-Days-Buden vorbeischieben, wollen an diesem Sonntagvormittag auch wirklich rein in den sonst so heiß begehrten Großen Saal. „Wir hatten nie damit gerechnet, Karten zu bekommen“, wundert sich ein Touristenpärchen an der Tageskasse. „Nun, es ist ein ziemlich besonderes Konzert“, kommt die etwas nebulöse Antwort von der anderen Seite des Ticketschalters. „Aber es gibt ja einige Pausen …“

Ein ziemlich besonderes Konzert ist es in der Tat, kommt doch die Orgelsinfonie Nr. 2 von Kaikhosru Shapurji Sorabji zur Aufführung: netto achteinhalb Stunden Musik. Orgel pur. Nur ein Mensch kann dieses Werk spielen, Kevin Bowyer. Der Engländer war vorab zwölf Tage in der Elbphilharmonie, um die insgesamt 1475 notwendigen Register-Kombinationen in den Computer der Klais-Orgel einzuspeichern.

Startschuss zum Orgel-Ironman in der Elbphilharmonie

Was lediglich die Vorarbeit ist, spielen muss er natürlich die ganze Zeit selbst, nur unterstützt von einem Assistenten, der mittels übergroßem Touchscreen die Noten umblättert. 300 Seiten im A3-Format. „Wenn das schwerste nicht von Sorabji stammende Werk der gesamten Orgelliteratur einer Distanz von zehn Kilometern entspricht, dann entspricht seine Zweite Orgelsinfonie 10.000 Kilometern“, fasst Bowyer im Programmheft die Herausforderung zusammen. In mancher Hinsicht verfluche er den Tag, an dem er anfing, es zu spielen …

Der ein oder andere der knapp 600 Besucher, die sich um 11 Uhr im Großen Saal eingefunden haben, dürfte das verstehen, denn Sorabji (1892–1988) war ein Extremist. „Man spürt seinen Größenwahn“, sagt der Musikwissenschaftler Martin Blaumeiser, der für das Konzert extra aus München angereist ist und über Sorabji promoviert. „Die spieltechnischen Anforderungen sind so enorm, dass sie im Grunde niemand bewältigen kann.“ Außer Kevin Bowyer, der bei seinen einführenden Worten die Aufführung mit einem Ironman-Triathlon vergleicht. Und dann fällt um 11.17 Uhr der Startschuss.

Die Ersten gehen nach einer halben Stunde

Eine Herausforderung für die Hörer sei der erste Teil, war vorab gewarnt worden, und tatsächlich sind bereits 30 Minuten später erste Abgänge zu verzeichnen. Mit einem gewöhnlichen Orgelkonzert, wie es viele aus der Kirche kennen, hat das hier in der Tat wenig zu tun. Sorabji fordert das konzentrierte Hören; Wegdriften im Strom der Klänge: unmöglich. Andererseits gibt es viel zu beobachten: die artistische Fußarbeit von Kevin Bowyer etwa, der mit unglaublicher Geschmeidigkeit die Pedale bearbeitet, die wechselnde Beleuchtung der jeweils gespielten Orgelwerke – und natürlich die Publikumsreaktionen.

Da sind die sich amüsiert-irritiert anschauenden Kleingruppen, die schon bald genug gehört haben. Dann die nicht ganz freiwillig mitgekommenen Jugendlichen, die sich in ihre WhatsApp-Chats vertiefen. Und natürlich die zahlreichen Einzelkämpfer mit Wasserflasche und Energieriegel im Gepäck, denen die wilde Entschlossenheit anzusehen ist, hier auf alle Fälle durchs Ziel zu gehen.

Der relative Nullpunkt um 15.30 Uhr

Die erste Pause nach 80 Minuten nutzen die einen für einen Kaffee, die anderen für den Weg zur Garderobe, wohl wissend, dass nun die Härteprüfung folgt: der zweite Satz, 50 Variationen eines Themas, Dauer vier Stunden. Die Seitenblöcke sind längst leer, auch im Parkett werden die Lücken immer größer. Gegen 15.30 Uhr sind es wohl keine 100 Besucher mehr im Großen Saal. Der relative Nullpunkt ist erreicht.

Doch die, die geblieben sind, erleben ein Wunder. Die Orgelklänge werden plötzlich zu einem organischen Bestandteil des Tages. Gab es jemals eine Zeit ohne? Momente musikalischer Lieblichkeit und Poesie sind selten, doch um so kostbarer. Manche Passage, die durch die Reihen rauscht, hätte sich auch auf Alben von Progrock-Legenden wie Yes oder Emerson, Lake & Palmer gut gemacht. Jetzt könnte es ewig so weitergehen. Und geht es ja auch. Nicht ewig, klar, aber doch noch mal satte siebeneinhalb Stunden.

200 Besucher harren noch aus, 1900 Plätze sind leer

Mittendrin: eine 120-minütige Pause und Publikumsnachschub, war es doch möglich, eine Karte nur für den dreistündigen Abschluss der Sinfonie zu kaufen. Die Sorabji-Fanatiker, geben sich angesichts des wieder besser gefüllten Parketts allerdings keiner Illusion hin: „In einer Stunde sind die Meisten weg“, heißt es. Die etwas bange Frage, eines Neulings, wie es denn bisher so war, wird mit einem trockenen „Lang.“ beantwortet.

Um 22 Uhr harren noch knapp 200 Besucher aus, 1900 Plätze sind leer, doch nun ist für alle Verbliebenen endgültig ein point of no­ return erreicht. Wer es bis hierher geschafft hat, der lässt sich durch nichts mehr aufhalten. Spätestens jetzt ist es einfach auch eine Frage der Ehre.

Das größte Spektakel der Elbphilharmonie-Geschichte

Als dann um 23.07 Uhr der tatsächlich letzte Orgelton des Tages verebbt, mischt sich Erschöpfung mit der süßen Gewissheit, Teil eines musikalischen Weltereignisses geworden zu sein. Gibt ja nicht einmal eine CD-Einspielung von diesem Stück… Es wird im Stehen geklatscht (auch ganz schön, nach all dem Sitzen …), sogar ein wenig gejohlt, Kevin Bowyer verbeugt sich mit einem bescheidenen Lächeln, und dann ist es endgültig vorbei, das größte Spektakel der bisherigen Elbphilharmonie-Geschichte.

Draußen sind die Cruise-Days-Buden längst geschlossen, aber wer braucht schon Kreuzfahrten in ferne Länder, wenn das größte Abenteuer direkt vor der Tür liegt – und in einem selbst …