Tagebuch-Skandal: Die Verlagschefs schalten alle journalistischen Kontrollen aus

Der Millionen-Deal läuft streng geheim

Der Skandal um die Hitler-Tagebücher (Teil 4). Reporter Heidemann ist überzeugt, endlich am Ziel zu sein. Er soll die angeblichen Hitler-Tagebücher für den "Stern" beschaffen. Das hat Gruner+Jahr-Verlagschef Fischer entschieden - ohne die Chefredaktion davon auch nur zu informieren. Und Konrad Kujau hat zugesagt, für zwei Millionen Mark 27 Bände zu liefern.

Hamburg. Drei Wochen nach seinem Gespräch mit Walde redet Heidemann mit seinem Kollegen Arnim von Manikowsky. Der ist beim "Stern" der Fachmann für die NS-Zeit. Manikowsky sagt ihm, die Tagebücher seien eine Märchengeschichte, alles Quatsch. Es gebe in der gesamten Literatur keinerlei Hinweis darauf. Aber Heidemann hat ja schließlich die schwarze Kladde von Hitler selbst in der Hand gehabt. Er besorgt sich also die entsprechenden Bücher und findet Indizien. Keine stichhaltigen Beweise, dass Hitler Tagebuch geführt hat, aber irgendwelche Aufzeichnungen hat er offensichtlich gemacht. Dann liest Heidemann das Buch von Hitlers Chefpiloten Hans Baur und stößt dort auf die Geschichte von der verschollenen JU des Majors Gundlfinger und Hitlers Betroffenheit über den Verlust wichtiger Papiere für die Nachwelt.

Ende März wechselt Heidemann in das Ressort "Zeitgeschichte". Thomas Walde plant eine Besprechung über NS-Themen, die demnächst in Angriff genommen werden sollen. Die Konferenz findet am 21. April, den Themen angemessen, an Bord von Heidemanns "Carin II" statt. Auch das Geheimprojekt "Hitler-Tagebücher" wird ganz am Rande behandelt. Ende September erinnert Thomas Walde dringlich an das Tagebuch-Projekt. Zur selben Zeit bittet Peter Koch, stellvertretender Chefredakteur und einer der designierten Nachfolger von Henri Nannen, Heidemann zu einem Gespräch in sein Büro. Heidemann soll endlich seine Kündigung zurückziehen. Der ziert sich erst, lässt sich aber doch überreden. Koch schätzt Heidemanns Qualitäten als Rechercheur, er kennt aber auch dessen Nazi-Tick und weiß vom Suchen nach NS-Schätzen, nach dem verschwundenen Bernsteinzimmer, von Heidemanns Göring-Yacht und dass der Reporter trotz der vergeblichen Suche in Südamerika immer noch hinter Martin Bormann her ist. Als Heidemann ihm andeutet, dass er für Thomas Walde auf der Spur von Hitler-Tagebüchern ist, sagt ihm Koch, er solle sich auf gute Geschichten konzentrieren und die Finger "von Nazi-Scheiße" lassen.

Am 13. Oktober 1980 telefoniert Heidemann mit dem Bundesarchiv in Koblenz und Cornelimünster und bittet um Informationen über den damaligen Piloten Major Friedrich Gundlfinger. Er wird an die "Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht" (WAST) in Westberlin verwiesen. Dort erfährt er: Friedrich Anton Gundlfinger ist am 21. April 1945 am Rande des sächsischen Dorfes Börnersdorf mit seinem Flugzeug abgestürzt und auf dem Friedhof von Börnersdorf begraben worden. Das ist für Heidemann endlich der Beweis, dass die Geschichte stimmt, die er bei dem schwäbischen Industriellen erfahren hat: Dass ein DDR-General seinem Bruder im Westen die Bücher und brisanten Dokumente liefert. Börnersdorf liegt schließlich in der DDR. Jetzt muss man nur noch mehr über die Umstände des Absturzes wissen.

Anfang November nimmt Walde Kontakt mit seinem Stasi-Mann in Ostberlin auf, Deckname "Buchner", Klarnahme Herbert Brehmer. Und es beginnt eine Ost-West-Groteske, die selbst dem Regisseur Helmut Dietl zu abenteuerlich war, dem 1992 der Tagebuch-Skandal als Vorlage zu seiner preisgekrönten Filmkomödie "Schtonk" diente.

Am 15. November fliegen Walde und Heidemann nach Berlin und treffen im Palast-Hotel die Stasi-Offiziere Peter Zabern und Brehmer. Das Quartett begibt sich in die Tiefgarage des Hotels und steigt in einen Mercedes mit DDR-Kennzeichen.

In Börnersdorf hält der Wagen an der Dorfkirche, die vom Friedhof des 300-Seelen-Dorfes umgeben ist. Die Suche beginnt. Auf einer kleinen Anhöhe im hinteren Teil des Friedhofs findet Heidemann unter Kiefern versteckt 16 Holzkreuze mit Emaille-Namensschildern. Er fotografiert die Grabkreuze und den Kollegen Walde, wie er die Namen der mit Gundlfinger getöteten Flugzeug-Insassen von den Schildern abschreibt. Nun kann kein Zweifel mehr an der Fundgeschichte bestehen.

In Augsburg hat sich Heidemanns Bekannter Jakob Tiefenthäler inzwischen an die Schreibmaschine gesetzt und, wie von Heidemann erbeten, am 29. November 1980 einen Brief mit dem Zwei-Millionen-Mark-Angebot an "Conni Fischer" in Ditzingen geschrieben: "Lieber Conni, ein großer Hamburger Verlag ist an mich herangetreten, mit der Bitte, Kontakte zwischen Dir und dem Verlag herzustellen. Es handelt sich um die Tagebücher von AH, welche Du ja hast bzw. beschaffen könntest. Man nannte mir gegenüber bereits einen Betrag von zwei Millionen, den man bereit wäre zu bezahlen . . . Selbstverständlich würde die ganze Angelegenheit streng vertraulich behandelt werden."

Thomas Walde hat Mitte Dezember aus dem Gesamtdeutschen Ministerium in Bonn eine Liste aller Generale der DDR besorgt. Darin sind sämtliche Führungsoffiziere der Nationalen Volksarmee, des Staatssicherheitsdienstes und der Volkspolizei aufgeführt. Es sind auch zwei Generale mit dem Namen Fischer darin vermerkt, aber keiner mit dem Vornamen Heinz.

Anfang Januar trifft sich Gerd Heidemann mit einem Freund, der in Hamburg eine Werbeagentur besitzt. Dem erzählt er von seinen Recherchen und fragt, ob der Werber nicht einen betuchten Menschen kenne, der die Beschaffung der Tagebücher vorfinanzieren könne. Denn er sei sich nicht sicher, dass der "Stern" dafür wirklich mehrere Millionen ausgeben würde. Der Freund kennt jemanden, der das nötige Geld und die richtige politische Einstellung hat - einen Millionär aus Leiden. Der war einst Mitglied der niederländischen SS und hat nach dem Krieg im Ölgeschäft in Venezuela Millionen gemacht.

Der ist tatsächlich bereit, Geld zu investieren. Denn er ist sicher, dass sich mithilfe der Tagebücher seine Überzeugung belegen lässt, Hitler habe vom Massenmord an den Juden nichts gewusst. Für den Fall der Fälle hat Heidemann nun also auch einen Finanzier.

Am 15. Januar 1981 bekommt Heidemann von Tiefenthäler endlich die Telefonnummer des Tagebuch-Lieferanten. Er ruft ihn sofort an. Kujau meldet sich als "Fischer", Heidemann sagt, er sei Reporter beim "Stern" und habe bei einem schwäbischen Industriellen den Tagebuch-Band 1. Halbjahr 1935 gesehen und würde nun gern alle 25 Tagebücher erwerben. Kujau antwortet, es seien 27. Heidemann berichtet von seiner Reise nach Börnersdorf und dass er dort die Gräber von Gundlfinger und dessen Begleiter gefunden habe.

Heidemann ist überzeugt, endlich am Ziel zu sein. Die Tagebücher sind in greifbarer Nähe. Er informiert Walde über die glückliche Entwicklung. Beide diskutieren darüber, was nun zu tun ist. Die Chefredaktion zu informieren kommt nicht infrage. Peter Koch, gerade zwei Wochen einer der neuen Chefredakteure des "Sterns", hatte ja gesagt, Heidemann solle auf jeden Fall die Finger von "Hitler-Scheiße" lassen. Und außerdem muss bei solchen Summen wie für die Tagebücher ohnehin der Vorstand von Gruner+Jahr entscheiden, das übersteigt bei Weitem die finanziellen Freiräume der "Stern"-Chefs.

Jetzt trifft es sich gut, dass Walde mit seinem Jugendfreund Wilfried "Seppl" Sorge, dem stellvertretenden Verlagsleiter des "Sterns", weiter über die Sache gesprochen hat. Der ist bereit, ihnen nun einen direkten Draht zum Vorstand zu verschaffen. Für dieses Gespräch soll Heidemann ein Protokoll aller bisherigen Erkenntnisse anfertigen, das man den G+J-Oberen dann präsentieren kann.

Heidemann schreibt detailreich die Geschichte auf: "Für ca. 2 Millionen Mark könnte ich die 27 handgeschriebenen Halbjahrestagebuchbände, das Originalmanuskript des bisher unveröffentlichten 3. Bandes 'Mein Kampf' (von Hitler 1934 und 1935 geschrieben), die von Hitler und Kubizek geschriebene Oper 'Wieland der Schmied' und zahlreiche andere wichtige Schriftstücke bekommen ..."

Am Nachmittag des 27. Januar begeben sich Walde, Heidemann und Sorge zu Zeitschriftenvorstand Jan Hensmann. Dort kommt auch Verlagschef Manfred Fischer dazu. So tragen Heidemann und Walde ihre Jagd auf die Tagebücher den beiden Verlagsmanagern vor.

Fischer ist besonders von ihren Erzählungen über die Fahrt nach Börnersdorf mit Stasi-Begleitung fasziniert. Auch die Fotos in der Präsentationsmappe beeindrucken Hensmann und Fischer. Sie sind sich einig, dass damit der Weg zu den Tagebüchern überzeugend dargelegt ist. Fischer entscheidet, dass Heidemann die Tagebücher beschaffen soll. Er behält sich auch selbst vor, wann er seinen Vorstandskollegen und "Stern"-Herausgeber Henri Nannen und die drei "Stern"-Chefredakteure Koch, Schmidt und Gillhausen in das Projekt eingeweihen will. Denn die Runde ist sich einig, dass die ganze Aktion vorerst streng geheim behandelt werden muss.

Dann fragt Fischer Heidemann: "Wie viel Geld brauchen Sie sofort?" Heidemann antwortet, dass wohl vorerst 200 000 Mark genug seien. Er wolle dem Lieferanten das Geld zunächst nur vorzeigen, um ihm zu demonstrieren, dass er auch größere Summen ohne Quittung bar auszahlen könne.

Es ist inzwischen später Nachmittag. Alle Banken haben geschlossen. Nur die Filiale der Deutschen Bank am Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel hat noch geöffnet, dort sind auch 200 000 Mark in bar vorhanden. Heidemann unterschreibt eine Quittung und steckt die Geldbündel in eine grüne Plastiktasche. Kurz nach 18 Uhr besteigt er damit das Flugzeug nach Stuttgart.

Von nun an steht bei Gruner +Jahr die Welt auf dem Kopf. Alle bislang geltenden Spielregeln sind außer Kraft gesetzt. Alle Kontrollmechanismen zwischen Verlag und Redaktion existieren bei der nun folgenden Beschaffungsaktion für die Hitler-Tagebüchern nicht mehr.


25 Jahre nach der Affäre um die "Hitler-Tagebücher" hat Henri Nannens Chefermittler Michael Seufert aufgeschrieben, wie es dazu kam. Das Buch erscheint am 11. März im Scherz-Verlag. Bereits erschienene Folgen finden Sie unter www.abendblatt.de/tagebuecher

Morgen: Heidemann und Kujau begegnen sich zum ersten Mal persönlich