Experiment auf St. Pauli

Freier Eintritt im Schmidtchen – wie geht das?

Tessa Aust (33) ist neben Corny Littmann ­Geschäftsführerin der Schmidts Tivoli GmbH.

Tessa Aust (33) ist neben Corny Littmann ­Geschäftsführerin der Schmidts Tivoli GmbH.

Foto: dpa Picture-Alliance / Georg Wendt / picture alliance/dpa

Auch für die neue Musical-Komödie „Wir“ zahlt man freitags in der kleinsten Schmidt-Bühne zunächst keinen Eintritt.

Hamburg.  Jung, frech, experimentierfreudig und abgefahren soll es sein, das Schmidtchen. Auch wenn es längst nicht jeden Abend geöffnet hat, hat sich das jüngste (und kleinste) Kind der Schmidt-Familie nach knapp vier Jahren am Spielbudenplatz neben Schmidt Theater und Schmidts Tivoli etabliert.

An diesem Donnerstag steht eine Uraufführung im 199-Plätze-Saal auf dem Plan: Auch in „Wir“ geht es ums Thema Familie – um Patchwork mit zwei gleichgeschlechtlichen Paaren und ihren Wünschen nach Kindern. Eine „regenbogenbunte Musical-Komödie“ soll das Stück von Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck (Gewinner des Deutschen Musical Theater Preises 2018) sein, inspiriert vom realen Leben der beiden Autoren: Nimscheck, Sänger des Hip-Hop-Trios Deine Freunde, bildet mit seinem Ehemann und Franziska Kuropka („Cindy Reller“) eine Dreier-WG auf St. Pauli.

Und obwohl „Wir“ mit sechs Schauspielern und einem Choreograf die bisher größte Schmidtchen-Eigenproduktion ist, heißt es am zweiten Spieltermin, dem 12. April: „Zahlt doch, was ihr wollt“. Dieses Motto gilt seit einem Jahr jeweils freitags nur an Gastspieltagen im Saal mit der markanten unverputzten Backsteinfassade. Das Schmidtchen ist damit das erste Theater in Deutschland, das regelmäßig die Besucher den Eintrittspreis selbst bestimmen lässt – und zwar nach der Show. Oder wie es Schmidtchen-Gastgeber Henning Mehrtens formuliert: „Bei uns zahlen Sie keinen Eintritt, sondern den Austritt.“

Wie viel die Hamburger freiwillig zahlen

Das Konzept hat sich bewährt: „Unser Ziel war, die Neugier auf neue Künstler und aufs Schmidtchen generell zu befeuern. Das ist aufgegangen“, sagt Schmidt-Geschäftsführerin Tessa Aust. Ein weiterer Faktor: „Für das Publikum ist die Hemmschwelle durch das neue Format gesunken, sich auf unbekanntere Künstler einzulassen. Und die Qualität der Auftritte sorgt dafür, dass die Leute auch gern dafür bezahlen“, meint sie.

Regulär betragen die Eintrittspreise bei Gastspielen 15 bis 20 Euro, am regelmäßig ausgebuchten Freitag sind es nach Erfahrungswerten etwa fünf bis zehn Euro weniger. Schlechte Zahlungsmoral ist indes extrem selten: Einmal wurde nur ein Knopf gegeben, ein anderes Mal dänisches Geld. Die hohe Auslastung gleicht die durchschnittlich etwas niedrigeren Pro-Kopf-Einnahmen aus.

Experiment auch für Künstler positiv

Manche Gäste waren zuvor kaum in Hamburg bekannt. Aber der – zunächst – freie Eintritt hat positive Auswirkungen auf die Folgetermine. Künstler können sich so ein neues, größeres Publikum erspielen: Zauber-Entertainer Marc Weide aus Wuppertal etwa, der 2018 noch im Schmidtchen gastierte, wird am 23. September im Tivoli (620 Plätze) auftreten. Und der Titel seines zweiten Soloprogramms könnte fürs Schmidtchen gelten: „Hilfe, ich werde erwachsen!“

Wie die Uraufführung von „Wir“ am Donnerstag ist der Freitag bereits „ausverkauft“. Ob das an einem Montag auch so wäre, sei dahingestellt. Aber die Einnahmen bleiben ja in der Familie.